Cadillac BLS Wagon Der Kombi-Exot

Cadillac nimmt Kurs auf die Mittelklasse. Nach 105 Jahren baut die General-Motors-Marke ihren ersten Kombi - und beschert der Kaste damit gleich einen Exoten. Ein ähnlicher Flop wie Jaguars X-Type Estate?


Muss wirklich jede Automarke in jede Nische des Marktes vordringen? Sollte Bentley einen SUV bauen? Braucht Skoda ein Cabriolet? Jaguar einen Kombi? Die letztgenannte Frage wurde von der Kundschaft ziemlich eindeutig beantwortet: mit nein. Der X-Type Estate, der erste Kombi von Jaguar, ist jedenfalls kein großer Erfolg.

Cadillac ficht das nicht an: Die General-Motors-Marke versucht es nun ebenfalls mit einem Kombi. Der nennt sich BLS Wagon und rollt in diesen Wochen zu den deutschen Händlern. Ob dem BLS Wagon dasselbe Schicksal droht wie dem X-Type Estate? Immerhin fiel 105 Jahre lang niemandem auf, dass der Marke Cadillac ein Kombi fehlt.

Zwei Dinge sind schon jetzt klar: Hierzulande wird das Auto, wie Cadillac generell, vorerst keine vierstelligen Zulassungszahlen erreichen. Der BLS Wagon wird im Straßenbild aber zumindest auffallen wie kaum ein anderer Kombi - und das nicht, weil er so selten ist, sondern weil er so unorthodox aussieht. Wie die bereits im vergangenen Jahr eingeführte BLS-Limousine zeigt er so klar Kante in der Mittelklasse wie kaum ein anderer.

Die Karosserie sieht aus wie mit dem Beil bearbeitet. Doch wirkt das nicht grob und brutal, sondern selbstbewusst und eigenständig. Kaum ein anderer Hersteller hat sein Design derart konsequent systematisiert wie Cadillac. Die strenge Geometrie wurde 1999 erstmals mit der Studie Evoq festgelegt. Alle neuen Serienmodelle der Marke tragen seither das akkurat gebügelte Blechkleid, unter dem sich Technik aus dem Großkonzern verbirgt.

Komponenten aus dem General-Motors-Regal

Im Falle des BLS handelt es sich um Komponenten, die auch beim Opel Vectra und Saab 9-3 zum Einsatz kommen. Der BLS wird zudem bei Saab im schwedischen Werk Trollhättan gebaut. Sechs Motoren, allesamt Turboaggregate, stehen für den Kombi zur Wahl:

  • Drei Benziner von 175 bis 255 PS,
  • zwei Diesel mit 150 oder 180 PS und
  • eine 200 PS starker Flexpower-Maschine, die wahlweise mit Benzin oder Ethanol (E 85) betrieben werden kann.
  • Ganz neu in der Motorenriege ist der 180-PS-Biturbo-Diesel, mit dem SPIEGEL OLINE eine erste Testfahrt unternahm.

Der Vierzylinder-Selbstzünder mit 1,9 Liter Hubraum verfügt über zwei Turbolader. Der kleinere Lader übernimmt die Brennraumbefüllung bis 1500 Touren, der größere setzt ab 3000 Touren ein. Dazwischen arbeiten beide Turbos parallel - Cadillac spricht von einem "Bypass-System", um einen sanften Übergang vom einen in den anderen Betriebszustand zu erreichen. Vom Lenkrad aus fühlt sich das harmonisch und druckvoll an.

Druckvoller Dieselmotor, kleiner Laderaum

Dieseltypisch presst das Auto los, bleibt beim Geräuschpegel maßvoll und ist besonders mit der Sechsgang-Automatik (Aufpreis 2140 Euro) ein kommoder Reisebegleiter. Der Wagen liegt prima in der Hand, die Lenkung arbeitet leichtgängig und direkt, die Ledersitze im Testauto (Aufpreis 1790 Euro) bieten ordentlichen Seitenhalt. Man fährt souverän im BLS Wagon, aber man fährt nicht günstig: 7,5 Liter Durchschnittsverbrauch und ein CO2-Ausstoß von 202 Gramm je Kilometer sind keine ökologische Glanzleistung.

Wer auf ein großes Transportvolumen aus ist, wird sich am BLS Wagon ebenfalls nur eingeschränkt erfreuen können. Mit normaler Bestuhlung schluckt der Fünfsitzer 419 Liter Gepäck. Werden die Rücksitzlehnen umgeklappt, erweitert sich der Stauraum auf 1273 Liter. Dazu kommt ein zwölf Liter großes, verstecktes Fach unter dem Ladeboden, doch das macht den Cadillac auch nicht zum Kapazitätskönig. Anderer Mittelklasse-Kombis bieten zum Teil erheblich mehr Ladevolumen: der Ford Mondeo (1745 Liter) zum Beispiel, der Mercedes C-Klasse T-Modell (1500 Liter) und sogar der kleine Skoda Fabia Kombi (1460 Liter).

Großzügige Ausstattung, angenehmes Ambiente

Großzügig ist die Ausstattung des Cadillac-Kombi: ABS, ESP und sechs Airbags bilden das Rückgrat der passiven Sicherheit, dazu kommen ab Werk ein Dreispeichen-Lederlenkrad, Bordcomputer, Klima- und CD-Musikanlage sowie 16-Zoll-Leichtmetallräder. Gegen Aufpreis stehen allerlei weitere Komfortdetails zur Verfügung: ein Glasschiebedach etwa, ein DVD-Navigationssystem, beheizbare Frontsitze oder eine Einparkhilfe. Dass Cadillac für die dritte Kopfstütze an der Rücksitzlehne hundert Euro extra berechnet, passt indes so gar nicht ins Bild der großzügigen Luxusmarke. Es ist eher kleinkariert.

Ob Cadillac mit dem Kombi Erfolg haben wird, ist schwer abzusehen. Zumindest trifft die Karosserie einen Trend in Europa, nach dem Kombis eher zu den Gewinnern der Mittelklasse gehören, während sich die klassischen Limousinen zunehmend schwerer tun.

Insofern ist es nur konsequent von Cadillac, dem BLS mit Stufenheck eine Variante mit kastigem Ende zur Seite zu stellen. Und ganz gleich wie populär diese Autoart noch werden wird: Mit dem Cadillac BLS Wagon wird es immer mindestens einen Exoten in dieser Kategorie geben.

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