Bentley EXP 100 GT Das Megawatt-Auto

Haben Luxuswagen in Zeiten von Klimakrise und verstopften Städten eine Zukunft? Die Volkswagen-Tochter Bentley glaubt fest daran und zeigt die Studie eines Superautos für das Jahr 2035 - mit 1360 PS.

Bentley

Bei seiner Premiere zickt Bentleys Superauto für die Zukunft. Die Studie EXP 100GT, mit der die Briten ihren 100. Geburtstag feiern, kommt nur widerwillig auf die Showbühne.

Zwar kommt es immer wieder vor, dass ein solches Konzeptfahrzeug den großen Auftritt verstolpert. Diese millionenschweren Einzelstücke werden meist unter Zeitdruck von Hand montiert und oft in letzter Minute fertig.

Fotostrecke

10  Bilder
Elektro-Superauto EXP 100GT: Breit, breiter, Bentley

Doch bei Bentleys elektrischem und autonomem Luxusliner für das Jahr 2035 hat der Patzer symbolischen Charakter. Tut sich die VW-Tochter mit dem Weg in die Zukunft doch besonders schwer.

Die Briten haben bisher wenig Antworten darauf gefunden, wie Luxusautos für Milliardäre künftig aussehen und fahren werden. Und gibt es überhaupt einen Platz für sie in einer Welt, die von Klimaproblemen, knappen Ressourcen und verstopften Städten geprägt ist?

Während die einstige Schwestermarke Rolls-Royce schon mit einem elektrischen Phantom experimentiert hat und Akku-Autos wie der Pininfarina Battista um die Gunst der Superreichen buhlen, war es zu diesem Thema bislang still am Bentley-Sitz in Crewe. Zwar haben sie dort versprochen, dass bis 2023 jede Modellreihe einen elektrifizierten Verbrenner bekommt und spätestens 2025 ein reines Akku-Auto vorgestellt wird.

Alte Bentley-Eigenschaften für die Zukunft

Doch den ersten Schritt auf diesem Weg haben die Briten verpatzt. Der gerade vorgestellte Bentayga Hybrid kommt ein Jahr später als angekündigt und ist mit seinen Fahrleistungen weit entfernt von dem, was Firmenchef Adrian Hallmark als jene "extraordinary Journey" (außergewöhnliche Reise) preist, die Bentley nun seit hundert Jahren biete.

Dass es besser geht, will der Bentley-Boss jetzt also mit dem EXP 100GT beweisen. Hallmark ist überzeugt, dass automobiler Luxus auch künftig gefragt ist. Und dass Glanz, Gloria und überbordende Motorleistung weiter zählen.

Auf den ersten Blick protzt der EXP 100GT wie jeder andere Bentley. Der Kühlergrill ist aus LED-Stäben gewoben, kupferne Zierelemente umrunden das komplett verglaste Dach. Das Format von 5,80 Meter Länge und 2,40 Meter Breite zeugt vom Überfluss der potenziellen Kundschaft.

Lederimitat aus Winzerabfällen

Recken sich die Flügeltüren elektrisch fast drei Meter in den Himmel, blickt man in eine Luxuslounge aus Lack und Leder. Drückt der Fahrer den rechten Fuß durch, soll er jenen Kick erleben, den Fans seit den "Blowern" schätzen. Das waren so etwas wie Elefanten der Rennbahn, die mit ihren Kompressormotoren den Motorsport der Dreißigerjahre dominierten. Von 0 auf 100 soll es im EXP einmal in weniger als 2,5 Sekunden gehen und dann weiter bis 300 km/h Spitze.

Auf den zweiten Blick ist beim EXP vieles nicht mehr, wie es immer war bei Bentley: Im Innenraum haben die Briten ein Lederimitat aus Winzerabfällen verbaut. Teppiche bestehen aus Wolle englischer Bioschafe, Furniere aus 5000 Jahre altem Treibholz. Die Sitze passen sich biometrisch dem Passagier an. Wer will, lässt sich vom Gran Turismo der Zukunft autonom chauffieren.

Vor allem aber der Antrieb zeugt von neuem Denken in Crewe. Denn Bentley - bis heute vom Zwölfzylinder besessen - konzipiert den EXP 100GT elektrisch. Vier Motoren leisten zusammen 1360 PS (das entspricht einem Megawatt) und entwickeln ein Drehmoment von bis zu 1500 Nm.

Wette auf den Akku der Zukunft

Speisen sollen sie einmal Festkörper-Akkus. Sie liefern Strom für 700 Kilometer und sind nach 15 Minuten zu 80 Prozent geladen. Träumen ist bei einem Showcar also erlaubt. Auf der Festkörpertechnik ruhen zwar viele Hoffnungen. Ob sie sich durchsetzen wird, ist in der Fachwelt aber umstritten. Bisher sind solche Batterien nicht verfügbar.

Langfristig setzt Bentley-Chef Hallmark auf einen Antrieb mit noch mehr Energie. Um einen Koloss wie den EXP in Schwung zu bringen, werde es auf einen Hybrid mit Batterien und Brennstoffzelle hinauslaufen.

Doch wozu all diese Kraftmeierei? Und: Wird es in zehn oder zwanzig Jahren überhaupt noch Luxusmarken wie Bentley geben?

Experte: Autofahren wird zum Luxus - das hilft Bentley

Keine Zweifel daran hat der Kölner PS-Philosoph und Designkritiker Paolo Tumminelli. Zwar registriert er, dass das Auto an gesellschaftlicher Akzeptanz verliert. "Vor hundert Jahren waren Luxusautos exklusive Objekte, die eine Kultur und einen modernen Lebensstil prägten. Heute ist das Auto allgegenwärtig und hat als Statussymbol völlig ausgedient."

Doch weil die Zahl Superreicher weltweit wächst, hätten Marken wie Bentley eine Zukunft. "300 Milliardäre rechtfertigten in den Fünfzigerjahren die Entwicklung eines Markts für Haute Couture in der Mode, heute beflügeln über 2000 Milliardäre weltweit den Markt für Luxuskarossen - Tendenz rasant steigend", sagt Tumminelli. "Ein Auto hat jeder, braucht jeder, will jeder". Trotz Flugtaxis, trotz Chauffeurdiensten wie Uber. Bald würden Zeiten kommen, in denen es schon Luxus sei, "überhaupt noch frei handeln zu dürfen - und so auch Autos zu fahren". Das helfe gerade Marken wie Bentley.

Der Elektroantrieb spielt aus Tumminellis Sicht dabei eine entscheidende Rolle. "Er dient Herstellern und Kunden als Feigenblatt, um solch verschwenderische Konstruktionen überhaupt als sozial korrekt gelten zu lassen."



insgesamt 105 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
christophscheidegger 23.07.2019
1. Hirnlose PS-Jagd und Protzerei!
Und auf welchen Strassen darf ein derart unsinniges Auto noch gefahren werden?
Mhoram 23.07.2019
2. kontraproduktiv
Die eMobilität soll die Umwelt schonen. Solche Boliden sind da kontraproduktiv, der verbrauchte Strom wird noch immer mit CO2 erzeugt und die verbauten Akkus fressen Unmengen Ressourcen. Wenn Herr Diess das nächste Mal VW als Ökokonzern darstellen will, soll er mal so etwas erklären.
jensdecker 23.07.2019
3. Wenigstens ehrlich
Ob das Ding elektrisch oder mit Palmöl aus einer ehemals Regenwaldplantage fährt, spielt bei einer solchen Resourcenverschwendung eh keine Rolle mehr ... Ob die Käufer in 2035 noch immer solche old fashion Autos werden haben wollen, wenn sie ihr Geld mit wesentlich moderneren und intelligenteren Produkten verdienen?
Spiegelpfau 23.07.2019
4. Oho
Vermutlich eher 1033kW, ist ja ein elektrisches Mobil.
471148 23.07.2019
5.
Wer hat den Stärksten, wer den größten usw. Mehr fällt der Führungselite im VW Konzern nicht ein? Wie armselig! Oder ist irreführendes Marketing angesagt nach dem Motto: Tricksen, Täuschen und Tarnen! Hoffentlich haben die Pro-Aktiven einen B O O T S F Ü H R E R S C H E I N für Kümos (Küstenmotorschiffe). So eine Lizenz werden sie IN NICHT ALLZU FERNER ZUKUNFT brauchen.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.