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MW F 900 XR

Foto: Joerg Kuenstle/ BMW

BMW F 900 XR im Test Eine für alle

Die neue F 900 XR soll alle glücklich machen: den Supersportler, der neuerdings Rücken hat, und den Motocross-Fan, der aber in Wahrheit gar nicht mehr ins Gelände will. Das klappt erstaunlich gut.

Der erste Eindruck: Für 'ne BMW echt putzig.

Das sagt der Hersteller: BMW hat seine Modellpalette breit aufgefächert. Einsteigerbikes sowohl für die Straße als auch für den Enduro-Abenteurer, Premium zum Reisen mit sechs Zylindern, Retro-Boxer und den absoluten Verkaufsschlager GS - fast alles vorhanden, im Portfolio.

In der Mittelklasse zwischen 600 und 900 Kubik allerdings gibt es für den Münchner Hersteller noch lohnende Lücken, trotz der starken Konkurrenz aus Italien oder Japan. So sah es jedenfalls BMW-Motorradchef Markus Schramm bei der Vorstellung der neuen F 900 XR in Andalusien kurz vor dem Corona-Lockdown: Ein "Adventure Sportler mit Touring-Qualitäten" soll die Maschine sein. Ein Zwitter also. "Damit holen wir sowohl den S-1000-RR-Fahrer ab als auch den GS-Piloten, der es etwas handlicher, leichter und bequemer will", sagt Schramm.

Schaffen soll den Spagat ein Fahrzeug mit modernster Motorentechnik: Das Herzstück der XR ist ein neuer Zweizylinder-Reihenmotor, der im Aufbau dem Aggregat der erfolgreichen F 850 GS Enduro gleicht, aber mit 895 Kubik rund 15 Prozent Volumen zugelegt hat. Damit steigt auch die Leistung von 95 auf 105 PS; der Verbrauch bleibt mit knapp fünf Litern vergleichsweise sparsam.

Das ist uns aufgefallen: Wie gesagt, das putzige Design. Das ist erfrischend nah an dem "Concept 9cento"-Prototyp, den BMW 2018 am Comer See zeigte. Der Motor hinter geschickt platzierten Verkleidungselementen wirkt nicht aufdringlich, das Heck ragt luftig in die Höhe. Gut so, das passt alles, vor allem in der roten Farbvariante; Gold und Weißgrau wirken gegen Racing Red ziemlich bieder.

Auch am Arbeitsplatz hinter dem breiten Lenker gibt es nichts zu kritteln. Man sitzt sehr aufrecht, die verstellbare Windschutzscheibe bietet genügend Ruhe, die Beine knicken nicht unnötig ab, das Cockpit liegt gut im Blickfeld. Kurz: Man fühlt sich sofort zu Hause.

An Elektro- und Sicherheitstechnik bringt die F 900 XR (teilweise gegen Aufpreis) alles mit, was zurzeit geht. LED-Beleuchtung rundum, adaptives Kurvenfahrlicht, Quickshifter zum Gangwechsel ohne Kupplung, Dynamic Brake Control (DBC), Wheelie- und Traktionskontrolle, Kurven-ABS, Brems- und Schaltunterstützung, Fahrmodi Rain, Road, Dynamic und Dynamic Pro - alles individuell einstellbar, die Möglichkeiten im Steuermenü überfordern fast.

Da ist man froh, dass der Motor schon im Standgas simpel singt: Ich bin für dich da. Also los, die leeren Hinterlandstraßen bei Almeria warten.

Die XR schlägt sich hervorragend; sie spurtet in knapp 4 Sekunden von null auf hundert, die Doppelscheibenbremsen vorn haben auch bei holprigen Passagen und plötzlichen Stopps alles im Griff. Das Fahrwerk lässt sich nicht überraschen, auch in engeren Kurvenradien und winkligen Gebirgsstrecken bringt ein wenig Druck auf den Lenker und mehr Last auf das Vorderrad die BMW zurück in die Spur.

Schmackes bringt der neue Motor auch mit: Die Steigerung auf 105 PS im Vergleich zum GS-Aggregat bürgt für eine lineare, ununterbrochene Kraftentfaltung; die Power ist nie aufdringlich, die 900 XR hängt quer durch das Drehzahlband bis hoch auf 9000 Umdrehungen locker am Gas. Auf Autobahnen gehen nach Papierlage 216 km/h.

Untermalt wird der Fahrflow vom Twin-Sound, der fast wie ein V2-Motor klingt - eine fein orchestrierte, aber nicht zu laute Untermalung des rundum positiven Gesamteindrucks. Die F 900 XR: Ja, sie wird vielen Wünschen gerecht.

Fahrzeugschein

Hersteller: BMW Motorrad

Typ: F 900 XR

Karosserie: Motorrad

Motor: Zweizylinder-Viertaktmotor

Getriebe: Sechsganggetriebe

Hubraum: 895 ccm

Leistung: 77 kW / 105 PS bei 8.500 U/min

Drehmoment: 92 Nm bei 6.500 U/min

Höchstgeschwindigkeit: 216 km/h

Gewicht: 219 kg fahrbereit

Tankinhalt: 15,5 l

Emissionen: 99 g/km CO2

Preis: 11.400 Euro

Das muss man wissen: BMW hat ein farbiges 6,5-Zoll-TFT-Display verbaut, mit logischen, leicht ablesbaren Anzeigen und integrierter "Connectivity", ohne die ein Neufahrzeug heute nicht mehr auszukommen scheint: Über die BMW-Motorrad-"Connected"-App und ein Smartphone erschließen sich so jede Menge Zusatzfunktionen. Telefonie, Musik hören sowieso, aber auch Streckentracking mit Daten über Schräglagenwinkel, Traktionskontrolle sowie G-Kräften beim Bremsen und Beschleunigen. Das gibt es serienmäßig und zum Basispreis von 11.400 Euro.

Richtig zu Buche schlagen allerdings die Zusatzpakete, die BMW anbietet: das Dynamik-Paket, das Headlight Pro (adaptives Kurvenlicht, Tagfahrlicht) und den Schaltassistenten Pro umfasst, das Aktiv-Paket, in dem Fahrmodi Pro (DTC, MSR, DBC, ABS Pro), Kofferhalter und Heizgriffe enthalten sind, das Komfort-Paket mit KeylessRide, Hauptständer und Dynamic ESA sowie das Touren-Paket mit Vorbereitung für das BMW-Navigationsgerät und die Temporegelung (Tempomat). Das kann ins Geld gehen; der Konfigurator schlägt in Richtung 15.000 Euro aus.

Das werden wir nicht vergessen: Wie sich mit ein paar Handgriffen der komplette Charakter der Maschine verändern lässt. Am Morgen der Testfahrt war der hochbeinige Adventure Tourer, ausgestattet mit der Standardsitzbank und 825 mm Höhe, schon sehr agil unterwegs. Eine nahezu perfekte Ergonomie, die kluge Kombination von Lenkerbreite, Beinschluss, Fußposition und Sitzhöhe.

Nach der Mittagspause hatten die BMW-Techniker dann zum Vergleich die "SZ Sitzbank extra hoch 870 mm" aus dem BMW-Zubehör montiert. Was für ein Unterschied: Schmaler, härter und erhaben – die knapp 5 Zentimeter Unterschied in der Sitzhöhe machen die F 900 XR zu einem Fahrgerät, auf dem man wie auf einer scharf gemachten Supermoto thront und das man entsprechend aggressiv in die Kurven zwingen kann. Also nicht vergessen: Beim Kauf immer verschiedene Sitzbänke probieren.

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