BMW 7er Auf einen Streich

Die Münchner möchten "in ein neues Automobilzeitalter vorstoßen", weiter nichts. Vehikel der Zukunfts-Reise ist die neue Oberklassen-Limousine BMW 745i, die jetzt erstmals für Fahrtests zur Verfügung stand. SPIEGEL ONLINE war mit dem neuen Topmodell der weiß-blauen Marke unterwegs.


Der neue BMW 7er bewegt sich zügig und agil

Der neue BMW 7er bewegt sich zügig und agil

"Drive the Luxury" ist das Event übertitelt. Binnen fünf Wochen schleust BMW mehrere hundert Autojournalisten aus aller Welt durch die Veranstaltung im italienischen Kurort Fiuggi, gelegen inmitten des Gebirgszuges Monti Ernici zwischen Rom und Neapel. Entlang der eindrucksvollen Kuppen ziehen sich auch die Teststrecken, auf denen die ersten "Luxusfahrten" im neuen 7er vonstatten gehen. Und im noblen Kurhotel von Fiuggi bemühen sich die BMW-Leute, den Medien-Leuten die Botschaft vom grundlegend neu konstruierten Fahrzeug nahe zu bringen.

"Mit diesem Auto machen wir einen mächtigen Schritt in die Zukunft", sagt Projektleiter Anton Ruf. Der Wagen orientiere sich weder am Vorgänger noch an einem Wettbewerbsmodell. Er ist der erste in einer ganzen Reihe von neuen BMW-Modellen, die Schluss machen mit der jahrelang praktizierten Praxis, Variationen einer im Grunde immer gleichen Form vorzustellen.

Das Design ist gewöhnungsbedüftig

Das Design ist gewöhnungsbedüftig

Prompt hagelt es Kritik am Design-Neuanfang. "Plump" und "protzig" sehe die neue Toplimousine aus, war auf dem IAA-Stand von BMW von Besuchern zu hören, das Heck wirke "wulstig" und "unproportional". Selbst Mitarbeiter der Münchner räumen ein, sie seien "zunächst entsetzt" gewesen vom neuen Karosserie-Design des BMW-Kreativchefs Chris Bangle. Inzwischen haben sich zumindest die Mitarbeiter mit der neuen Form versöhnt. Außerdem: Mit Ausnahme des in der Tat ungewöhnlich gestalteten Kofferraumdeckels ist die Formgebung der Karosserie durchaus elegant und gar nicht so verstörend neu oder anders, wie häufig suggeriert wird.

Ohne umfassende Einweisung geht nichts

Ohne umfassende Einweisung geht nichts

Die tatsächliche Neuerung spielt sich im Innenraum ab. Reinsetzen und losfahren geht beim neuen 7er eigentlich nicht. Zumindest nicht bei der ersten Begegnung mit dem Wagen. Etwa 15 Minuten für die erste Einweisung sollte man einkalkulieren, um wenigstens die Grundfunktionen der Tasten und des i-Drive-Systems zu kapieren. Zentrales Thema des neuen Bedienkonzepts sei es, "Funktionalität beherrschbar zu machen", sagt Marketing-Mann Joachim Blickhäuser. Zwar sitzen die zum Fahren notwendigen Funktionen entweder direkt am oder um das Lenkrad verteilt, doch auch hier gibt es einige Neuheiten.

Die elektronische Feststellbremse zum Beispiel oder der Tempomat, der sich bis zu sechs eingespeicherte Geschwindigkeiten merken kann. Oder den Lenkstockhebel für die Sechsgang-Automatik, deren Gangwechsel auf Wunsch auch per Tasten im Lenkrad gesteuert werden können.

Fahrzeugschein
Hersteller: BMW
Typ: 745i
Karosserie: Limousine
Motor: V8-Benziner
Hubraum: 4.398 ccm
Leistung: 333 PS (245 kW)
Drehmoment: 450 Nm
Von 0 auf 100: 6,3 s
Höchstgeschw.: 250 km/h
Verbrauch (ECE): 10,9 Liter
CO2-Ausstoß: 258 g/km
Kofferraum: 500 Liter
Versicherung: 24 (HP) / 38 (TK) / 31 (VK)
Preis: 71.000 EUR
Wer in die Tiefe dessen vordringen will, was der neue 7er tatsächlich bietet, muss sich in Ruhe mit dem so genannten Control Center auseinander setzen. Mit Hilfe des "Controllers" in der Mittelkonsole kann auf dem zentral angeordneten "Control Display" durch acht Menüs navigiert werden, um die Gebläseströmungen zu verteilen, Bässe und Höhen der Musikanlage zu steuern, Börsenkurse oder Bundesligaergebnisse abzurufen oder Ölvorrat und Bremssystem zu kontrollieren.

Wer nutzt so etwas? Vermutlich nur ein Bruchteil der 7er-Kundschaft. Ähnlich wie bei modernen Textverarbeitungsprogrammen für Computer, die Tabellen, Fußnoten und vieles mehr beherrschen, meist aber nur wie eine simple Schreibmaschine genutzt werden - ähnlich also dürfte es sich mit der Funktionsflut des Control Centers verhalten. Im Golfclub oder beim schicken Italiener ist das Bedienkonzept als Argument für den Wagen unschlagbar - im Autoalltag spielt es wohl nur selten eine Rolle.

Fahrer als Pilot?

Fahrer als Pilot?

Dort überzeugt vielmehr der Fahreindruck, und der ist beim neuen 7er ausgezeichnet. Das ist natürlich nicht weiter überraschend nach einem Blick auf das Datenblatt. Andererseits ist es schon imponierend, wie sich das Auto bewegt: Zügig, agil, handlich und für ein beinahe zwei Tonnen schwere Gefährt auffällig leichtfüßig.

Voraussetzung dafür ist allerdings, die Sechsgang-Automatik arbeitet im Sport-Modus. Dann werden die Gänge besser ausgedreht, der Achtzylinder schickt ein sanftes Fauchen in den Innenraum und man kommt schneller an die nächste Tankstelle. Dies ist auch nötig, denn unser Testauto zum Beispiel schluckte nach Auskunft des Bordcomputers 15,6 Liter Sprit im Durchschnitt.

Eine Vielzahl elektronischer Ausstattungsdetails

Eine Vielzahl elektronischer Ausstattungsdetails

Bereits in der Serienversion bietet das neue Modell insgesamt 43 Ausstattungsdetails, die es im bisherigen 7er noch nicht gab. Dazu gehören zum Beispiel das automatische Öffnen und Schließen des Kofferraumdeckels, das beschriebene Control Center, drei Drei-Punkt-Gurte im Fond, die dynamische Traktionskontrolle, die elektronische Bremskraftverteilung, der Start-Stop-Knopf, die stufenlose Türbremse, die Scheibenwaschdüsen am Wischarm und ein Make-Up-Spiegel für die Passagiere auf den Rücksitzen.

Ab 17. November steht der neue 7er bei den Händler - übrigens auch in einer etwas leistungsschwächeren Version als 735i (mit 272 PS/200 kW) und für 125.173 Mark. Teuerstes Extra in der langen Liste an Sonderausstattungen sind übrigens die geschmiedeten Leichtmetallräder in Sternspeichenoptik mit Mischbereifung für 5476 Mark.

Jürgen Pander



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