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30. April 2015, 11:35 Uhr

Fahrbericht Zweier Active Tourer

Es passt nicht

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Mit dem Active Tourer wollte BMW Familien begeistern, die sich für dynamisch halten. Bislang ist es eher eine unerwiderte Liebe - und ein ausgiebiger Test zeigt auch, warum.

"Fail", kommentiert mein Sohn trocken. Er ist dreizehneinhalb und das Wort "Fail" ist bei ihm und seinen Kumpels der universell einsetzbare Ausdruck dafür, wenn etwas schiefläuft. Wir stehen im Parkhaus von Ikea. Ein Besuch im schwedischen Möbelhaus ist der Härtetest für Ehen und Familien. Und auch für Familienautos, wie der BMW Active Tourer eins sein will. Und ausgerechnet hier "failed" der Wagen.

Es wollen verladen werden: drei Kartons von gut zwei Metern Länge. Es können nicht verladen werden: drei Kartons von gut zwei Metern Länge. Die Rückbank ist umgelegt, aber das allein ergibt nicht genug Stauraum. Es müsste sich noch die Lehne des Beifahrersitzes umklappen lassen, doch genau das geht nicht. Wie ich später herausfinden werde, ist der zusammenklappbare Beifahrersitz ein aufpreispflichtiges Feature. Das wäre noch nicht mal ein Problem, wenn sich die Lehne des Beifahrersitzes wenigstens in die Liegeposition bringen lassen würde, doch auch hier - "Fail".

Diese Situation ist irgendwie Beispielhaft für den Active Tourer. Ein Fahrzeug, mit dem BMW einerseits Vernunftautos wie dem VW Sportsvan, Opel Zafira oder Ford C-Max Konkurrenz machen will. Gleichzeitig soll und muss er aber auch immer und überall erkennbar ein BMW sein. Und diese beiden Ansprüche konnten beim ersten Wurf in dieser Fahrzeuggattung offenbar noch nicht in allen Punkten glücklich zusammengebracht werden.

An wen erinnert der Wagen nur?

Zum Beispiel beim Design. Wie seine Konkurrenten auch, verfügt der Active Tourer über einen relativ hohen Aufbau und eine sehr schräg stehende, große Frontscheibe. In Verbindung mit dem BMW-Markengesicht, und zwar der flachen Version, wie sie zum Beispiel auch der Dreier trägt, entsteht eine seltsame Front. Man steht vor dem Auto und sieht eine Ähnlichkeit. Aber womit nur? Nach einer Weile dann dämmert es: Der Active Tourer sieht aus wie eine Ratte. Die stark heruntergezogene Front mit der Niere in der Mitte, sie starrt einen an wie ein feindseliger Nager.

Auch beim Fahrverhalten hat man dem Active Tourer mit der Verabreichung der BMW-DNA nicht unbedingt einen Gefallen getan. Dabei war am wenigsten der von manchem Fan der Marke im Vorfeld der Markteinführung verteufelte Frontantrieb ein Problem. Ganz ehrlich: den Unterschied bemerkt im für diese Fahrzeugklasse typischen Fahrbetrieb niemand.

Auch der Motor ist es nicht, im Gegenteil: der Dreizylinder ist ein Highlight bei diesem Wagen. Er klingt erstaunlich kernig, ohne aufdringlich zu sein. Er entwickelt genügend Schubkraft, um mit dem Active Tourer flüssig im Verkehr mitschwimmen zu können und hat trotzdem adäquate Trinksitten. Wer auch immer noch denken mag, ein Dreizylinder sei für BMW ein Sündenfall, wird von diesem Aggregat eines Besseren belehrt.

Der Fluch der Sportlichkeit

Das Problem ist das Fahrwerk. Wer um alles in der Welt braucht bei so einem Auto eine sportlich-dynamische Abstimmung? Das Familienleben ist in der Regel hart genug, da dürstet es eher nicht nach einer knackigen Aufhängung. Auf der Autobahn geht es bei hohen Geschwindigkeiten noch einigermaßen gediegen zur Sache. Doch in der Stadt machen sich schon Gullideckel unangenehm bemerkbar. Und beim Rumpeln über Kopfsteinpflaster fährt man unweigerlich mit der Zunge über die Backenzähne und prüft, ob die Füllungen noch an Ort und Stelle stecken.

Wie angenehm wäre hier ein sanfteres, entspannendes Federverhalten gewesen. Aber nein, auch der Pampersbomber muss ja die BMW-typische Dynamik verkörpern, auch wenn für diesem Wagen die Freude am Fahren ganz anders hätte definiert werden müssen.

Ansonsten gibt es wenig zu bemängeln. Ausstattung und Verarbeitung sind auf dem von BMW gewohnten Niveau, das Entertainmentsystem ausgereift und ohne Tücken. Das Sechsganggetriebe könnte etwas geschmeidiger sein und der Kofferraum größer - da wird schon das Verstauen von Kinderwagen zum Tetris-Spiel.

Am Ende des Testzeitraums stellte sich für uns vor allem eine Frage: Warum BMW dieses Auto baut. Als echtes Familienauto ist es an vielen Stellen noch zu unpraktisch. Und als Trostpflaster für eherne BMW-Anhänger, die sich nicht von ihrer Lieblingsmarke trennen wollen, zu unsportlich. Es ist ganz offensichtlich, dass man bei BMW mit diesem Segment noch fremdelt. Immerhin, es ist ja auch der erste Anlauf. Beim zweiten Anlauf sollte es dann aber besser klappen - auch mit der Beifahrersitzlehne.

Ein Autogramm zum jüngst vorgestellten, deutlich familienkompatibleren 2er Gran Tourer finden Sie hier.

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