Autogramm Caterham Seven 275 Schlicht gut

Auch beim neusten Seven sucht man vergeblich nach Innovationen: Seit der britische Hersteller Caterham vor fast 60 Jahren das erste Modell präsentierte, hat sich am Design und Konzept des Wagens kaum etwas geändert. Zum Glück.

Tom Grünweg

Der erste Eindruck: Fehlt da nicht was?

Das sagt der Hersteller: "Die Marke Caterham war stets ein Synonym für Schlichtheit", meint Caterham-Chef Graham Macdonald. Nach seinem Konstruktions-Credo geht Leichtigkeit vor Leistung und Intuition vor Innovation. Deshalb reichen dem neuen Modell bei federleichten 540 Kilo auch vergleichsweise magere 131 PS. Und die Optik gleicht noch immer jener des Ur-Sevens, den der damalige Lotus-Chef Colin Chapman vor fast 60 Jahren entwickeln ließ.

Das ist uns aufgefallen: Bei einem Caterham gilt: Erst die Arbeit, dann das Vergnügen. Bevor man mit dem Wagen um die Ecken fliegen kann, muss man erst einmal einsteigen. Und das ist selbst dann eine gymnastische Übung, wenn Dach und Türen bereits entfernt sind. Also stemmt man eine Hand auf die Brüstung und die andere auf den Überrollbügel, fädelt dann die Füße in den Tunnel unterm Lenkrad und lässt sich langsam in die tiefe Sitzkuhle gleiten. Ganz wichtig: Man darf nicht vergessen, vorher die Gurte zur Seite zu legen und den Zündschlüssel aus der Tasche zu nehmen - denn wenn man erst einmal sitzt, kommt man an all das nicht mehr ran, ohne wieder aufzustehen.

Die Fahrt ist allerdings jede Verrenkung wert. Sobald man den wahrscheinlich kürzesten Schaltstummel der Autowelt in die Gasse für den ersten Gang drückt und den Fuß vom Kupplungspedal hebt, jagt man mit dem Hosenboden so dicht über den Asphalt, dass man anfangs bei jeder Fahrbahnmarkierung einen Klaps auf den Hintern fürchtet.

Die Lenkung reagiert auf jedes leichte Zittern im Handgelenk und der Vortrieb fühlt sich einfach brachial an, wenn man ihn derart ungefiltert erlebt: Die 196 km/h Höchstgeschwindigkeit sind ein entsprechend irrwitziges Erlebnis. Mag sein, dass ein VW Polo schneller fährt als der Caterham. Aber gegen Vollgas im Seven werden selbst 370 km/h im offenen Bugatti Veyron zur lockeren Spazierfahrt.

Das Glück währt jedoch nicht lange. Schon nach einer halben Stunde flinken Landstraßenwedelns schmerzen die Arme und es zwickt in den Knochen. Ans Aussteigen möchte man dennoch nicht denken - zum einen weil es erneut ein kleiner Kraftakt ist, zum anderen weil es trotz der Unbequemlichkeiten einen Riesenspaß macht, mit dieser Kiste herumzuflitzen.

Obwohl Caterham den Purismus predigt, gibt es zumindest einen Hauch von Technik im Auto. Nein, kein Radio - das würde man auch kaum hören können. Aber zur Serienausstattung zählen immerhin zwei winzige Scheibenwischerchen und sogar eine Heizung. Als würde einem in diesem Auto nicht sowieso warm genug.

Und falls es tatsächlich so kalt ist, dass einem in diesem Gerät fröstelt, lässt man es ohnehin besser in der Garage. Denn der Caterham ist ein klassisches Schönwetterauto - wenn es regnet, wird der Seven aufgrund der Semi-Slicks und der fehlenden elektronischen Fahrhilfen zum Querschläger, der nach einer kundigen Hand am Steuer verlangt. Ja, es gibt da eine Art Zeltverdeck, doch bis das über dem Auto sitzt, ist so viel Fummelei und Gezerre nötig, dass man sich doch lieber nassregnen lässt.

Das muss man wissen: Der neue Seven 275 schließt die Lücke zwischen dem Einstiegsmodell Seven 165 mit einem 80-PS-Motor von Suzuki und dem kaum mehr beherrschbaren High-Performance-Modellen 485 und 620, für die man fast schon einen Pilotenschein braucht.

Beim hier vorgestellten, neuen "Mittelklasse"-Typ schrauben die Briten ins immergleiche Chassis einen 1,6-Liter-Motor von Ford, der bei Caterham auf 131 PS und 165 Nm getunt wird und dem Auto zu einem Leistungsgewicht auf dem Niveau eines Porsche 911 verhilft. Doch der Caterham ist im Vergleich zum Zuffenhausener nicht nur das weitaus emotionalere Auto, sondern auch das effizientere; der Durchschnittsverbrauch liegt bei 7,7 Liter je 100 Kilometer.

Gebaut wird der Wagen in Dartford in der Grafschaft Kent und verkauft wird er in Deutschland nur bei wenigen Händlern. Die verlangen für die Basisversion des 275ers mindestens 35.694 Euro, bieten aber für ambitionierte Fahrer das in unserem Testwagen verbaute R-Paket an. Damit steigt der Preis auf 42.775 Euro, und dafür gibt es ein noch strammeres Fahrwerk plus Sperrdifferenzial, Semi-Slicks auf 15-Zoll-Rädern, Vierpunkt-Sicherheitsgurte und ein bisschen Karbonzierrat.

Das werden wir nicht vergessen: Eine Karosserie eng wie ein Kompressionsstrumpf, Sitzschalen wie Schraubstöcke und ein Fahrerlebnis wie ein Ritt auf der Kanonenkugel - nichts, was man in einem Caterham fühlt, wird man je vergessen. Wie extrem dieses Auto wirklich ist, merkt man jedoch erst, wenn man an der Ampel neben einem "normalen" Sportwagen steht, und zu dessen Fahrer aufschauen muss, als säße dieser in einem Lastwagen.

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insgesamt 88 Beiträge
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socketuning 29.07.2015
1. Sportwagen ....
er verlangt vom Fahrer eine gewisse Sportlichkeit :) Für die anderen gibt es dann ein bequemes Coupé.
stefanmargraf 29.07.2015
2. Nett, aber:
Sieht von hinten und vorn einer Ente mit breiten Reifen ähnlich. Passive Sicherheit beim Seitaufprall im Gegensatz zur Elise eher 0. Eine solche Autokonstruktion müsste bedeutend billiger sein, jedenfalls nicht über 22K. Angeklatschte Lichter, keine Türen, nur eine (Flach)Glasscheibe, kein Dach, kein Gepäckraum usw., dafür viel zu teuer.
verbal_akrobat 29.07.2015
3. Rechtslenker ausschließlich
Finde dieses häßliche Fahrzeug steht sinnbildlich für den unterschiedlichen Stand der jeweils landeseigenen Personen Kraftwagen Bau, brrrr man oh Man(n)
werner-xyz 29.07.2015
4. Na ja
bei so Fahrzeugen frage ich mich immer, warum nicht gleich ein Motorrad? Billiger, besserer Anzug, höhere Endgeschwindigkeit und man muss nicht unbedingt im Stau stehen. Und wenn ich sehe wie manche in diesen ultra-Sportwagen fahren kann man eh nur den Kopf schütteln. Letztens mußte ich allen ernstes einen Lotus auf der Landstraße mit unserem Kombi überholen, weil der Fahrer seine Kiste um die Kurven getragen hat. Und das war nicht der erste Lotus der mir durch seine "Rentnerfahrweise" aufgefallen ist. Scheinbar kaufen auch ne Menge Leute diese Kisten nur zum angeben.
koves 29.07.2015
5. Nachteile..
Wer die Nachteile eines Motorrades mit denen eines Autos verbinden möchte, bei dem Geld keine Rolle spielt und der dazu noch Design von gestern bevorzugt, der ist bei diesem Auto genau richtig!
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