Bentley Continental GTC Speed Das Luftschloss

Viel hilft viel: Um die lahmende Kauflust der Kunden zu stimulieren, spendiert Bentley dem Continental Cabrio noch mehr Leistung und macht es zum schnellsten offenen Viersitzer der Welt. Theoretisch könnte es das Auto mit jedem Ferrari aufnehmen - doch stilecht wäre das nicht.


Monaco, Cannes, St. Raphael - Wo könnte man einen offenen Bentley besser präsentieren als an der Côte d'Azur? Während in London und New York die Wirtschaft lahmt und selbst russische Oligarchen ihre Rubel zusammenhalten, bleibt die französische Riviera das ideale Terrain für Autos wie den Continental GTC. Es trifft sich gut, dass Croisette und Corniche jetzt noch nicht ganz so voll sind wie im Sommer. Zwar weht es einem noch empfindlich kühl um den Kopf. Doch was Bentley da pünktlich zum Beginn der Open-Air-Saison unter den azurblauen Himmel rollt, erwärmt das Gemüt von Auto-Enthusiasten.

Ein Leistungsplus von neun Prozent rechtfertigt den Beinamen Speed. Der aus dem VW Phaeton entlehnte Zwölfzylinder-Motor mit Doppelturbo, der schon bislang kein Schwächling war, holt nun aus den sechs Litern Hubraum imposante 610 PS heraus. Dazu steigt das maximale Drehmoment um 100 auf jetzt 750 Nm, die beinahe vom Leerlauf bis zur Maximaldrehzahl abgerufen werden können. Es geht also, ungeachtet aller Krisenstimmung, vehement voran, wenn man aufs Gaspedal tritt.

Eindrucksvoll sind die Fahrleistungen: Während der Zwölfzylinder noch gelassen bollert, schießt das Cabrio schon davon wie früher die legendären Bentley Blower. Nicht einmal fünf Sekunden vergehen, bis die Tachonadel im fein ziselierten Cockpit über die Tempo-100-Marke wischt; und als wäre das Gesetz von der Trägheit der Masse nie entdeckt worden, jagt das Dickschiff auch danach haltlos weiter. Ein Ende findet die Raserei erst bei 322 km/h - was den Bentley Continental GTC Speed zum schnellsten viersitzigen Cabrio der Welt macht.

Unwahrscheinlich, dass Bentley-Fahrer der horrende Benzinverbrauch interessiert. Fragen zum CO2-Ausstoß werden mit dem Hinweis auf die geringen Stückzahlen gekontert. Doch komplett ignorieren kann auch Bentley das Thema nicht. "Immerhin bleibt der CO2-Ausstoß trotz der gestiegenen Leistung unverändert", sagt Projektleiter Arno Homburg und nennt dann doch noch kleinlaut den Wert von 396 Gramm CO2, die im Durchschnitt pro Kilometer durch die ovalen Endrohre strömen. Das ist viermal so viel, wie etwa ein Smart produziert.

Ein Zweieinhalb-Tonner, der auf Nonplusultra macht

Obwohl der Wagen groß und ausladend ist wie ein Dampfer, bewegt er sich durchs Esterel-Gebirge überraschend agil und halbwegs leichtfüßig. So scharf und präzise wie ein Lamborghini Gallardo oder ein Mercedes SL fährt er nicht, doch dank variabler Dämpfer, tiefer gelegtem Fahrwerk und den optionalen Keramikbremsen ist er durchaus ein Sportgerät. Groteskerweise hilft dabei der verschwenderische Umgang mit Stahl, der das Gewicht des Autos auf 2,5 Tonnen treibt: Die fette Fuhre bügelt unbeeindruckt über Bodenwellen und Schlaglöcher.

Mit den Fahrleistungen kann es der Bentley mit jedem Supersportwagen aufnehmen. Doch ein Blick in den Innenraum macht klar, dass dieses Auto buchstäblich aus anderem Holz geschnitzt ist. Zwar gibt es auf Wunsch auch Zierteile in gebürstetem Aluminium, doch wo andere Hersteller auf Carbon und Alcantara setzen, schwelgt der Bentley in Lack, Lindenfurnier und Leder. Allein aus sieben Holzvarianten und einem Dutzend Lederarten kann man wählen. Statt Schalensitze gibt es breite Sessel mit windelweichen Lederpolstern, und wo man sich etwa bei Lamborghini oft nur mit gymnastischem Geschick hinters Steuer fädeln kann, genießt man im Bentley selbst im Fond noch die Weitläufigkeit eines englischen Landsitzes.

"Kunden schätzen das Gefühl, zu können wenn sie wollten"

Wirklich ausgefahren werden diese Autos nur selten, räumt Projektleiter Homburg. "Doch viele Kunden schätzen das Gefühl, zu können, wenn sie wollten", erklärt er den Erfolg der Speed-Modelle. Für Bentley sind die schnellen Varianten der Baureihe ein gutes Geschäft. Schon das normale Continental Cabrio ist mit einem Grundpreis von knapp 200.000 Euro kein Schnäppchen. Für die Speed-Variante schlagen die Briten 20.000 Euro auf. Damit protzen kann man aber nur vor Eingeweihten: Weil Understatement zum britischen Ton der Marke gehört, erkennt man den Speed lediglich am dunkleren Teint für Kühlergrill und Felgen, der Gravur in den Einstiegsleisten und der winzigen Spoilerlippe auf dem Heckdeckel.

Bentley-Chef Franz-Josef Paefgen weiß, dass es bessere Zeiten gibt für die Präsentation eines Spaßautos, das mehr kostet als eine kleine Eigentumswohnung. Zumal die Briten etwa die Hälfte ihrer Produktion in den USA verkaufen und dort beim Continental vor allem Banker, Broker und Immobilienmarker zu ihren Kunden zählen. Deshalb hat Bentley bereits die Produktion gedrosselt, die zweite Schicht gestrichen und sich auf eine Durststrecke eingestellt. Doch nicht zuletzt mit Blick auf die Wolfsburger Konzernmutter gibt sich Paefgen überzeugt, dass Bentley die Krise überstehen und gestärkt daraus hervorgehen wird. "Irgendwann geht es auch wieder aufwärts", hofft der Chef. Und dabei kann ein bisschen mehr Rumms wie jetzt beim Continental GTC Speed kaum schaden.



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