Testfahrt BMW CE 04 Elektrischer Neustart

BMW Motorrad denkt um – alle Roller sollen künftig elektrisch fahren, wie bereits jetzt der CE 04. An dem zeigt sich: Es hat viele Vorteile, ein solches Kraftrad um einen Akku herumzukonstruieren.
Batterie-Motorroller BMW CE 04

Batterie-Motorroller BMW CE 04

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Markus Jahn / BMW Motorrad

Der erste Eindruck: Das ist kein Fahrzeug für Menschen, die unauffällig von A nach B wollen. Der bayerische E-Scooter CE 04 kommt avantgardistisch und wie ein Batmobil daher.

Das sagt der Hersteller: Der »neue elektrische Champion für die Stadt«, wie BMW Motorrad dichtet, ist nicht der erste E-Roller aus München. Schon 2014 kam der C Evolution auf den Markt. Der war zwar batteriebetrieben, aber ansonsten nicht originell: Basis war ein Verbrenner-Roller aus der C-Klasse, dem in Spandau ein Akkublock implantiert wurde.

Der CE 04 ist anders. »Wir haben den Evolution komplett abgeschrieben und von null aus ein reines Elektrofahrzeug entwickelt«, sagt Projektleiter Florian Römhild. Dabei haben die Entwickler auf gemeinsame Erfahrungen mit den Kollegen aus dem Automobilbau zurückgegriffen: Der neue Antrieb nutzt 40 Lithium-Ionen-Zellen, die auch im elektrischen BMW iX stecken. Der neue Stromspeicher ist fast die Hälfte kleiner und mit hundert Kilo um ein Drittel leichter als beim C Evolution, bei gleicher Ladekapazität und Reichweite. Er liegt zudem ganz tief und baut sehr flach.

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BMW CE 04: Stilles Schaulaufen

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Markus Jahn / BMW Motorrad

Das eröffnet dem Design neue Möglichkeiten. »Klar wollten wir möglichst viele clevere, funktionale Detaillösungen wie den seitlichen Koffer reinpacken«, erklärt Designchef Edgar Heinrich. Aber Hauptaufgabe sei gewesen, eine zukunftsorientierte Form zu finden, die Kunden emotional anspricht – »ein Signal für die Zweiradzukunft im Metropolenverkehr«.

Alle kommenden »urbanen Modelle« der Marke werden rein elektrisch, möglichst emissionsfrei und leise fahren, bestätigte BMW-Motorrad-Chef Markus Schramm bei der CE 04-Vorstellung in Barcelona. Alle Stromer werden im Werk Spandau montiert; alle 18 bis 24 Monate soll dort in den nächsten Jahren ein neues Modell vom Band laufen. Für 2025 ist das erste BMW-Motorrad mit E-Antrieb avisiert.

Das ist uns aufgefallen: Heinrich und sein Designteam haben ihre Aufgabe gut gelöst: keine unnötigen Schnörkel, dazu minimalistische Flächen und 15-Zoll-Scheibenräder; die schwebende Bügelbrettsitzbank als Eyecatcher. Doch wie macht sich der Roller beim Fahren? Aufsitzen zum Testlauf in Barcelona. Der Funkschlüssel bleibt in der Tasche. Handbremse gezogen, ein Knopfdruck und der Stromer surrt los.

Das mit Apps vernetzte 10,25-Zoll-TFT-Farb-Display wirkt futuristisch und zeigt Geschwindigkeit, Ladestand, Restreichweite und Rekuperation an. Der Grad der automatischen Energierückgewinnung ist abhängig von den Fahrmodi Eco, Rain, Road und Dynamic (als Zubehör). Und ja, der CE 04 geht ab. Schon im Road-, aber besonders augenfällig im Dynamic-Modus, hat kein Verbrennungsmotor beim Ampelstart eine Chance gegen die Elektropower. In nur 2,6 Sekunden steht die digitale Anzeige auf 50 km/h; als Höchstgeschwindigkeit hat BMW 120 km/h einprogrammiert.

Etwa sechzig Kilometer geht es durch Barcelona, mit diversen Rotphasen, Schlängelpassagen durch den Stau, freier Fahrt auf der Stadtautobahn und schnellem Anrennen im Dynamic-Modus hoch zum Hausberg mit dem Gran Hotel La Florida. Danach zeigt die Ladung noch über 50 Prozent – die angegebene Reichweite von 130 km ist also realistisch. Zu wenig? Nicht nach BMW. Sieben Jahre Erfahrung mit am Ende 8700 C Evolution-Scootern haben gezeigt: Die meisten werden in Paris und anderen Zentren gefahren – mit im Schnitt unter 20 Kilometer pro Tag.

Für diesen Einsatz ist der CE 04 auch ein funktionales Arbeitstier; er steht anderen Großrollern wie dem T Max oder dem Burgman dabei in nichts nach. Stauraum ist unter dem erstaunlich bequemen Sitzbrett – von dem es sechs Varianten gibt – genügend vorhanden; er fasst Integralhelm und das Ladekabel mit dem Typ 2-Stecker. Bürotasche und Regenkleidung passen wahlweise in ein Topcase oder ein seitliches Softbag.

Der Roller lässt sich an Haushaltssteckdosen laden, über ein Zusatzkabel aber auch an einer privaten Wallbox oder öffentlichen Ladestationen. Je nach Ausstattung lädt der CE 04 mit 2,3 kW (Standard) oder 6,9 kW Leistung (gegen Aufpreis). Die Ladezeiten von 0 auf 100 Prozent liegen je nach Ausstattung zwischen 4:20 und 0:45 Stunden.

Unterwegs segelt der CE 04 leicht surrend, aber doch stiller als jeder Benziner durch den Verkehr, wie ein edler Jollenkreuzer. Wie beim Segeln gilt: Länge läuft. Und lang ist das BMW-E-Flaggschiff. Weil das Batteriepaket tief zwischen den Rädern im Stahlrohrrahmen hängt, liegt der Radstand bei beeindruckenden 1675 mm und damit nur 56 mm unter dem des riesigen R 18 Boxers (1731 mm). Der CE 04 ist also komfortabel und die Ruhe selbst; der Roller fährt sich spurstabil wie ein Motorrad mit Highend-Fahrwerk und Bremsen. Das Elektronikpaket mit ABS, Traktionskontrolle DCT und Schlupfkontrolle ASC liegt auf gewohnt hohem BMW-Niveau.

Wo kann BMW noch nachbessern? Sicher beim Windschutz. Der zahlt einen hohen Preis für das Design. Im Sommer mag man die Kühlung genießen, doch im Winter streicht der Wind an der relativ niedrigen Frontschürze vorbei und durch zwei Luftkanäle unangenehm über die Oberschenkel.

Dies und andere Nickligkeiten wie die etwas grob geratenen Soziusfußrasten verschmerzt, wer auf manche cleverere Lösung schaut: Brillant ist die Idee, die bei E-Scootern vorgeschriebene Feststellbremse am Lenker wegzulassen. Sie ist stattdessen mit dem Seitenständer kombiniert: Wird der ausgeklappt, stellt die Bremse scharf.

Technische Daten BMW CE 04

Hersteller:

BMW Motorrad

Typ:

CE 04

Karosserie:

Motorrad

Motor:

Elektromotor

Getriebe:

Direktübersetzung

max. Leistung:

31 kW

Batteriekapazität:

8,9 kWh

WMTC-Verbrauch:

7,7 kWh/100 km

Höchstgeschwindigkeit:

120 km/h

Gewicht:

231 kg

Preis:

11.990 Euro

Das muss man wissen: Der Roller soll im Frühjahr 2022 zu den Händlern kommen. In der Standardversion liefert BMW den CE 04 zum Einstiegspreis von 11.990 Euro aus, in Lightwhite uni und ziemlich nackt ohne Zusatzausrüstung.

Stylisch und funktional wird der Roller durch das Avantgarde-Design in Magellangrau metallic, sowie die Komfort- und Dynamic-Pakete mit Sitzheizung, Heizgriffen sowie ABS Pro, Headlight Pro, Tagfahrlicht, Kurvenlicht und den Fahrmodus Dynamic. Zusätzlich schlägt der Schnelllader zu Buche. Unter dem Strich knackt man mit dem Gesamtpaket die 15.000 Hürde locker. Eine gedrosselte 11 kW-Version gibt es ebenfalls – für A1-Führerscheinneulinge und Fahrer mit Klasse-B-Führerschein, die sich nachschulen lassen.

Das werden wir nicht vergessen: Die Information, dass BMW Motorrad den CE 04 Behörden schmackhaft machen will. BMW hat deshalb schon eine Polizeiversion des neuen Scooters vorgestellt. Die E-Einsatzfahrzeuge werden in Spandau bereits länderspezifisch gefertigt: mit eigenem Kabelbaum für die anspruchsvolle Stromversorgung, Blau- und Orangelicht, speziellen Armaturen, programmierbaren »Follow Me«-Schrift-LEDs, Sprach- und Siegelaufklebern und eigenen Koffersystemen. Auf Wunsch werden auch Gewehrhalterungen montiert.

Jochen Vorfelder ist freier Autor und wurde bei seiner Recherche von BMW Motorrad unterstützt. Die Berichterstattung erfolgt davon unabhängig.