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Fahrbericht VW Golf VII Schlaf schön, Deutschland

Durchschnitt in Perfektion - das ist das Erfolgsgeheimnis des VW Golf. Beim neuen Modell hat Volkswagen dieses Konzept auf die Spitze getrieben. Bislang scheint die Rechnung aufzugehen, die Deutschen lieben das Auto. Doch das Glattbügeln bis zur Verschnarchtheit hat auch eine Kehrseite.

Achtung, wir machen jetzt ein kleines Experiment: Sie erinnern sich an den letzten Kinobesuch, bei dem Sie sich so richtig gut unterhalten fühlten. Vielleicht war es einer dieser krachenden Actionfilme. Oder eine dieser herrlich seichten Liebeskomödien. Richtig gut gemachtes Popcorn-Kino eben. So, und jetzt sagen Sie mal, was bei Ihnen vom Film hängengeblieben ist, versuchen Sie mal, sich an den Handlungsverlauf zu erinnern. Sie haben Schwierigkeiten? Können nichts mehr greifen? Voilà, Experiment geglückt - genauso fühlt es sich an, den neuen Golf zu fahren.

Der Golf VII ist der Blockbuster der Autoindustrie. Ein absoluter Megaseller, der perfekte Mainstream. So lange glattgeschliffen, bis nichts mehr richtig stört - aber auch nichts richtig begeistert.

Es fängt schon beim Design an. Normalerweise sind die Unterschiede zwischen den Generationen eines Modells leicht zu erkennen. Beim neuen Golf aber sind die optischen Unterschiede zwischen Vorgänger und dem Neuen so marginal, dass man meist zweimal hingucken muss, um alt und neu unterscheiden zu können.

Wo ist denn nur das Wow-Gefühl?

Klar: Wenn man nicht allen gestalterischen Trends folgt oder von einem optischen Extrem zum nächsten hechelt, ist das auch eine Leistung. Aber wenn man sich bei einem neuen Auto die ganze Zeit fragt, worin eigentlich genau der Unterschied zum alten liegt - das kann doch eigentlich nicht das Ziel sein.

Dabei haben die Ingenieure fleißig gewerkelt, um die siebte Edition des Dauerläufers aus Wolfsburg weiterzuentwickeln. Es ist jetzt serienmäßig eine Start-Stopp-Automatik an Bord, ein fünf Zoll großer Touchscreen sowie eine Multikollisionsbremse. Die bremst das Auto nach einer ersten Karambolage so ab, dass es zwar noch lenkbar bleibt, zugleich aber so stark verzögert wird, dass ein zweiter Aufprall möglichst abgeschwächt oder, im Idealfall, sogar verhindert wird. Auf dem Papier haben sie den Wagen außerdem - je nach Ausführung - um bis zu 100 Kilogramm abgespeckt.

Nur: Von all dem merkt man nichts, wenn man hinter dem Steuer sitzt. Es will sich partout kein Wow-Gefühl einstellen.

Der Verbrauch ist von gestern

Der neue Motor, der in unserem Testwagen verbaut war, wirkte in gewisser Weise gestrig. Sicher, der 2-Liter-Turbodiesel-Direkteinspritzer ist souverän in allen Fahrsituationen. Er hat, wie manche Leute sagen würden, ordentlich "Wumms" und zerrt bei entsprechender Gaspedalbehandlung ungestüm an den Vorderrädern. Wenn man auf dem Touchscreen in der Mittelkonsole das Fahrprofil "Sport" wählt, bewegt sich der Wagen für einen Kompaktwagen mit Dieselmotor richtig zackig.

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Fahrbericht VW Golf VII: Deutschland, dein Auto

Foto: Volkswagen


Wenn allerdings trotz überwiegend behutsamer Fahrt im Eco-Modus nach hundert im Stadtverkehr absolvierten Kilometern ein Verbrauch von acht Litern auf dem Display erscheint, dann ist das nicht mehr zeitgemäß.

Hinzu kommt, dass die Start-Stopp-Automatik oft ein Gefühl der Ohnmacht erzeugt. Auf der einen Seite funktioniert sie, im Vergleich zum Beispiel zu der von BMW im X1 verbauten Automatik, auch bei kalten Temperaturen zuverlässig. Auf der anderen Seite braucht sie manchmal schlicht zu lang, um den Motor wieder anzuschmeißen.

Vielleicht doch lieber den Golf VI kaufen?

Besonders extrem tritt dieses Phänomen auf, wenn man an eine Ampel heranrollt, die in exakt dem Moment, wo die Automatik den Motor abschaltet, wieder auf Grün springt. Als ob zwischen An- und Abschalten eine Mindestruhezeit vereinbart wäre, steht der Motor rund eine Sekunde, gefühlte zehn, still. Also tritt man instinktiv das Gaspedal weiter herunter, weil man ja intus hat, dass der Motor dadurch anspringt. Und wenn er das dann endlich tut, macht der Wagen wegen des halb durchgetretenen Pedals einen Satz nach vorn.

Ansonsten gibt es wenig, woran man sich beim neuen Golf wirklich stört. Die Bedienung des Multimediasystems per Touchscreen ist nicht optimal. Jedes Mal, wenn man eine Nummer wählt oder eine Adresse ins Navi eingibt, fragt man sich, warum Rumfummeln am Handy im Auto verboten ist - die Bedienung des Touchscreens, bei der man mehr noch als bei der Bedienung per Druck/Drehknopf die Augen von der Straße nimmt, aber nicht. Doch selbst das kann man Volkswagen nicht vorwerfen. Touchscreen - das ist nun mal der Mainstream.

Und so ist auch das ganze Auto. Ein unaufgeregter Begleiter, der im Vergleich zu seinem Vorgänger nur im Detail verbessert wurde. Vielleicht ist das auch das Problem: Der Vorgänger war einfach schon zu gut. Manch Fachmagazin rät deswegen angesichts der happigen Preise für den Neuen und der saftigen Rabatte für den Alten, statt eines Golf VII doch lieber einen gut ausgestatteten Golf VI zu kaufen.

Und so bleibt am Ende der Testfahrt eine gewisse Ratlosigkeit zurück. Darüber, warum die Deutschen dieses Auto so lieben. Denn genau das tun sie. Mit dem neuen Golf erlebt man Situationen wie sonst nur mit einem Oldtimer. Ist der Wagen abgestellt, bleiben immer wieder Menschen davor stehen. Gehen musternd herum oder dunkeln mit ihrer Hand die Scheibe ab, um einen Blick auf den Innenraum zu erhaschen.

Oder sie nähern sich, wenn man in den parkenden Golf steigt und fragen: "Und, wie ist er so?" Selbst Bekannte, die sich sonst gar nicht für Autos interessieren, horchen sofort auf: "Oh, du testest gerade den neuen Golf?" Wie kann es sein, dass die Menschen dieses durch und durch biedere Auto so anzieht? Vermutlich genau deswegen. Die Perfektion des Durchschnitts - das ist Mainstream.