Autogramm Chevrolet Corvette C8 Aus der Mitte entspringt die Macht

Altertümliche Technik, dafür Leistung satt und billig - das war das Erfolgsrezept der Chevrolet Corvette. Die achte Auflage soll mit einem komplett neuen Konzept Ferrari und Co. den Rang ablaufen.
Die Chevrolet Corvette - jetzt in der achten Generation

Die Chevrolet Corvette - jetzt in der achten Generation

Foto:

Chevrolet Corvette

Der erste Eindruck: Sieht aus wie ein Ferrari.

Das sagt der Hersteller: Endlich! Ed Piatek kann immer noch nicht glauben, dass die neue Corvette tatsächlich die Reihenfolge von Motor und Insassen getauscht hat. "Das stand schon seit Jahrzehnten auf der Wunschliste", freut sich der Chefingenieur. Dann zeigt er Fotos von Corvette-Prototypen aus den Fünfzigerjahren, die belegen, dass Chevrolet bereits damals mit Mittelmotoren experimentierte. Bei dieser Konstellation ist das Triebwerk direkt hinter Fahrer und Beifahrer platziert. Dieses Antriebskonzept biete einfach zu viele Vorteile, sagt der Cheftechniker der Corvette: ausgeglichene Gewichtsverteilung, den Schwerpunkt auf Hüfthöhe des Fahrers, die Lenkung unbelastet vom Motor, mehr Gewicht, um die Hinterräder auf die Fahrbahn zu drücken und so die Traktion zu verbessern und nicht zuletzt den besseren Überblick.

Eigentlich, so Piatek, hätte schon die letzte Corvette nach diesem Muster konstruiert werden sollen. Doch dann kam die GM-Pleite dazwischen und die Verantwortlichen waren froh, dass sie überhaupt noch Corvette, nämlich den Vorgänger namens C7, bauen durften. Bei der Entwicklung der C8 hingegen hat Geld nun keine Rolle gespielt.

Das ist uns aufgefallen: Die Radikalkur wirkt - die neue Corvette fährt tatsächlich um Längen besser. Früher vor allem auf der Geraden schnell und in den Kurven etwas sperrig, dreht das Coupé jetzt viel leichter ein und bleibt besser auf Kurs. Das Gefühl ist in etwa vergleichbar mit dem Wochenendeinkauf. Mit der C7 war es wie mit einem vollen Einkaufswagen: Wie kräftig und schnell man auch schiebt, in den Kurven muss man ein wenig ausholen und ist entsprechend ungelenk. Mit der C8 fühlt man sich dagegen so wendig, als hätte man die Siebensachen im Rucksack und kommt entsprechend leicht durchs Gewühl. 

Vom höheren Tempo ganz zu schweigen. So ist die Corvette dank der ersten Doppelkupplung in der Modellhistorie und einem auf 495 PS erstarkten Basismotor schneller als bislang auf Tempo 100. Zugleich ist die C8 das schnellste Einstiegsmodell der Modellhistorie und erreicht schon in der Basisversion "Stingray" mehr als 310 km/h. Dabei fühlt sich die Corvette auch in Kurven so souverän und präzise an, dass eine Vollgasfahrt nicht mehr zur Mutprobe wird.

Das sauber abgestimmte Fahrwerk beeindruckt - und wechselt auf Knopfdruck den Charakter. Im sogenannten "Track"-Setting schnürt die Corvette ein enges Band zwischen Fahrer und Fahrbahn. Damit hat man an jeder noch so kleinen Unebenheit teil, zugleich aber hat man auch maximale Kontrolle. Weil die Entfernungen groß sind in den USA und die Corvette dort als Alltagsauto genutzt wird, ist sie zugleich der wohl komfortabelste Sportwagen dieser Art, der leiseste obendrein - und vergleichsweise praktisch ist sie auch noch.

Fotostrecke

Neustart in Generation acht

Foto: Chevrolet Corvette

Selbst wenn man jetzt keinen Kühlschrank mehr in den Kofferraum packen kann, bietet die Corvette mehr Transportkapazität als die meisten Konkurrenten. In den Frunk im Bug und das Gepäckfach im Heck passen insgesamt 360 Liter und damit fast so viel wie in einen VW Golf. Dabei sind die Kofferräume groß genug für das serienmäßige Targa-Dach, mit dem die Corvette nach ein paar Handgriffe zum Beinahe-Cabrio wird. Wer mehr Frischluft will, muss ein paar Monate warten, dann gibt’s die US-Legende auch als echtes Cabrio, das eine weitere Premiere bietet: ein faltbares Hardtop. 

Was noch auffällt bei der ersten Ausfahrt, und was tatsächlich Einfluss auf die Performance hat, das ist der bessere Ausblick. Denn wo früher eine endlos lange Haube den Blick versperrte, fällt er jetzt direkt vor dem Auto auf den Asphalt - so kann man der Ideallinie leichter folgen. Nach hinten ist die Sicht bescheiden, aber das ist kein Schaden. Erstens gehört Rücksicht nicht unbedingt zu den Kerntugenden passionierter Schnellfahrer. Zweitens gibt es einen digitalen Rückspiegel, der auf Knopfdruck eine Kamera am Heck aktiviert und das volle Panorama zeigt. 

Nicht nur bei Antrieb und Aufbau schließt die Corvette nun zur europäischen Elite der Eiligen auf, sondern auch beim Ambiente: Lange war die Corvette das Paradebeispiel liebloser US-Interieurs. So beeindruckend die Fahrleistung auch vorangegangener Corvettes, so trist der Blick in den Innenraum, wo Plastikwüsten mit klobigen Knöpfen die Augen quälten. In der C8 ist das anders: Konsolen, die nicht nur wie Aluminium aussehen, sondern auch aus Aluminium sind, digitale Instrumente und ein großer Touchscreen gehören zur Einrichtung. Nur der hohe Mitteltunnel und die unpraktische Schalterleiste, die diese Mauer krönt, stören das Bild. 

Das muss man wissen: Die neue Corvette, die in den USA in diesen Tagen in den Handel kommt und bei uns ab Sommer bestellbar ist und ab Anfang 2021 ausgeliefert wird, hat auch in der neuen Generation ein eindrucksvolles Datenblatt. Das Trockengewicht von 1,5 Tonnen zum Beispiel, oder den Motor, der vom Vorgängermodell übernommen wird. Es bleibt also beim "Small Block"-V8 mit 6,2 Liter Hubraum und weit mehr als 7000 Touren. In der jüngsten Evolutionsstufe leistet das Aggregat 495 PS und reißt mit bis zu 637 Nm Drehmoment an den 305 Millimeter breiten Michelin-Reifen auf den 20-Zoll-Felgen. Und zwar so stark, dass es keine drei Sekunden braucht, bis Tempo 100 erreicht ist. 

Die spektakulärste Zahl ist aber der Preis: Denn in den USA kostet das Einstiegsmodell Stingray 59.995 Dollar und damit kaum mehr als ein splitterfasernackter Porsche Cayman. Zwar darf man beim Exportmodell nicht eins zu eins umrechnen, sondern muss locker ein Drittel aufschlagen. Und wenn Anfang nächsten Jahres die ersten Modelle verschifft werden, werden die zudem besonders gut ausgestattet sein. Doch selbst wenn man den Preis, um den die Chevrolet-Leute noch ein Geheimnis machen, großzügig auf 100.000 Euro schätzt, sind Konkurrenten von Ferrari, Lamborghini oder McLaren um mindestens 50 Prozent teurer. 

Das werden wir nicht vergessen: Wie schön der Motor inszeniert ist. Früher lag er unter der langen Haube verborgen und war nur beim Topmodell ZR1 durch ein Glasfenster zu sehen. Jetzt liegt er offen hinter den Sitzen wie Schmuck in der Auslage eines Juweliers. Das ist ein Unterschied, den selbst jene Kunden erkennen werden, die beim Fahren keinen Fortschritt bemerken.

Hersteller:

Chevrolet

Typ:

Corvette

Karosserie:

Coupé

Motor:

V8-Benziner

Getriebe:

Achtgang-Doppelkupplungs-Getriebe

Antrieb:

Heck

Hubraum:

6200 ccm

Leistung:

495 PS (369 kW)

Drehmoment:

637Nm

Von 0 auf 100:

2,9 s

Höchstgeschw.:

312 km/h

Kofferraum:

360 Liter

Gewicht:

1.530 kg

Maße:

4630 / 1934 / 1234

Thomas Geiger ist freier Autor und wurde bei seiner Recherche von Chevrolet unterstützt. Die Berichterstattung erfolgt davon unabhängig.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.