Daihatsu Materia Würfel auf Rädern

Kastenwagen sind langweilig? Für Fiat Scudo oder Opel Combo mag das gelten. Aber wenn sie klein genug ist, kann auch eine Kastenform zum Kult werden. In Japan beweist das der Nissan Cube, in den USA der Scion B. Und bei uns versucht es nun der Daihatsu Materia.


So etwas geschieht auch nicht alle Tage: Da steigt man nur mal kurz aus, um ein paar Kleinigkeiten einzukaufen. Und bei der Rückkehr zum Wagen steht tatsächlich eine Gruppe von interessierten Passanten ums Auto herum. Ein Lamborghini-Fahrer mag das gewohnt sein. Doch für jemanden, der Daihatsu fährt, ist das ein denkwürdiges Erlebnis.

Ginge es nach Marketing-Chef Rainer Koch, wird das, was SPIEGEL ONLINE jetzt in Turin widerfuhr, künftig noch häufiger passieren. Denn im Frühjahr geht für Preise ab 14.490 Euro der neue Materia an den Start. Wie kaum ein anderen Kleinwagen macht der kantige Kubus tatsächlich neugierig, wenn er so hoch wie breit und beinahe rechtwinklig geschnitten durch die Innenstadt gewürfelt wird und dabei so viel mehr Charakter zeigt als die vielen anderen Zwerge im wilden Autotypen-Wald der Großstadt.

Allerdings wirkt der Materia nur von außen klein: Mit einer Länge von 3,80 Metern, einer Breite von 1,69 Metern und einer Höhe von 1,64 Metern entspricht er in etwa den Maßen eines VW Polo. Doch bietet er mit 2,54 Meter Radstand - die Räder sind also weit in den Fahrzeugecken platziert - innen überraschend viel Platz. Auch die Kopffreiheit reicht mühelos für Punkstacheln und andere Föhnfrisuren, und vorn sitzt man auch mit knapp zwei Metern Größe ziemlich bequem. Sogar hinten lassen sich lange Beine mühelos unterbringen. Möglich macht das eine auf Schienen montierte Rückbank, die nahezu stufenlos um 16 Zentimeter verschoben werden kann. Allerdings schmilzt dann das Kofferraumvolumen auf magere 181 Liter.

Bis dahin ist der Materia ein pfiffiges Auto, dem manch einer tatsächlich hinterherpfeifen wird. Doch kurz danach findet die Begeisterung ein schnelles Ende, weil der Innenraum bei gründlichem Hinsehen zum Stimmungstöter wird. Ein bisschen mehr Pepp als die blau umleuchteten Lautsprecherboxen und den Tacho zwischen Fahrer und Beifahrer hätte man bei diesem auffälligen Design schon erwartet. Doch statt schriller Farben, verrückter Formen und ein paar frischer Funktionen gibt es ringsum nur billiges Plastik. Die hinteren Kopfstützen flutschen beim Verstellen schnell aus der Lehne, statt einer stabilen Gepäckraumabdeckung gibt es eine kratzige Stoffmatte, im Stile von Wolldecken aus der Jugendherberge. Das schwarz eingefärbte Radio sieht weniger nach Klavierlack als nach Korea-Keyboard aus. Und wohin das Auge auch blickt, sieht es tristes Grau.

Mamba-grüner Lack, aber Tristesse im Innenraum

Dabei ist Daihatsu Farbe gar nicht so fremd, wie der Blick in den Materia-Prospekt beweist. Zwar haben alle Lacke außer Weiß einen Perleffekt und kostet deshalb 390 Euro Aufpreis, aber unter ihnen findet sich auch ein giftiges Mamba-Grün, ein kühler Kristall-Ton oder ein hübsches Pazifik-Blau. Wer dafür extra Geld ausgibt, der würde auch ein paar Euro für manchen Farbklecks im Innenraum locker machen – zumal der Materia ohnehin kein echtes Schnäppchen ist. Dafür allerdings haben ihn die Japaner ordentlich ausgestattet: Vier Airbags, Klimaanlage und elektrische Fensterheber reihum sind ebenso Standard wie das CD-Radio und die Alufelgen. ESP gibt es für 500 Euro Aufpreis und nur für den stärkeren Motor, und auch für die Kopfairbags werden 450 Euro fällig.

Einen guten Eindruck macht die Technik, die den knuffigen Kasten in Fahrt bringt. Natürlich darf man keinen Geschwindigkeitsrausch erwarten. Aber mit dem 103 PS starken 1,5-Liter-Motor schwimmt der Materia gut im Verkehr mit. Wer den Vierzylinder ordentlich auf Touren hält, der kann auch einen Ampelspurt gewinnen und bei der Jagd nach einem Parkplatz einen weiteren Vorteil des Kasten-Konzeptes entdecken: Der Wagen ist nicht nur sehr übersichtlich, sondern zudem auch noch ausgesprochen wendig. Zwar wird die mindestens 15.490 Euro teure 1,5-Liter-Variante wohl die meisten Zulassungen machen. Doch für stilsichere Sparer gibt es auch einen 1,3 Liter-Motor, der 1000 Euro billiger ist, nur zwölf PS weniger hat und mit 169 km/h annähernd so schnell ist. Zudem verkauft Daihatsu für den großen Motor für 970 Euro eine Automatik und ab Mai für weitere 1000 Euro sogar einen Allradantrieb.

Mit dieser dann doch recht breiten Palette wollen die Japaner im kommenden Jahr rund 1500 Kunden gewinnen. Woher die allerdings kommen sollen, weiß Marketing-Chef Koch auch nicht so recht: "Vom Format und vom Zuschnitt sind Renault Modus oder Nissan Note sicher zwei wichtige Wettbewerber", sagt Koch. Doch richtige Konkurrenten sieht er in den beiden kleinen Vans nicht. "Denn etwas Vergleichbares gibt es in Deutschland bislang einfach nicht", sagt er voller Stolz. Aber all zu lange sollte sich Koch darauf nicht verlassen. Denn Nissan hat bereits angekündigt, dass der nächste Cube auch für Europa aufgelegt wird. Und auch Toyota wird sich das Würfelspiel mit großem Interesse anschauen. Schließlich hat die Marke anderswo ein Würfelauto im Angebot, dessen Exportchancen nach Deutschland mit jedem verkauften Materia steigen.



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