Autogramm Cadillac CTS Rummeln am Hintern

Die hiesige Mittelklasse, das sind Autos von Audi, BMW und Mercedes. Trotzdem versucht die US-Marke Cadillac unverdrossen, den Platzhirschen Kunden abzujagen. Die neue Limousine CTS geriet dabei so deutsch wie nie - leider.

Cadillac

Der erste Eindruck: Endlich mal was anderes! Mit einem kantigen Design, den messerscharf modellierten Scheinwerfern und senkrechten Tagfahrleuchten ist der Cadillac CTS eine angenehme Abwechslung in der Businessklasse.

Das sagt der Hersteller: Cadillac-Markenchef Bob Ferguson sagt über den CTS: "Mit diesem sowohl im wörtlichen wie übertragenen Sinne gewachsenen Modell nehmen wir die automobile Elite ins Visier." Der Zeitpunkt scheint günstig. "Wir freuen uns über den weltweiten Aufwärtstrend von Cadillac, der sehr viel mit der zunehmenden Stimmigkeit unserer Produkte zu tun hat."

Und ja: Wenn man die Perspektive nur weit genug wählt, sind die Zahlen tatsächlich ermutigend. In den USA lag das Wachstum im vergangenen Jahr bei 22 Prozent, in allen anderen Teilen der Welt bei rund 30 Prozent; in einzelnen Ländern wie China sogar bei 66 Prozent. Beim Blick auf Deutschland hingegen kehrt die Ernüchterung zurück. Das Kraftfahrt-Bundesamt registrierte im vergangenen Jahr gerade einmal 138 Cadillac-Neuzulassungen.

Das ist uns aufgefallen: Nobel, nobel - nicht nur das Design des CTS sieht vornehm aus, auch innen gefällt der Wagen durch eine sorgfältige Einrichtung. Die billigen Plastiklandschaften von einst haben Platz gemacht für gediegene Eleganz. In den polierten Schaltwippen spiegelt sich die sauber gesetzte rückwärtige Ziernaht des Lederlenkrads. Das Cockpit bildet ein Bildschirm mit 31 Zentimeter Diagonale, der so aufwendig programmiert ist, dass es fast schon wieder unübersichtlich wird.

Handschuhfach und Getränkehalter öffnen sich elektrisch, die verchromten Schalterleisten sind berührungsempfindlich wie ein Touchscreen, die Vordersitze lassen sich 20fach elektrisch verstellen und die Mitte der Armaturentafel dominiert ein 20-Zentimeter-Monitor, auf dem ein eindrucksvolles Infotainment-Programm läuft. Bedient wird das System per Fingertipp, und als taktile Rückmeldung vibriert der Bildschirm jedes Mal ganz leicht, wenn man eine der virtuellen Tasten drückt. Wer das partout nicht mag, kann stattdessen die Sprachsteuerung nutzen.

Innen also steht der CTS einer Mercedes E-Klasse oder einem BMW 5er kaum mehr nach. Auch Fahrwerk und Antriebsstrang können sich sehen lassen. Hinterradantrieb als Standard und Allrad gegen Aufpreis, ein aufwendiges Fahrwerk mit extrem schnellen, variablen Dämpfern und bissfesten Brembo-Bremsen, eine Sechsstufen-Automatik, die einen soliden Job macht - all das ist auf der Höhe der Zeit.

Nur der Vierzylindermotor unter der Haube verströmt eine gewissen Freudlosigkeit. Wer sich in Deutschland gegen ein heimisches Diesel-Fabrikat und für einen amerikanischen Benziner entscheidet, der will keinen Durchschnittsmotor, sondern einen V8 oder wenigstens einen Sechszylinder, so wie er in den USA im CTS natürlich angeboten wird.

Dabei ist der 2-Liter-Turbobenziner aus der EU-Version kein schlechter Motor. Der Vierzylinder, den Opel-Fahrer aus dem Insignia kennen, kommt auf 276 PS, entwickelt maximal 400 Nm, ermöglicht solide Fahrleistungen und ist für ein US-Auto mit einem Normverbrauch von 8,5 Liter durchaus sparsam. Doch so sehr die Papierform für die vernünftige Wahl spricht: Das angestrengte Heulen eines Turboladers und das Orgeln der Kolben in eher kleinen Zylindern - das mag vernünftig sein, passt aber irgendwie nicht zu einem Cadillac.

Das muss man wissen: Der neue CTS ist bereits die dritte Auflage des Mittelklassemodells und steht seit Kurzem bei den nicht mal ein Dutzend Cadillac-Händlern in Deutschland. Im Zuge des Generationswechsels wuchs der Radstand um 3, die Karosserie um 13 Zentimeter; zugleich sank das Gewicht um gut hundert Kilogramm. Trotzdem hat Cadillac bei der Ausstattung des Fünf-Meter-Schlittens nachgelegt und weitere Assistenzsysteme vom Kollisionswarner über den Einparkhelfer bis zur automatischen Bremse beim Rückwärtsfahren eingebaut. Der Preis bleibt unverändert, die billigste CTS-Variante kostet 49.900 Euro.

Das werden wir nicht vergessen: Genug ist nicht genug - leider sind die Cadillac-Leute in ihrem Eifer ein wenig über das Ziel hinausgeschossen. Für sich genommen sind relativ grobes Sattelleder, Chromleisten oder Alcantara-Bezüge feine Sachen, doch allein sieben verschiedene Materialien in den Türtafeln sind des Guten einfach zu viel.

Das gilt auch für die Assistenzsysteme. Auf den Vibrationsalarm im Fahrersitz beispielsweise sind die Ingenieure offenbar so stolz, dass er bei jeder Gelegenheit aktiviert wird. Zu nah an der Seitenlinie, zu dicht am Vorausfahrenden oder zu wenig Abstand beim Rangieren - ständig rumort das Sitzkissen. Und darauf würde man gerne verzichten.

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insgesamt 139 Beiträge
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Seite 1
schnuffschnuff 17.05.2014
1.
Zitat von sysopCadillacDie hiesige Mittelklasse, das sind Autos von Audi, BMW und Mercedes. Trotzdem versucht die US-Marke Cadillac unverdrossen, den Platzhirschen Kunden abzujagen. Die neue Limousine CTS geriet dabei so deutsch wie nie - leider. http://www.spiegel.de/auto/fahrberichte/cadillac-cts-gediegene-us-limousine-mit-vierzylinder-turbomotor-a-969318.html
Wer kauft sich denn einen Cadillac mit Vierzylinder?
DerBlicker 17.05.2014
2. Klasse
Cadillac baut eine 4 Zylinder Mittelklasse Limousine mit 276 PS und dem Verbrauch eines V8 BMW 750 i mit 450 PS und 8,6 Liter Normverbrauch. Das muss man erst einmal schaffen, Gratulation.
nadja_romanowa 17.05.2014
3. Niemals
Zitat von sysopCadillacDie hiesige Mittelklasse, das sind Autos von Audi, BMW und Mercedes. Trotzdem versucht die US-Marke Cadillac unverdrossen, den Platzhirschen Kunden abzujagen. Die neue Limousine CTS geriet dabei so deutsch wie nie - leider. http://www.spiegel.de/auto/fahrberichte/cadillac-cts-gediegene-us-limousine-mit-vierzylinder-turbomotor-a-969318.html
Allein das Markenemblem im Lenkrad verursacht Augenkrebs. Dann noch der Rest. Dann lieber etwas anderes aus der Oberklasse.
coyote38 17.05.2014
4. Wie jeder Amerikaner ...
... wird auch DIESER Cadillac nach rund 5000 km anfangen zu klappern und zu knirschen, dass dem Fahrer die Ohren klingeln ... ganz einfach, weil die Verarbeitungsqualität UNTERIRDISCH ist. Über Spaltmaße, Polsterqualität, Ergonomie, Haptik oder ähnlich "nebensächliche Kleinigkeiten" brauchen wir uns wahrscheinlich auch nicht zu unterhalten. Und für 49.900 Euro bekommt man auch bereits einen ordentlich ausgestatteten Audi A6, einen 5er BMW oder eine E-Klasse. Da brauche ich nicht WIRKLICH nicht lange zu überlegen ...
assiwichtel 17.05.2014
5. ??
Zitat von DerBlickerCadillac baut eine 4 Zylinder Mittelklasse Limousine mit 276 PS und dem Verbrauch eines V8 BMW 750 i mit 450 PS und 8,6 Liter Normverbrauch. Das muss man erst einmal schaffen, Gratulation.
Wen interessiert schon der Normverbrauch, gerade BMW ist da immer ganz große Klasse. Aber Sie haben natürlich recht, in den Cadillac gehört ein Saug-V8 mit > 5 Liter!! Zum Auto: wohltuend anders vom Einheitsbrei, zumindest von außen. Das Bildschirmgedöns im Innenraum samt unzähliger Assistenzsysteme hätte es nicht gebraucht.
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