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20. September 2016, 07:23 Uhr

BMW R nineT Scrambler

Komfortable Zeitreise

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Das Retromotorrad R nineT hat sich für BMW zum Verkaufsschlager entwickelt. Jetzt wird die Klassikerreihe fortgesetzt: Mit einer Scrambler-Variante, die sich nicht nur im Preis deutlich vom Basismodell unterscheidet.

Der erste Eindruck: Hello again! Noch eine Maschine, die den Retrotrend bei Motorrädern befeuert.

Das sagt der Hersteller: Eigentlich überraschend, dass BMW erst jetzt die erfolgreiche Heritage-Linie weiter ausbaut: Die Zweizylinder-Boxer R nineT ist nach dem Dauerbrenner GS das beliebteste Motorradmodell der Marke. Aber: "Du kannst nicht einfach andere Teile dranschrauben, und fertig ist der Scrambler" sagt Edgar Heinrich, Chefdesigner bei BMW Motorrad. "Du musst einen komplett anderen Charakter entwickeln."

Dem Basis-Straßenmotorrad nineT wurde deshalb ein eigenes Stahlrahmen-Konzept mit abnehmbarem Heckteil und höherem Federweg verpasst. Vorne ist eine flacher stehende Telegabel mit schützenden Bälgen eingebaut und ein größeres 19 Zoll-Vorderrad montiert. Gepaart mit den typischen Designelementen wie dem hochliegenden Auspuff ergibt das die bequemere Alternative zur R nineT - in einer Prä-Enduro-Optik, die an die Kletterer ("scramble" = "klettern") der Sechzigerjahre erinnert.

"Damals wurden die Straßenmaschinen für Abstecher in die Berge und ins Gelände einfach zu Scramblern umgebastelt", sagt Edgar Heinrich. "Das Gefühl wollten wir rüberbringen - zusammen mit modernster Technik."

Das ist uns aufgefallen: BMW hat das neue Lifestyle-Modell im Alpenvorland, rund um Garmisch-Partenkirchen und im Isar-Tal, vorgestellt - auf den Land- und Bergstraßen fühlt man sich mit der Scrambler sofort heimisch. Die Sitzhaltung hinter der breiten, hoch liegenden Lenkstange ist aufrecht und sehr entspannt. Die Ledersitzbank fühlt sich im ersten Moment hart an, stellt sich aber auf Dauer als ganz bequem heraus.

Überhaupt ist die Scrambler komfortabel: Die Fußrasten liegen nicht zu hoch, der Knieschluss am Stahltank ist auch bei großen Fahrern möglich. Die Armaturen sind im Grunde auf ein einziges Rundinstrument beschränkt, das Geschwindigkeit, Gesamt- und Tageskilometer sowie Blinker- und Kontrollleuchten anzeigt. Angenehm übersichtlich.

Wem das zu wenig ist, kann ein zweites Instrument als Zubehör nachkaufen. Aber einen Drehzahlmesser braucht man zum Beispiel ohnehin nicht beim luftgekühlten 1170-Kubik-Boxer. Der nur noch in der Heritage-Linie verbaute Motorklassiker entwickelt nach der Euro-4-Kur 110 PS und bringt ein Drehmoment von 116 Nm mit an Bord - das Triebwerk passt gut zur lässigen Scrambler.

Das Aggregat klingt so, wie man es sich von einer Retro-Schönheit erhofft: Die Akrapovic-Doppeltröte, die sich eng ans Hinterrad schmiegt, bläst in der Vorwärtsbewegung nicht zu laut, grummelt im Schubbetrieb aber vernehmlich. Wenn der Motor Druck kriegt, zieht er immer kräftig und sauber auch aus tiefen Drehzahlen raus - und das wesentlich ruhiger als etwa die nervöse Schwester-Version in der nineT.

Das ABS regelt sauber; die Bremsen mit den 320 Millimeter großen Scheiben sind fein dosierbar. Die Maschine lässt sich auch bei Abstechern auf Schotterpisten problemlos kontrollieren.

Einziger Abstrich: Die Federung hinten wirkt etwas weich und könnte, wenn man die Scrambler auf richtig schlechten Straßen mit tiefen Schlaglöchern führt, schnell an ihre Grenzen kommen. Aber dafür ist die Scrambler ohnehin nicht konzipiert; sie wird wohl den Großteil ihrer Fahrwege auf sonnigen Wochenendtouren zurücklegen.

Das muss man wissen: BMW bringt die Scrambler im September für 13.000 Euro auf den Markt. Im Vergleich zur Basisvariante der R nineT ist das Bike damit rund 2000 Euro billiger. Bei dem Einstiegspreis wird es für die meisten Käufer jedoch nicht bleiben.

Die Münchener locken die Heritage-Fans mit Sonderzubehör wie dem ASC-Stabilitätssystem für 320 Euro oder einem handgebürsteten Aluminiumtank für 1000 Euro. Die Kreuzspeichenräder sind für 395 Euro Aufpreis zu haben.

Dazu kommen noch einige Extras, die man zu brauchen glaubt: Passender Tankrucksack, heizbare Handgriffe, ein kleines Windschild, vielleicht ein Schutzgitter für die Lampe, zwar ohne Straßenzulassung, aber lässig? Eine vollständige Scrambler kommt leicht auf 15.500 Euro.

Das werden wir nicht vergessen: Die neue Scrambler und ihre Mutter R nineT basieren auf einem cleveren Plattformkonzept, fast alle Anbau- und Zubehörteile der beiden Modelle sind austauschbar. Das eröffnet den Käufern und Customizern alle Möglichkeiten zur Individualisierung. Umso erstaunlicher, dass die Farbgebung der Maschinen ab Werk ziemlich monoton ist: BMW bietet die Fahrzeuge aus der Heritage-Linie weder in Rot noch Blau-Weiß. Nur in Graumetallic.

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