Autogramm Can-Am Spyder Born to be Dreirad

Was kommt heraus, wenn man ein Schneemobil sommertauglich macht? Ein Dreirad wie der Can-Am Spyder. Die bizarre Mischung aus Auto und Motorrad fühlt sich cool an. Jedenfalls solange kein echter Biker in der Nähe ist.

Can-Am

Der erste Eindruck: Hollywood muss ganz in der Nähe sein. Dieses Gefährt mit zackigen Linien, scharfen Kanten und einem stechenden Scheinwerferblick sieht aus, als stamme es aus der Garage von Batman.

Das sagt der Hersteller: "Atemberaubende Freiheit", "grenzenloses Hochgefühl" - wenn Vertriebschef Chris Dawson vom kanadischen Hersteller BRP über den neuen Can-Am Spyder spricht, dann malt er Traumbilder von einsamen Straßen in spektakulären Landschaften und schickt seine Zuhörer auf eine eingebildete Reise über die Route 66 oder den Pacific Coast Highway.

Der Can-Am Spyder wird vom Hersteller vor allem als Lebensgefühl angepriesen. Dawson lenkt den Blick aber auch auf das neue U-Fit-System: Mit einstellbaren Fußrasten und einer beweglichen Lenkstange ermöglicht es auf dem eigenwilligen Dreirad eine lässige Cruiser-Position, die bequemem Autofahren viel näher ist als dem Kauern auf einem Motorrad.

Das ist uns aufgefallen: Ein Fernsehsessel ist nichts gegen die Sitzhaltung auf diesem Teil. Der Fahrer muss zwar zunächst eine gewisse Gelenkigkeit beweisen und ein Bein über den breiten Aufbau schwingen, doch wenn man danach in die tief ausgeschnittene Lederschale fällt, sitzt man bequemer als in den meisten Autos. Die Beine lässig nach vorn gestreckt, die Arme locker am Lenker, prompt fühlt man sich wie Dennis Hopper in "Easy-Rider". Und das sogar im Stand, denn auf einem Dreirad muss man ja nicht einmal die Balance halten.

Beim Fahren wird es aber schnell ungemütlich, denn auch das lässigste Marketing kann die Härte dieses Dings nicht verhehlen. Kein Wunder, bei 115 PS Leistung und 130 Nm Drehmoment und lediglich 386 Kilogramm Gewicht. Wer den Drehgriff rabiat nach hinten reißt, schießt in 4,4 Sekunden von 0 auf 100 Km/h und kann etwas von der Begeisterung nachempfinden, mit der Motorradfahrer von Beschleunigungsorgien berichten. Die Höchstgeschwindigkeit liegt bei 170 km/h, und das ist gut so. Denn schon bei Autobahn-Richtgeschwindigkeit knallt der Wind so stürmisch gegen den Helm, dass der Wunsch nach noch mehr Tempo wie weggeblasen ist.

Überhaupt ist der Ritt auf dem Can-Am Spyder ein Kraftakt. Denn das Ding legt sich zwar nicht in die Kurve, dafür aber muss man der Fliehkraft angespannte Muskeln entgegensetzen. Immerhin helfen beim eigentlichen Fahren Assistenzsysteme wie ABS, eine servounterstützte Lenkung und eine Art ESP, falls das angetriebene Hinterrad in Kurven zu weit nach außen drängt.

Das muss man wissen: Im Grunde ist der Can-Am Spyder ein Schneemobil für den Sommer. Er wurde entwickelt, weil der kanadische Großkonzern Bombardier das Geschäft mit Schneemobilen auf das ganze Jahr ausdehnen wollte; und so konstruierten die Ingenieure 70 Jahre nach der Erfindung des Ski-Doos das Winterfahrzeug vor inzwischen acht Jahren zu einem Sommerspaßgerät um. Geblieben sind allerdings der 1,3 Liter große Reihen-Dreizylinder der Konzerntochter Rotax und die Bedienung des Fahrzeugs am Lenker.

In Deutschland, wo man für den Sypder zwar einen Helm, aber keinen Motorradführerschein braucht, meldet das Kraftfahrtbundesamt in Flensburg mittlerweile vierstellige Bestandszahlen. Die jüngste Evolutionsstufe des Can-Am Spyder ist der hier vorgestellte Typ F3, der zum Saisonauftakt in diesen Tagen in den Handel kommt und mindestens 18.899 Euro kostet.

Das ist nicht viel für ein Vehikel, das so viel Fahrspaß bietet wie ein Porsche; aber eine ganze Menge für ein Spielzeug ohne nennenswerten Alltagsnutzen. Schließlich ist man Wind und Wetter schonungslos ausgeliefert und von Transportkapazität oder gar einem Kofferraum möchte man angesichts eines 24,4 Liter großen Staufach im Bug auch nicht sprechen. Der Helm passt dort rein und vielleicht auch eine Jacke oder das Strandtuch - mehr aber auch nicht.

Das werden wir nicht vergessen: Als Autofahrer kann man dem Motorradfahrgefühl kaum näher kommen als auf dem Can-Am Spyder. Bis man an einer Ampel steht, von hinten eine Harley-Davidson heranrollt und einen der abschätzige Blick des Bikers trifft. Wortlos sagt der Ledermann: "Träum weiter Junge! Und wenn Du aufwachst, dann entscheide Dich gefälligst, ob Du einen Sportwagen oder ein Motorrad fahren willst."

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Seite 1
macstabi 23.04.2015
1.
"Träum weiter Junge! Und wenn Du aufwachst, dann entscheide Dich gefälligst, ob Du einen Sportwagen oder ein Motorrad fahren willst." Das denke ich auch immer wenn ein Harley-Fahrer neben mir an der Ampel steht!
Harald Schmitt 23.04.2015
2. Nachteile aus beiden Welten
Warum baut man sowas? Da hat man nur Nachteile aus beiden Welten, man sitzt mitten in der Witterung, muss sich jedesmal in Schutzkleidung reinquetschen, hat keinen Stauraum für Gepäck und die Beschleunigung und Schräglage wie bei Motorrad fehl völlig.
alois.hingerl 23.04.2015
3. eines wird jedenfalls deutlich:
Tom Grünweg hat keinen Motorrad-Führerschein ;-)
felisconcolor 23.04.2015
4. jap
um den CanAm Spyder schleiche ich schon seit ein paar Jahren herum. Dumm nur das der Aufsichtsrat in der Geldbörse bisher alle Übernahmeversuche vereitelt hat. Würde sich gut machen so Zwischen meiner 1100er Kawa und meinem SUV. Ansonsten wenn der Geldbeutel nicht kneift, sollte man sich ruhig die grosse Version dieses Spassmachers gönnen. Allen Nörglern sei gleich gesagt, geht wieder in den Sandkasten spielen. Kleine Kinder gehören eh nicht ohne Aufsicht auf die Strasse
Bernd.Brincken 23.04.2015
5. Schwenker
Bei so viel Aufwand fürs Fahrwerk - warum nicht gleich eine Schwenker-Konstruktion einsetzen? Dann sitzt der Fahrer genau im Vektor der Querbeschleunigung, das ist sicherer und macht mehr Spaß als gegen-die-Kurve-stemmen. Was beim MP3-Roller funktioniert, sollte auch mit größeren Maschinen klappen, Marketing-wise.
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