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10. April 2019, 05:44 Uhr

Autogramm BMW M850i Cabrio

Protz Blitz

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BMW will Mercedes einholen - und bringt ein fettes Luxusauto nach dem anderen auf den Markt. Beim 8er-Cabrio zeigen sich Nachteile dieser Hetzerei: Obwohl der Wagen durchaus sinnlich ist, fehlt die Liebe zum Detail.

Der erste Eindruck: Protz Blitz. Der offene Achter sieht bärenstark und pfeilschnell aus. Und mit seinem Glitzerkram auch ziemlich teuer.

Das sagt der Hersteller: Für BMW ist der 8er Teil einer Offensive im Luxussegment, zu der auch der frisch geliftete 7er und der XXL-Geländewagen X7 zählen. So will die Marke wieder zu Mercedes aufschließen. Deshalb gehe es Schlag auf Schlag, sagt Produktmanager Carsten Groeber. Das Cabrio kommt nur wenige Wochen nach dem 8er-Coupé, und noch in diesem Jahr folgen ein 8er Grand Coupé sowie PS-starke M-Versionen von allen drei Karosserievarianten.

Das 8er-Cabrio solle drei Autos in einem verkörpern, sagt Projektleiter Thomas Arndt: Sportwagen, Gran Turismo und Alltagsauto.

Das ist uns aufgefallen: Die Behauptung mit dem Alltagsauto kann man getrost vergessen, zumindest, wenn mehr als zwei Personen an Bord sind. Die Rückbank ist ein Notbehelf; bei geschlossenem Verdeck passen Normalbewegliche weder durch den Durchschlupf nach hinten, noch unter das Dach. Zudem haben Knie kaum Raum.

Die beiden anderen Autotypen verkörpert der 8er tatsächlich. Solange das Dach geschlossen ist, fühlt er sich an wie ein Sportwagen, selbst wenn er mit mehr als zwei Tonnen Gewicht eigentlich zu schwer und mit 4,85 Metern zu lang ist. Viele PS machen die Pfunde vergessen, vor allem im M850i mit 4,4-Liter-V8-Motor. Gegen die Länge hilft die Allradlenkung: Sie lässt den Wendekreis spürbar schrumpfen - dank aktiv einschlagender Hinterräder. Wohltuend wirken das Sperrdifferenzial an der Hinterachse, mit dem das Heck schneller ums Eck kommt sowie eine aktive Wankstabilisierung, die sich beim Rasen gegen die Seitenneigung der Karosserie stemmt. Den Spaß erhöhen Fahrprofile, die sich in der Abstimmung spürbar unterscheiden - so ähnelt der 8er eher dem offenen Porsche 911 als dem Mercedes S-Klasse Cabrio.

Wenn das Stoffverdeck binnen 15 Sekunden nach hinten gleitet, ändert sich am Fahrverhalten nichts. Auch das Kofferraumvolumen wird nicht beeinträchtigt, es bleibt bei (allerdings mageren) 350 Liter. Was sich ändert, ist das Fahrgefühl: So leidenschaftlich der Auspuff auch brüllt - man beginnt zu reisen und vergisst das Rasen. Mit Sonne und Wind auf der Haut fühlt sich die Kreisstraße ein bisschen an wie eine wilde Küstenstrecke.

Wenig hilfreich ist das Infotainmentsystem mit Touchscreen, iDrive-Controller, Gestensteuerung und Sprachbedienung. Es funktioniert zwar gut wie im BMW 5er oder 7er - doch wenn es ein Auto gibt, in dem kein Mensch E-Mails diktieren oder Börsenkurse abfragen möchte, dann ist es der 8er.

Das muss man wissen: Das 8er Cabrio geht in diesen Tagen in den Handel, startet zunächst bei 108.000 Euro und ist 8000 Euro teurer als das Coupé. Zu diesem Preis gibt es den 840d mit 320 PS starken Sechszylinder-Diesel, der es in 5,2 Sekunden von 0 auf 100 km/h schafft und mühelos 250 km/h erreicht. Der Testwagen M850i kostet 133.700 Euro. Doch da geht noch mehr: Im Lauf des Jahres tritt ein M8 an, dessen Achtzylinder wohl mehr als 600 PS leisten wird. Aber auch eine abgespeckte Version ist in Sicht: Es soll das Cabrio als 840i mit 340 PS starkem Reihensechszylinder geben, der dann als einzige Modellvariante mit Heck- statt Allradantrieb antritt. So könnte der Preis unter die 100.000-Euro-Marke fallen.

Das werden wir nicht vergessen: Dass es BMW beim Luxusmodell mit mancher (vermeintlichen) Kleinigkeit nicht so genau nimmt. Zwar hat der Hersteller den 8er piekfein ausgeschlagen und manche Schalter sogar mit Kristallglasimitat dekoriert. Doch ausgerechnet die beiden wichtigsten Cabrio-Details enttäuschen. Der Schalter zum Öffnen des Verdecks versteckt sich in schlichtem Schwarz auf dem Mitteltunnel. Und das Windschott ist zwar serienmäßig an Bord, besteht allerdings aus Hartplastik und wirkt wie eine Nachrüstlösung aus dem Baumarkt. Das Teil muss zudem von Hand eingebaut werden. Hätten sich die BMW-Ingenieure doch bloß das elektrische Windschott des Porsche 911 zum Vorbild genommen.

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