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07. August 2015, 08:59 Uhr

Autogramm Honda Jazz

Ganz schön großspurig, Kleiner 

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"Mehr Innenraum als die S-Klasse": Mit lauten Tönen kündigt Honda die dritte Generation des Jazz an. Tatsächlich ist bei diesem Kleinwagen alles etwas üppiger als üblich. Leider auch der Preis.

Der erste Eindruck: Liebling, sie haben das Space Shuttle geschrumpft! Bislang wirkte der Honda Jazz ziemlich altbacken, aber das neue Modell duckt sich jetzt ein bisschen tiefer, zeigt mehr Kanten und Charakter und sieht tatsächlich aus wie ein kleines Raumschiff.

Das sagt der Hersteller: Den "funktionalsten Kleinwagen der Welt" zu bauen, so lautete der Anspruch von Honda, als der erste Jazz 2001 auf den Markt kam. Bei der jetzt vorgestellten dritten Baureihe ist die Rechnung nach Ansicht von Projektleiter Makoto Konishi endgültig aufgegangen. Denn der Jazz habe in Japan nicht nur den Toyota Corolla nach 33 Jahren Vorherrschaft vom Zulassungsthron gestürzt, sondern sei in den vergangenen 14 Jahren weltweit mehr als 5,5 Millionen Mal verkauft worden.

Von diesen Zahlen berauscht, haut Konishi einen markigen Spruch raus: Ihm und seinem Team sei es gelungen, das Platzangebot im neuen Jazz weiter zu verbessern - "Wir bieten sogar mehr Innenraum als eine aktuelle Mercedes S-Klasse."

Das ist uns aufgefallen: Es ist tatsächlich überraschend, wie viel Platz Konishi dem nur vier Meter langen Auto abgerungen hat. Wie er das geschafft hat? "Die neue Generation hat nicht nur drei Zentimeter mehr Radstand, sondern ist auch zehn Zentimeter länger als vorher", sagt Konishi . "Und obwohl vier Zentimeter des Längenwachstums auf die verstärkten Stoßfänger entfallen, haben wir den Innenraum sogar um fast zwölf Zentimeter verlängert."

Dieser Trick funktioniert unter anderem dank einer neuen Plattform und dünnerer Sitze. Der Effekt: Im neuen Jazz sitzt man sowohl vorne als auch hinten bequemer als in den meisten anderen Kleinwagen. Außerdem gibt es mehr Stauraum. Zum Beispiel bauen die Japaner wieder die sogenannten "Magic Seats" ein, bei denen sich die Sitzkissen der Rückbank wie bei einem Kinosessel einklappen lassen. Dadurch ist vom Boden bis zur Decke Platz für sperrige Gegenstände von bis zu 1,30 Metern Höhe.

Die Rückbank lässt sich außerdem komplett umlegen, dann erweitert sich der 354 Liter große Kofferraum auf bis zu 1314 Liter Stauvolumen. Wer sich nach Großtransporten mit dem Kleinwagen erst einmal hinlegen möchte, hat im Jazz auch dazu die Gelegenheit. Mit zwei Handgriffen lassen sich die Lehnen der beiden Vordersitze so umklappen, dass eine bequeme Liegelandschaft entsteht .

Als einzigen Antrieb gibt es vorerst einen neuen 1,3-Liter-Motor, der 102 PS leistet. In der Theorie ist das Aggregat mit fünf Litern Durchschnittsverbrauch sparsamer als die Motoren des Vorgängermodells und mit einem Spitzentempo von 190 km/h auch noch schneller. Doch in der Praxis hinterlässt der Antrieb einen zwiespältigen Eindruck: Munter und fidel in der Stadt, wirkt er im Zusammenspiel mit der betont lang übersetzten Schaltung jenseits des Ortschildes ein wenig überfordert und bisweilen so kurzatmig, dass man ihn auf 20 PS weniger taxieren würde.

Das muss man wissen: Nicht nur aufgrund der geschickten Raumausnutzung erinnert der Jazz an die typischen kleinen Appartements in Tokio, sondern auch wegen des Preises. Denn wenn der Wagen ab September zu den deutschen Händlern kommt, kostet die billigste Variante 15.900 Euro. Deutsche Konkurrenten wie der VW Polo, der Ford Fiesta oder der Opel Corsa sind da deutlich billiger - allerdings gehören Assistenzsysteme wie die City-Notbremsfunktion oder der adaptive Tempomat beim Jazz bereits zur Serienausstattung.

Als alternative Motorisierung wird es demnächst noch einen stärkeren Benziner geben. Ein Diesel ist dagegen nicht geplant, auch einen Hybridantrieb wird es nicht geben. Das Vorgängermodell war noch als Teilzeitstromer verfügbar. In Japan gilt das auch für die neue Baureihe, doch in Europa wurde der Hybrid gestrichen.

Das werden wir nicht vergessen: Einerseits ist der Honda Jazz ein richtig modernes Auto. Als Beleg seien hier der Motor mit extrem hoher Verdichtung und variablem Ventiltrieb genannt, die Navigation mit Touchscreen, Online-Verbindung und eigenem Appstore und der Tempomat, der Verkehrsschilder erkennen kann und gegebenfalls die Geschwindigkeit automatisch anpasst.

Andererseits: Details wie die Plastiknähte des Kunstleders oder die groben Pixel des Bordcomputer-Displays sind dermaßen antiquiert - als Einrichtung in einem Tokioter Appartement würde das kein Mieter durchgehen lassen.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Textes hieß es, der Honda Jazz mit City-Notbremsfunktion und adaptivem Tempomat koste 16.850 Euro. Das ist falsch, er kostet 15.900 Euro. Wir haben den Fehler korrigiert und bitten, ihn zu entschuldigen.

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