Dacia Logan Diesel Vernunft plus Vollgas

Bislang hat man den Dacia Logan nicht mit Leidenschaft in Verbindung gebracht. Wer diesen Wagen bestellt, dem ist der Preis meist Grund genug. Daran wird wohl auch die neue Dieselversion nichts ändern. Doch zwei Einzelstücke zeigen, dass Sparen auch Spaß machen kann.


Der Dacia Logan hatte einen schweren Start. Zwar kam das insbesondere für die europäischen Schwellenländer entwickelte Billigauto der rumänischen Renault-Tochter im letzten Frühjahr auch in Westeuropa genau zur rechten Zeit. Denn der Konjunkturmotor stotterte und die Benzinpreis-Rallye manchen Kunden die Lust auf teure Autos verdarb. Doch trotz des Grundpreises von 7200 Euro fuhr das Auto mit strammem Gegenwind. Vor allem die Bilder von einem missglückten Test des ADAC zur Jahresmitte und die anschließende Diskussion um Fahrdynamik und Crashsicherheit vermiesten dem Logan das erste Jahr. Nur wenig mehr als 2000 Zulassungen stehen deshalb in der Bilanz des Kraftfahrt-Bundesamtes.

Doch jetzt hat der Wind gedreht. Die ADAC-Tester aus München haben ihre Ergebnisse widerrufen. Renault hat wiederholt bewiesen, dass der Logan auch ohne ESP die im Elchtest der Mercedes A-Klasse berühmt gewordene Hütchengasse mit dem scharfen Spurwechsel bewältigt. Und die Kunden entdecken plötzlich die versteckten Reize des Rumänen: Im März und im April haben jeweils deutlich mehr als 500 Menschen in Deutschland einen Logan gekauft und damit die Marke in der Zulassungsstatistik sogar vor Lancia oder Jaguar platziert. Prompt wurde das diesjährige Verkaufsziel von 4000 auf 6 000 Autos erhöht.

Vor allem der neue Dieselmotor, der seit wenigen Tagen den beiden Benzinern zur Seite steht, soll den Aufschwung bringen. Wirklich neu ist der Motor natürlich nicht, er stammt, wie viele andere Logan-Komponenten, aus dem Renault-Regal. Doch das ist kein Schaden. Im Gegenteil: Es gibt zwar keinen Rußpartikelfilter, doch schafft der Commonrail-Motor auch ohne diese Hilfe die Euro-4-Abgasnorm. Allerdings bedient der Motor eher die Vernunft als das Vergnügen, weil man mit 68 PS und 160 Nm natürlich keinen Staat machen und mit einem Sprintwert von 15 Sekunden oder einer Höchstgeschwindigkeit von 158 km/h kaum Herzrasen bekommen wird. Doch dafür verbraucht der Logan 1.5 dCi im Mittel lediglich 4,7 Liter und ist bei einem Grundpreis von 9650 Euro der mit weitem Abstand billigste Diesel unter den Neuwagen.

Aber nur Sparen macht auf Dauer auch keinen Spaß. Deshalb sind von der deutschen Renault-Tochter in Brühl in einem Akt provozierter Unvernunft zwei Dacia aufgebaut worden, die erstmals eine Brücke zwischen Logan und Leidenschaft schlagen. Dafür hat eine kleine Sportwagenschmiede in der Auslaufzone des Nürburgrings zwei alte Renault-Modelle vom Typ Clio Sport ausgeschlachtet und das stramme Fahrwerk, die direktere Lenkung und vor allem den Zweiliter-Motor unter das Blech des Dacia gequetscht. Als Basis diente im einen Fall ein gewöhnlicher Logan, der nun mit Breitreifen in der Boxengasse parkt; im anderen Fall nutzten die Techniker als Grundmodell einen Logan aus der Rennserie, die der ADAC Weser-Ems ausrichtet.

Zu  diesem Zweck kauft der Club pro Jahr rund 50 Fahrzeuge, die komplett ausgeräumt, mit Schalensitzen und Überrollkäfig bestückt und sodann an ambitionierte Hobby-Rennfahrer weitergereicht werden. Eines dieser Autos hat Renault nun ergattert und nach der Organspende aus dem Clio RS als Renntaxi aufbereitet. "Wir wollten zeigen, dass man mit einem Dacia nicht nur vernünftig und preiswert von A nach B kommen, sondern nach ein paar kleinen Umbauten auch viel Spaß haben kann", sagt Sprecher Thomas May-Englert, bevor er seinen Gästen den Helm aushändigt und sie auf den Beifahrersitz der Rennsemmel bittet.

Mit kreischenden Reifen über die Piste

Ganz so klein waren die Umbauten sicher nicht, sonst müsste man den Fahrzeugschein nun nicht wie eine Landkarte ausfalten. Doch der Spaß ist dafür umso größer, wenn Rundstreckenprofi Markus Östreich dem Zweiliter-Motor die Sporen gibt und der Logan mit 168 statt 87 PS um die Kurven fegt. Während selbst der große Benziner im Standard-Logan in gemächlichen 11,6 Sekunden auf Tempo 100 beschleunigt, jagt die Tachonadel hier ähnlich schnell nach oben wie der Puls der Mitfahrer. Und bei den sonst üblichen 175 km/h ist im Renntaxi längst nicht Schluss. Wenn die Gerade lang genug ist, schafft dieser Logan 220 Sachen.

Weil diese Leistung dem Logan niemand zutraut und man sie zumindest dem zivilen Zwilling des Renntaxis kaum ansieht, sind es nicht die heißen Kurven auf dem improvisierten Rundkurs eines ADAC-Trainingsgeländes, die Östreich am meisten Spaß machen. Es sind die kurzen Begegnungen draußen im wirklichen Leben, an denen sich der Rennfahrer ergötzt. So wie zum Beispiel am verdutzten Gesicht hinter dem Steuer eines Mini Cooper S, der ihm kürzlich verzweifelt die linke Spur frei machen musste, und Östreich fast schon leid  hat: "Sitzt da in seinem teuren Designer-Kleinwagen, glaubt, er habe ein sportliches Auto und versteht plötzlich die Welt nicht mehr."

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