Autogramm Bentley Mulsanne Speed Drei Pfund Aschenbecher

Um Luxuskundschaft zu locken, muss ständig etwas Neues im Angebot sein. Also hat Bentley dem betagten Modell Mulsanne 25 Extra-PS spendiert - zum Aufpreis von 25.000 Euro.

Bentley

Der erste Eindruck: Was für ein Blickfang! Wer in einem Bentley Mulsanne vorfährt, kommt nicht ungesehen davon. Erst recht, wenn er auch noch im Farbton Flame Orange lackiert ist. Damit wirkt die neue Variante Mulsanne Speed auf dem Hotelparkplatz wie ein pinkfarbender Jumbojet auf dem Rollfeld.

Das sagt der Hersteller: Wenn man Bentley-Chef Wolfgang Dürheimer nach dem Sinn solcher Nischenmodelle in der Nische fragt, antwortet nicht der Konstrukteur, sondern der Kaufmann. Selbst dem besten Ingenieur dürfte es schwerfallen, Argumente zu finden, weshalb eine 2,7 Tonnen schwere Limousine mit 537 PS spürbar besser fahren sollte als mit 512 PS. Der Verkäufer jedoch weiß, dass der Luxusmarkt von solchen Impulsen lebt, weil sie ein vergleichsweise altes Auto noch einmal interessant machen, zumindest in einer Welt, in der es anscheinend keine anderen Sorgen gibt.

"Die 25 Mehr-PS sind für unsere Mulsanne-Kunden der Auslöser, sich wieder einen neuen Wagen zu kaufen", sagte Dürheimer in einem Interview mit der "Welt" mit entlarvender Ehrlichkeit. "Man möchte einfach das Beste." Dass der Wagen zudem einen Superlativ bietet, ist sicher kein Schaden. "Keine andere Limousine ist schneller als der Mulsanne Speed", sagt Dürheimer.

Das ist uns aufgefallen: Nichts! Man hört absolut nichts. Soeben ist der 6,75 Liter große V8-Motor angesprungen, doch akustisch kriegt man davon im Auto nichts mit. Wäre nicht das kurze Zucken des gegen den Uhrzeigersinn laufenden Drehzahlmessers gewesen, man würde den Startknopf gleich noch einmal drücken.

Allerdings kann man den Motor fühlen. Und wie! Schließlich entwickelt er irrwitzige 1100 Nm Drehmoment, die bereits bei 1750 Touren bereitstehen. Man muss deshalb nur den Gasfuß etwas senken, dann hebt sich der lange Bug ganz leicht und der Bentley nimmt Fahrt auf - und zwar mit einer Souveränität, die ihresgleichen sucht.

Es ist wie in einem Flugzeug auf der Startbahn. Erst langsam und dann umso gewaltiger treibt der Motor die Limousine voran. Und kurz bevor der Fahrwind lautstark um die Karosserie faucht, dringt plötzlich doch so etwas wie ein Motorengeräusch aus den Tiefen des Metalls ans Ohr des Fahrers. Schön, dass sich die Briten Albernheiten wie einen Sport- oder Klappenauspuff gespart haben. Für derlei Geschmacklosigkeiten werden sich schon Tuner finden.

Zwar ist die Version Speed mehr als jeder andere Mulsanne ein Fahrer- und kein Chauffeursauto, doch deshalb ist der Fond nicht minder vornehm ausgeschlagen. 14 Rinder müssen ihre Haut für das Interieur zu Markte tragen, und ein Gutteil der 400 Stunden, in denen ein Team von 298 Spezialisten jeden Mulsanne weitgehend von Hand montiert, entfällt auf die Finesse, mit der die Lederstücke vernäht, die Hölzer poliert und die Karbonkonsolen eingepasst werden.

Dazu vielleicht noch ein Kühlschrank mit handgeschliffenen Kristallgläsern für den stilvollen Champagner-Brunch auf der klimatisierten Rückbank mit eingebauten Massagekissen, ein LTE-Hotspot für eilige Börsengeschäfte oder eine 2200-Watt-Anlage für den richtigen Soundtrack - irgendwie muss man die knapp 100.000 Euro Aufpreis, die im Testwagen zusammenkommen, ja erklären.

Gut angelegt sind übrigens die netto 5100 Euro für die elektrischen Vorhänge im Fond. Denn auch wenn der Bentley zunächst alle Blicke auf sich zieht, garantieren die Gardinen den Insassen grundsätzlich Diskretion. Wenn sich - natürlich auf Knopfdruck - die Jalousien schließen, dann surren nicht wie etwa in Mercedes S-Klasse und Co. einfache Sichtschutznetze vor die Fenster, sondern dann schweben mit majestätischer Ruhe dicke schwarze Samtvorhänge vor die Scheiben.

Das muss man wissen: Kurz nach der Weltpremiere im vergangenen Herbst auf dem Autosalon in Paris begann die Produktion des Mulsanne Speed. Der Wagen kostet 323.918 Euro und ist damit rund 25.000 Euro teurer als das Serienmodell. Das ist ein happiger Aufschlag für ein Plus von 25 PS und 80 Nm Drehmoment, auch wenn die Entwickler etwa 50 Teile am V8-Motor mit Doppelturbo und Zylinderabschaltung verändert haben und zudem ein neues, sportlicheres Set-up für das adaptive Fahrwerk und die Acht-Stufen-Automatik einprogrammierten.

Das werden wir nicht vergessen: Schon wegen des Formats ist der Mulsanne beeindruckend und natürlich auch wegen seiner Leistung. Doch was wirklich in Erinnerung bleibt, das ist die Opulenz, die bei diesem Auto noch im kleinsten Detail steckt. Es gibt Klavierlack bis in die letzten Winkel, die iPad-Halterung in den elektrischen Klapptischen wird ebenfalls von einem E-Motor aufgestellt und mit den Fäden für die Ziernähte könnte man wahrscheinlich einen Schal bis zum Mond stricken. Die absolute Krönung aber sind die Aschenbecher, die in der Hand liegen wie volle Cognac-Schwenker aus geschliffenem Kristall. 526 Gramm massives Metall - vorne einmal, im Fond gleich zweimal. Und nein, nach Leichtbau fragt in diesen Sphären gewiss kein Kunde mehr.

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insgesamt 136 Beiträge
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Seite 1
mymindisramblin' 19.07.2015
1. Dinge die die Welt nicht braucht...
Ist SPON jetzt zu einem Lifestyle-Magazin für Millionäre geworden. Ich frag mich immer ob es eine Daimler S-Klasse nicht auch tun würde und stell mir dann vor was man mit der Differenz Gutes, z.B. für sozial Schwache oder in der dritten Welt, tun könnte. Aber den potentiellen Käufern für so ein resourcenverschwendendes Ungetüm stellt sich diese Frage sicherlich nicht. Die wollen allen zeigen daß sie was besseres sind und Understatement scheint die letzten Jahre wohl aus der Mode gekommen zu sein. Und bevor hier wieder die Sprüche von wegen Sozialneid kommen - nein, ich möchte so ein Ding nicht fahren, ich fahre überhaupt kein Auto, obwohl ich es mir leisten könnte und auch einen Führerschein habe. Ich kann mir nicht vorstellen dass einen so ein Eisenschwein glücklich macht, und ich mache mir Sorgen über die Richtung in die unsere Gesellschaft abgleitet. Früher war's das goldene Kalb, heute ist's halt das Auto...
ffmfrankfurt 19.07.2015
2. Ich möchte
dieses Auto nicht geschenkt haben - zu unpraktisch, hässlich, maßlos. ABER: die Ingenieurskunst, der Aufwand und die Liebe zum Detail fasziniert mich.
Dr.W.Drews 19.07.2015
3. Sie sprechen mir aus der Seele...
Zitat von mymindisramblin'Ist SPON jetzt zu einem Lifestyle-Magazin für Millionäre geworden. Ich frag mich immer ob es eine Daimler S-Klasse nicht auch tun würde und stell mir dann vor was man mit der Differenz Gutes, z.B. für sozial Schwache oder in der dritten Welt, tun könnte. Aber den potentiellen Käufern für so ein resourcenverschwendendes Ungetüm stellt sich diese Frage sicherlich nicht. Die wollen allen zeigen daß sie was besseres sind und Understatement scheint die letzten Jahre wohl aus der Mode gekommen zu sein. Und bevor hier wieder die Sprüche von wegen Sozialneid kommen - nein, ich möchte so ein Ding nicht fahren, ich fahre überhaupt kein Auto, obwohl ich es mir leisten könnte und auch einen Führerschein habe. Ich kann mir nicht vorstellen dass einen so ein Eisenschwein glücklich macht, und ich mache mir Sorgen über die Richtung in die unsere Gesellschaft abgleitet. Früher war's das goldene Kalb, heute ist's halt das Auto...
Sie sprechen mir aus der Seele. Aber gesamtwirtschaftlich haben Sie und meine Seele unrecht. Denn wenn gewalttätige Autokraten Geld ausgeben für ein Auto dieser Art, dann erzeugt dies einige hochwertige Arbeitsplätze für sehr gute Handwerker. Und wenn sich korrupte Fifa-Milionäre ein solches Auto nur deshalb kaufen weil es 25 ps mehr hat als ihr alter Bentley, dann kommt ein gebrauchter Bentley auf den Markt und die Arbeiter haben wieder eine schöne Arbeit und es gibt einen günstigen Bentley auf dem Zweitmarkt.
schumbitrus 19.07.2015
4. Haha, das bedient die Illusion ..
Haha, das bedient die Illusion, "das Beste" zu haben, was es auf dem Markt gibt - vor allem aber bedient es den Repräsentationszwang: Wer dem aus äußeren Gründen ausgesetzt ist, und dies mit so einem Statussymbol beantwortet, hat sein Leben hinter sich. Und wer aus eigenem Antrieb heraus seinen Status damit repräsentieren will, ist ziemlich aus der Zeit gefallen .. Aber klar: Es gibt genug Leute, die jeden noch so banalen Gebrauchsgegenstand benutzen, um sich vom gewöhnlichen Volk abzugrenzen. Und die politisch gewollte spät-römische Dekadenz mit dem anstrengungslosen Wohlstand einer kleinen Finanz-Mafia und Macht-Clique schafft dann die Marktchancen für so einen Unfug ..
sebastian69 19.07.2015
5.
Einfach nur genial... Ich liebe diese Bentleys. Souveränität pur!
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