BMW M3 Bayerischer Bolide

Seit 16 Jahren ist die ehemalige Motorsportabteilung von BMW damit beauftragt, das jeweils leistungsfähigste Auto seiner Klasse zu bauen. Neuestes Werk: der M3. SPIEGEL ONLINE hat den brachialen Bayern getestet.

Von Alexander Stirn


Nein, vernünftig ist dieses Auto nicht. Wahrlich nicht. 343 PS, bis zu 8000 Umdrehungen pro Minute und ein Drehmoment von 365 Nm - der neue BMW M3 zeichnet sich vor allem durch Superlative aus.

Geballte Unvernunft: Der neue BMW M3

Geballte Unvernunft: Der neue BMW M3

Die meisten Autohersteller würden in einem derartigen Kraftprotz wohl höchstens eine Studie sehen, einen Test, was in punkto Motoren und Fahrwerk alles machbar ist. BMW nicht. Und so hat die Freude-am-Fahren-Fraktion auch keine Skrupel, die vierrädrige Rakete auf die Straßen loszulassen. Im Gegenteil.

"Der neue M3 ist unser Bindeglied zwischen Formel 1 und Großserie", verkündet Gerhard Richter stolz. Der Entwicklungschef der BMW-eigenen M GmbH, der sich ob seines lässig-coolen Auftretens auch gut als Autoverkäufer machen würde, weiß, was seine Truppe da produziert hat. Und nach zahllosen Testkilometern weiß er auch, was er seinem Baby zumuten kann.

Wenn Richter, den Kaugummi im Mundwinkel und den linken Ellbogen lässig auf der Fahrertür, den M3 über die Rennstrecke in Jerez jagt, wenn er ohne das Gesicht zu verziehen erst auf der letzten Rille bremst und den Wagen in der Schikane schon einmal querstehen lässt, dann wird klar: Der M3 ist ein Auto, dessen Herz, ein 3,2-Liter-Reihensechszylinder, eigentlich auf der Rennstrecke schlägt.

Frischluft-Vergnügen: Im Frühjahr 2001 soll dem M3-Coupé ein Cabrio folgen

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Doch sportliche Höchstleistungen sind, zumindest in den Augen der M-Strategen, nur das eine. "Der M3 ist das Synonym für den alltagstauglichen Sportwagen", so BMW-Sprecher Thomas Zauber. Alltagstauglichkeit, das heißt für die Münchner vier Sitze, einen halbwegs vernünftigen Kofferraum (immerhin 410 Liter), aber auch schneekettentaugliche Breitreifen.

Zudem habe, sagt Richter, die Langlebigkeit eine Rolle gespielt. Und so wird dem hochgezüchteten Motor, wahrscheinlich schweren Herzens, bei 8000 Touren die Drehzahl abgedreht. 100 km/h im zweiten Gang sind dank des exakten, gut abgestimmten Sechsgang-Getriebes trotzdem möglich.

Hohe Drehzahlen, das soll das Erfolgsrezept des neuen Boliden werden. Zwar lässt sich der drehmomentstarke M3, das zeigen die Testfahrten, auch herrlich schaltfaul fahren; zwar fordert der Drehzahlmesser ständig zum Heraufschalten heraus. So richtig Freude kommt aber erst zwischen 4000 und 6000 Umdrehungen auf - dann wenn andere Motoren bereits lautstark um Erlösung betteln.

Fahrzeugschein
Hersteller: BMW
Typ: M3
Karosserie: Sportwagen/Coupé
Motor: Sechszylinder-Benziner
Hubraum: 3.246 ccm
Leistung: 343 PS (252 kW)
Drehmoment: 365 Nm
Von 0 auf 100: 5,2 s
Höchstgeschw.: 250 km/h
Verbrauch (ECE): 11,9 Liter
CO2-Ausstoß: 282 g/km
Kraftstoff: Super plus
Kofferraum: 410 Liter
Versicherung: 35 (VK)
Preis: 51.129 EUR
Das M3-Aggregat nicht. Trotz der immensen Leistung ist die Maschine erstaunlich kultiviert und laufruhig. Am Anfang steht ein sanftes Grollen, das sich leicht steigert und zum Schluss von einem anschwellenden Säuseln begleitet wird. Doch nicht nur akustisch erinnert der M3-Motor entfernt an ein Flugzeug-Triebwerk. Wer von der Beschleunigung in die Sitze gedrückt wird, kann schnell ans Abheben denken.

Da passt es gut, dass die Ledersitze vielfältige Einstellmöglichkeiten bieten. Sogar die Breite der Rückenlehne lässt sich auf Knopfdruck regulieren, so dass sich die Insassen regelrecht in die Sitze pressen lassen können. Die Rückbank glänzt dagegen mit wenig bis gar keiner Beinfreiheit und entsprechend eingeschränktem Raum für den Kopf.

Eindeutig mehr Spielraum bietet da das erstklassige Fahrwerk: So sorgt eine neu entwickelte variable Differenzialsperre für den richtigen Grip beim Beschleunigen aus den Kurven. Erstmals kommt in der 14-jährigen M3-Geschichte auch DSC, die BMW-Variante des Stabilitätsprogramms ESP, zum Einsatz. Vertrauten die M-Ingenieure früher auf das Können der Kunden, greift nun in kritischen Situationen die Elektronik regulierend ein.

Nüchtern-sachlich: Abhängig von der Motortemperatur verändert der Drehzahlmesser im M3 den roten Bereich

Nüchtern-sachlich: Abhängig von der Motortemperatur verändert der Drehzahlmesser im M3 den roten Bereich

Die Folge: Selbst ungeübte Fahrer haben bei aggressiver Kurvenfahrt in der Regel keine Schwierigkeiten. Echte Sportwagenpiloten werden sich dagegen wünschen, die Elektronik würde Ihnen etwas mehr Raum lassen. Sportlich-straff abgestimmt kommt das Fahrwerk mit kleinen Unebenheiten gut zurecht, hat allerdings leichte Probleme mit langen Wellen.

Mittlerweile in der dritten Generation ist der M3 bulliger, erwachsener geworden. Eine Beule in der Alu-Motorhaube, von BMW bezeichnenderweise "Powerdome" genannt, soll ebenso wie verbreiterte Kotflügel oder vier Auspuffendrohre von der geballten Kraft des in Regensburg gefertigten Renners künden.

Dabei sei, wie die Designer betonen, die Form stets der Funktion gefolgt - selbst bei den BMW-typischen Kiemen in den Frontflügeln. Die sollen, so Entwicklungschef Richter, zumindest auf der linken Seite die Steuerelektronik mit Luft versorgen.

Trotz aller Spoiler und Schweller haben M3-Käufer noch immer ein kleines Problem: "Für das ungeübte Auge unterscheidet sich der M3 kaum vom 3er Sportcoupé", sagt selbst BMW-Sprecher Zauber. Das Ego des, so die anvisierte Zielgruppe, "technik- und sportbegeisterten Menschen", mag das ja noch verkraften - immerhin ist man sich bewusst, mindestens 100.000 Mark ausgegeben zu haben. Der notorische Linksfahrer auf der Autobahn könnte beim Blick in den Rückspiegel allerdings wenig Veranlassung sehen, für die gut getarnten 343 PS den Weg freizumachen.



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