Cabrios in der Krise Viel Luft nach oben

Freiheit auf Rädern – kaum ein Autotyp verspricht das so sehr wie das Cabrio. Doch Hersteller dünnen das Angebot immer stärker aus. Immerhin besinnen sie sich bei den Neuheiten auf eine stilvolle Tradition.
Foto: BMW

Endlich raus an die frische Luft: Parks und Promenaden waren zuletzt voll bei gutem Wetter, zumal in der Pandemie viele Outdoor-Aktivitäten verboten sind. Auch Ausfahrten im Cabrio könnten gegen Corona-Langeweile helfen. Doch ausgerechnet jetzt fällt das Angebot an neuen Modellen so bescheiden aus wie selten. Denn seit Jahren sinken die Verkaufszahlen für Cabrios und Roadster.

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Cabrio-Neuheiten 2021

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Galt eine Open-Air-Variante früher bei vielen Baureihen als gesetzt, ist sie mittlerweile fast zur Ausnahme geworden. Beispiel Kompaktklasse: Wo vor wenigen Jahren vom VW Golf bis zum Peugeot 308 fast jedes Modell auch oben ohne angeboten wurde, gibt es mittlerweile nur noch den 2er-BMW als Cabrio. Auch der steht aber am Ende seiner Karriere. Autos wie die C- oder die S-Klasse von Mercedes müssen nach dem Generationswechsel ohne Verdeck auskommen. Aus Frankreich gibt es derzeit kein einziges Cabrio mehr.

Diese Strategie ist angesichts der Zulassungszahlen nachvollziehbar: In Deutschland – mit Großbritannien in Europa traditionell größter Markt für offene Autos – ist der Absatz eingebrochen. Wurden zum Saisonauftakt im März 2010 nach Angaben des Strategieberaters Berylls aus München noch 12.360 Cabrios und Roadster zugelassen, waren es 2020 nur noch 4915.

»Das Cabrio ist dem SUV-Boom zum Opfer gefallen«, sagt Berylls-Experte Jan Burgard. Es habe zwar verschiedene Anläufe gegeben, Cabrio und SUV zu verschmelzen, sagt er. Nissan Murano, Range Rover Evoque und VW T-Roc sind solche Versuche. »Eine Erfolgsgeschichte ist daraus aber nicht geworden.«

Das Cabrio als Globalisierungsverlierer

Typische Käufer eines Cabrios seien bisher oft Freiberufler gewesen, die ihn als Zweitwagen nutzten, sagt Burgard: »Hier steht jetzt stattdessen sehr häufig ein Allradler in der Garageneinfahrt.« Überdurchschnittlich seien Cabrios von Frauen gefahren worden. »Die schätzen allerdings mittlerweile ebenfalls das Sicherheitsgefühl und die hohe Sitzposition, die ihnen ein SUV bietet, ganz abgesehen von der größeren Alltagstauglichkeit.«

Ein weiterer Nachteil für das offene Auto sei, dass China absolut kein Cabrio-Markt ist. »Die chinesischen Kunden wünschen sich im Auto Abgeschiedenheit, und die ist im Cabrio nicht zu haben«, sagt Burgard. Da aber China für viele Hersteller mittlerweile der wichtigste Markt sei, überlegen sich die Firmen sehr genau, ob sich ein Modell rechnet, das in China praktisch nicht zu verkaufen ist.

Auch technisch sind offene Autos im Nachteil, erst recht im anbrechenden Elektrozeitalter. »Vor allem offen gefahren, ist der Luftwiderstandsbeiwert viel schlechter als bei Limousinen«, sagt Burgard. »Die mäßige Aerodynamik kostet Reichweite.« Zudem muss die weggefallene versteifende Wirkung des Dachs mit Verstärkungen in der Bodengruppe ausgeglichen werden. »Die schrauben das Gewicht um viele Kilogramm nach oben«, sagt Burgard. Auch darunter leidet der Aktionsradius.

Ganz tot ist das Segment indes noch nicht. Zumindest Besserverdiener haben offenbar weiterhin Lust auf Luft, und deshalb gibt es wenigstens ein paar Premieren im Autofrühling 2021 (siehe Bildergalerie). Bei ihnen zeichnet sich ein Trend ab: weg von der versenkbaren Hardtop-Haube, zurück zum Stoffverdeck. Das wurde technisch verfeinert, es ist leichter und kompakter zu falten. Mit ihm sieht man auch einem geschlossenen Auto sofort an, dass es ein Cabrio ist.

Ein paar Open-Air-Neuheiten dieser Saison verzichten sogar ganz aufs Dach und lassen die Scheiben weg. Reichlich dekadent – so bleibt der letzte Rest an Alltagstauglichkeit auf der Strecke.

Und wie geht es weiter mit den Cabrios? »Wir haben zwar aktuell eine Talsohle erreicht«, erwartet Berylls-Mann Andreas Radics, »doch langfristig dürfte der Trend zur Individualisierung für eine gewisse Erholung sorgen. Das Niveau früherer Jahre werden wir aber nicht mehr erreichen«.

Das eine oder andere Elektrocabrio könnte trotz technischer Herausforderungen seine Fans finden. VW-Chef Herbert Diess liebäugelte auf seinem LinkedIn-Kanal zuletzt mit einem offenen ID.3, Fiat bietet den elektrischen 500er mit einem großen Rolldach an und den Smart gibt es ja auch noch.

Am Anfang der modernen E-Auto-Ära stand ohnehin ein Cabrio, der Tesla Roadster. Für ihn hat Unternehmenschef Elon Musk eine Neuauflage im Jahr 2022 angekündigt. Etwas verwirrend allerdings: Von ihr gibt es bisher viele Abbildungen, auf denen das Dach sehr fest und geschlossen aussieht.