Autogramm BMW Einser Innen Normalo, außen Krawallo

Wen interessiert schon das Fahrverhalten? In der Kompaktklasse offenbar niemand. Deshalb opfert BMW jetzt beim Einser den einzigartigen Heckantrieb praktischen Erwägungen - und baut so einen richtig guten Golf-Gegner.

Tom Grünweg

Der erste Eindruck: Wie in einen Eimer mit Anabolika gefallen.

Das sagt der Hersteller: Mehr Platz, mehr Qualität, mehr Komfort - wenn Holger Stauch aufzählt, was sich die Kunden vom neuen Einser gewünscht haben, kommt die von BMW so hoch gehaltene Freude am Fahren nicht vor. Kein Wunder also, dass der Projektleiter für das Einstiegsmodell vergleichsweise leichtfertig ein Alleinstellungsmerkmal geopfert hat, das den Gegner von Mercedes A-Klasse und Audi A3 aus der Masse der Kompakten abgehoben hat: Statt über die Hinter- wird der nächste Einser jetzt über die Vorderachse angetrieben.

Natürlich hat das auch andere Gründe, räumt Stauch mit Blick auf die Plattform des Einsers ein. Die teilt sich BMWs Kompakter jetzt mit dem Tourer der Zweier-Reihe und den Mini-Modellen. "Damit erfüllen wir den Wunsch der Kunden nach mehr Platz und sparen obendrein auch Gewicht", sagt Stauch. In Zahlen seien das 30 Millimeter mehr Kniefreiheit im Fond, 20 Liter mehr Kofferraum und 20 Kilo weniger auf der Waage.

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Autogramm BMW Einser: Artig, nicht anders

Das ist uns aufgefallen: Einser? Dreier? Fünfer? Nach dem Einsteigen lässt sich diese Frage zumindest für Fahrer und Beifahrer nur schwer beantworten. Denn der Einser wurde nun als letzte große Baureihe der Bayern auf das neue Infotainment-Konzept umgestellt. Dadurch ist sein Cockpit zwar unoriginell, aber dafür up to date: Es gibt digitale Instrumente und zum ersten Mal im Einser die Option auf ein vollwertiges Head-up-Display ohne Plexiglasscheibe. Außerdem einen großen, gut integrierten Touchscreen und eine Software, die neben Berührung und Gesten auch halbwegs freie Sprachkommandos erkennt und so zu einem digitalen Co-Piloten wird, wie man ihn aus Stuttgart von MB UX ("Hey Mercedes") kennt.

Obwohl sich die Kunden offenbar wenig dafür interessieren, pflegt BMW natürlich sein sportliches Image. Die Sitzposition ist etwas einnehmender als in anderen Kompakten, die Sitze sind etwas straffer, das Lenkrad liegt so gut in der Hand, dass man die erste Kurve kaum erwarten kann.

Das gilt besonders für den M135i, einen Kraftmeier auf GTI-Niveau, mit dem BMW alle Zweifel an den dynamischen Qualitäten des frontgetriebenen Einsers im Keim ersticken will. Der Wagen geht mit 306 PS und einem Drehmoment von 450 Nm zu Werke, und die Frage, ob jetzt Front- oder Heckantrieb besser ist, erübrigt sich dank serienmäßigen Allradantriebs von selbst.

Aber auch die weniger üppig motorisierten Varianten wie der 118d mit 150 PS und 350 Nm Drehmoment, von dem sich Projektleiter Stauch den größten Verkaufsanteil in Deutschland verspricht, geben sich dynamisch. Wo der Golf eher dahingondelt und auch die A-Klasse mal lockerlässt, ist der Einser immer eine Spur aufgeweckter als die Konkurrenz und motiviert den Fahrer zu mehr Einsatz.

Wer dieser Lockung nachgibt, erlebt den kompakten Münchner tatsächlich als einen Fronttriebler, der agiler ist als die meisten Konkurrenten auf dem jeweiligen Leistungsniveau. Das liege vor allem an der "aktornahen Radschlupfbegrenzung", erklären die Ingenieure und halten einen Vortrag über die nach dem Vorbild des i3 konzipierte Elektronik. Sie soll das bei Fronttrieblern sonst oft so nervige Untersteuern, bei dem das Auto in Kurven über die Vorderräder nach außen schiebt, beim Gasgeben wirkungsvoll verhindern. Das System wurde vom Steuergerät für die Traktionskontrolle direkt in die Motorsteuerung verlegt. Ohne lange Signalwege ist sie real drei Mal schneller und fühlt sich für den Fahrer sogar zehn Mal schneller an, sagt einer der Entwickler.

Wissen will das in dieser Klasse wahrscheinlich keiner, aber spüren kann das jeder, der einmal beherzt über die Landstraße prescht. Und das dürfte womöglich ein besseres Argument sein als die zusätzlichen Zentimeter vor der Rückbank und die paar gewonnenen Liter dahinter. Denn wer wirklich ein praktisches Auto sucht in dieser Klasse, sorry Herr Stauch, der kauft doch ohnehin einen Zweier Active Tourer oder einen X1 oder X2.

Werfen Sie einen Blick in den Innenraum des BMW 1er - mit unserem 360-Grad-Foto:

Das muss man wissen: Der neue Einser, den es diesmal nur noch als Fünftürer geben wird, kommt nach der Publikumspremiere auf der IAA in Frankfurt noch im September in den Handel. Es gibt ihn neben dem M135i zunächst nur mit einem weiteren Benziner als 118i, der mit einem Grundpreis von 28.200 Euro vorläufig die Basis markiert. Ihn treibt ein 1,5 Liter großer Dreizylinder mit 140 PS an, der 213 km/h schafft und im Mittel 5,0 statt der 6,8 Liter des M135i braucht. Größer ist die Auswahl bei den Dieseln: Da gibt es unter dem 118d mit seinen vier Zylindern und zwei Litern Hubraum einen 116d mit 116 PS, der ebenfalls drei Zylinder und 1,5 Liter Hubraum hat, 200 km/h erreicht und mit 3,8 Litern Normverbrauch das sparsamste Mitglied der Familie ist. Darüber liegt der 120d mit dem gleichen Vierzylinder wie der 118d, nur dass dann 190 PS und 400 Nm und serienmäßig Allrad im Datenblatt stehen.

Zwar hat BMW noch mehr Motoren in Petto und wird vor allem bei den Benzinern die Lücken füllen. Doch so richtig zukunftsfest wirkt das Motorenportfolio nicht. Denn Stauch hat weder eine Elektro-, noch eine Plug-in-Variante geplant und hält selbst Mild-Hybride in dieser Klasse noch für zu teuer.

Das werden wir nicht vergessen: Die Niere von fast schon peinlicher Größe, die Karosserie wie mit Botox aufgespritzt und das M Performance-Modell gleich zum Start. Als hätten sie nach dem Wechsel des Antriebskonzepts Angst vor dem Imageverlust, tun sie bei BMW alles dafür, dass der Einser als Sportler unter den Kompakten wahrgenommen wird. Auch wenn er nicht mehr anders ist als die anderen, will er partout nicht artig sein.

Fahrzeugschein
Hersteller: BMW
Typ: M135i (2019)
Karosserie: Steilheck der Kompaktklasse
Motor: Vierzylinder-Turbo-Benzin-Direkteinspritzer
Getriebe: Achtgang-Automatik
Antrieb: Allrad
Hubraum: 1.990 ccm
Leistung: 306 PS (225 kW)
Drehmoment: 450 Nm
Von 0 auf 100: 4,8 s
Höchstgeschw.: 250 km/h
Verbrauch (ECE): 6,8 Liter
CO2-Ausstoß: 155 g/km
Kraftstoff: Super
Kofferraum: 380 Liter
umgebaut: 1.200 Liter
Gewicht: 1.600 kg
Maße: Länge/Breite/Höhe in mm: 4319/1799/1434
Preis: 48.900 EUR


insgesamt 124 Beiträge
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Speedwing 19.07.2019
1. Und einmal mehr...
...eine überflüssige Motorenvariante getestet, die in der heutigen Zeit niemand braucht. Mit den elektronischen Helferlein im Stau stehen kommt auch besonders gut. Und dann einen Dreizylinder, echt Tipp mit dieser Super Frontoptik. Oh, Ihr Designer, was ist bloß aus Euch geworden. Prolloptik ist endlich in der so genannten Kompaktklasse angekommen. Vielen Dank auch.
spon-1310657298048 19.07.2019
2. Nach Lehrbuch...
war der alte 1er kein Heckantrieb, sondern ein sogenannter Standardantrieb: Motor und Getriebe vorn, Antrieb hinten. Ein Heckantrieb ist: Motor und Getriebe hinten, Antrieb hinten. Beispiel: VW Käfer, Porsche 911. Schade, dass das immer wieder durcheinander gebracht wird.
Bin_der_Neue 19.07.2019
3. die "nochmal vergrößerte und prominenter inszenierte Niere"
..ist einfach nur eine potthässliche Entartung des einst so eleganten Designmerkmals von BMW. Angepasst an die deutsche Hoppla-jetzt-komm-ich-in-meinem-Teutonenbomber-Kultur. Dicker. Breiter. Größer. Und nicht zu vergessen die obligatorische OLED-Orgie. Lächerlich.
suedniedersachse 19.07.2019
4. Was für ein absurder Haufen Blech und Plastik.
Der BMW 1er stand für Fahrdynamik und Handlichkeit. Schön war er nie. Es gab ihn mit sehr guten R6 Motoren und Heckantrieb. Was bleibt? Ein Plastikhaufen auf Anabolika. Und billigem Frontantrieb. Dazu Laubgebläsemotoren ohne Hubraum, jedoch mit über 300 PS. Ganz prima. Hält bestimmt richtig lang.
qoderrat 19.07.2019
5. Gewicht
Der M135i hat tatsächlich 1600kg Leergewicht, zul. Gesamtgewicht 2085kg laut BMW Webseite. Für einen Sportler in der Klasse ist das schon ziemlich viel, finde ich. Naja, ist sowieso nicht meine Preisklasse, Schon der Grundpreis für das Einstiegsmodell ist fast auf der Höhe den günstigeren E-Kfz. Da würde ich schon ein bisschen ins Grübeln kommen, wenn ich so viel Geld bereit wäre für ein Fahrzeug auszugeben.
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