Cadillac Escalade Die Wuchtbrumme

Jetzt kommt’s dicke. Für alle, denen ein Audi Q7 zu dezent und selbst der Mercedes GL zu zierlich ist, hat Cadillac den neuen Escalade gebaut. Offiziell gibt es den Big Mac hierzulande erst im Spätherbst. Doch freie Importeure holen ihn schon jetzt ins Land.

Was ist nur mit dem amerikanischen Automobilherstellern los? Dodge baut Autos in der Golf-Klasse, Jeep verkauft modisch weichgespülte Geländewagen, Ford entdeckt kleine Formate als große Tugend, und Chrysler denkt über einen Diesel für die USA nach. Ja, sind die denn alle verrückt geworden? Nicht ganz. Denn zum Glück gibt es den neuen Cadillac Escalade.

Er bietet den Freunden des American Way of Drive alles, was ein amerikanisches Auto ausmacht – und zwar im Überfluss: Mit acht Zylindern, sieben Sitzen, mehr als sechs Litern Hubraum, über fünf Metern Länge, vier angetriebenen Rädern, drei Klimazonen und zwei Metern Breite ist der Geländewagen ein Auto der Superlative, an dem bald auch deutsche Kunden Gefallen finden sollen. Weil der neue Mercedes GL hierzulande den Boden für sogenannte Full-Size-SUV bereiten könnte, dürfen vielleicht auch die Amerikaner auf bessere Exportquoten hoffen.

Auf der Straße macht der Escalade jedenfalls nicht nur in Boston, sondern auch in Bottrop eine gute Figur. Natürlich braucht man ein gewisses Selbstbewusstsein, wenn man mit einem Auto umherfährt, das größer wirkt als die meisten Garagen, dessen 22-Zoll-Felgen jeden Lkw zieren würden und dessen chromblinkender Kühlergrill so mächtig ist wie der Kuhfänger einer Westernlokomotive. Und etwas Fingerspitzengefühl kann auch nicht schaden, wenn man den Escalade irgendwo in der Innenstadt abstellen möchte.

Doch solange der Wagen rollt und man hinter den abgedunkelten Scheiben verschwindet, darf man sich getrost für einen kleinen König halten. Man schwebt gefühlte zwei Meter über dem Boden, genießt einen souveränen Überblick und weiß genau, dass sich jeder nach dem Wagen umschaut. Dass man sich im Escalade trotzdem manchmal fühlt wie in einem Bus, liegt nicht nur an der schieren Größe, sondern auch an der Zahl der Sitzplätze. Aber anders als die Linie 11 glänzt der Escalade mit einer Nobelausstattung. Und für beinahe jeden Handgriff gibt es elektrische Helfer, selbst die Heckklappe gibt den Zugang zum riesigen Kofferraum auf Knopfdruck frei.

Noch amerikanischer als der Zuschnitt des Escalade ist sein Antrieb. Unter der mannshohen Motorhaube steckt ein mächtiger V8 mit 6,2 Litern Hubraum, 409 PS und 565 Nm, dessen sonores Brabbeln schon im Leerlauf dem Fahrer ein Lächeln und dem Tankwart ein wissendes Grinsen ins Gesicht zaubert. Dabei stellt der Motor den Physik-Grundkurs durchaus in Frage: von wegen Trägheit der Masse.

Beim Durchtreten des Gaspedals wird der armdicke Auspuff zum Bariton-Saxophon und der Zweieinhalbtonner stürmt voran wie ein wütender Büffel. Zwar wuchtet der V8 den Wagen in nur 6,8 Sekunden auf Tempo 100, doch bei gut 170 Sachen ist schon wieder Schluss. Obwohl der Escalade für US-Verhältnisse präzise abgestimmt ist und auch die Bremsen ordentlich zupacken, muss das fürs Erste genügen. Sonst reicht bei einem vom Bordcomputer ermittelten Durchschnittsverbrauch weit jenseits der 20 Liter selbst der 98-Liter-Tank nicht weit.

Riesen-SUV in Deutschland vorab verfügbar

Offiziell ist der neue Escalade in Deutschland noch nicht verfügbar. Der von GM beauftragte Importeur Kroymanns will den Riesen für Preise um etwa 70.000 Euro erst im Spätherbst ins Land holen. Doch schon jetzt gibt es ihn bei einer Reihe von freien Importeuren wie USCars24.de aus Wuppertal, der sich auf solche Exoten spezialisiert hat und den Escalade für 66.900 Euro verkauft.

"Wir holen Autos ins Land, für die es hier zwar eine Nachfrage, aber kein Angebot gibt", sagt Geschäftsführer Dieter Thiel. So verkauft er im Jahr einige hundert Fahrzeuge wie den Ford Mustang, den Infiniti FX oder den Dodge Magnum und arbeitet dabei eng mit den Vertragshändlern im Land zusammen. So steht zum Beispiel der FJ Cruiser nicht nur in Wuppertal oder im Internet, sondern auch bei deutschen Toyota-Händlern. Aus vermeintlichen Konkurrenten werden Partner, lobt Thiel die Kooperation: Der Toyota-Händler kann so mehr Leute in den Laden locken, die nachher vielleicht doch einen RAV4 kaufen. Und der Importeur kann seinen Umsatz steigern, falls sie am US-Modell hängen bleiben.

Mit dem Escalade allerdings wird er keine lange Freude haben, weiß Thiel schon jetzt. "Sobald das Auto auch offiziell nach Deutschland exportiert wird, ist für uns das Geschäft vorbei", sagt er. "Deshalb müssen wir auf jeden Fall in der Pole Position sein und solche Autos schnell nach Europa holen", sagt der Importeur, der dafür in engem Kontakt mit zahlreichen US-Händlern steht. Während der Escalade-Testfahrt klingelt denn auch ständig das Telefon. Und plötzlich geht ein Lächeln über Thiels Gesicht. Denn gerade hat seine Geschäftsstelle in Pennsylvania die ersten neuen Shelby-Mustangs aufs Schiff gebracht. Kaum ist der von den Fans der Musclecars sehnsüchtig erwartete Wagen in den USA auf dem Markt, wird es ihn deshalb auch in Deutschland geben.

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