Ducati Multistrada 1260 Enduro im Test Aus niedrigen Beweggründen

Die Ducati Multistrada 1260 Enduro mit tieferem Sitz lässt von Ausflügen abseits der Straßen träumen. Unser Autor hat das Motorrad auf Knüppelpfaden in der Toskana getestet.

Ducati

Östlich von Florenz ist die Toskana eine Bilderbuchschönheit. Dicht bewaldete Hügel wechseln sich mit Weinbergen ab, die bis an den Horizont reichen. Mittendrin thront das Castello Nipozzano, dessen Geschichte über 900 Jahre zurückreicht. Herr über Familiensitz und die weitläufigen Ländereien ist der Marquese Lamberto Frescobaldi. Er kultiviert die berühmten Chianti-Rufina-Reben.

Nipozzano und seine 120 Kilometer Agrarwege, Forstschneisen und Wanderpfade sind das geeignete Ambiente für Ducatis neue Multistrada 1260 Enduro. Der größte Offroader, den Ducati im Angebot hat, hat die nötige Nipozzano-Grandezza, aber ist gleichzeitig ein Viech. Der 30-Liter-Tank baut massig hinter dem hohen Windschutz, der Betrachter mag da an einen ausgewachsenen Mozzarella-Büffel denken. Der breite Hintern mit zwei voluminösen Reisekoffern bestätigt den Gedanken nur.

Komplett neues Fahrgefühl

Ducati hat die Multistrada Enduro nach drei Jahren komplett überarbeitet und mit einem neuen Antrieb ausgestattet: Der Ducati-Teststretta DVT-Motor tritt jetzt mit 1262 statt 1198 ccm an, die Spitzenleistung liegt bei 158 PS, das maximale Drehmoment bei 128 Nm.

Die entscheidenden Änderungen haben die Entwickler aus Bologna allerdings am Fahrwerk vorgenommen: Eine etwas längere Schwinge, ein veränderter Radstand und die 15 Millimeter kürzeren Federwege sowohl vorne als auch hinten vermitteln der Multistrada Enduro im Jahr 2019 ein komplett neues Fahrgefühl.

Ergonomisch unterstützt wird die technische Erniedrigung durch eine zehn Millimeter flachere Sitzbank und den 300 Millimeter tieferen Lenker. "Die Kunden haben sich mit dem bisherigen Handling unwohl gefühlt. Die Multistrada war ihnen zu hoch," sagt Stefano Tarabusi, Projektmanager im Bologneser Werk. "Jetzt ist sie perfekt."

Drehmoment lässt zu keinem Zeitpunkt spürbar nach

Auf den schnellen toskanischen Landstraßen rund um Castello Nipozzano macht das Bike sofort bella figura. Man sitzt weiter tief in der schmalen Mulde, doch das unwohle Gefühl vor allem bei kleineren Fahrern, hinter einem massiven Vorbau und dem hohen Lenker zu verschwinden, taucht nicht mehr auf. Multistrada Enduro: Läuft.

Die Maschine hängt auch sauber am Ride-by-Wire-System, von dem das Gassignal elektronisch an die Motorsteuerung übertragen wird. Jetzt kann der V2-Motor auch tiefe Drehzahlen; das Drehmoment lässt zu keinem Zeitpunkt mehr spürbar nach.

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Ducati Multistrada 1260 Enduro: Je schneller, desto lustiger

Ab 3000 U/min geht die Post richtig ab. Der Quickshifter (Schaltautomat) schaltet das Getriebe beim Gangwechsel ohne Kupplung sehr präzise durch. Die Leistung wird mit hartem Punch, aber immer gut beherrschbar ausgeliefert.

Gegen das Abheben des Vorderrades und plötzlichen Gripverlust am Hinterrad fährt Ducati bei der Enduro das komplette Elektronikpaket auf: Kurven-ABS, vier Fahrmodi Urban, Touring, Sport und Enduro, achtstufige Wheelie-Kontrolle, achtstufige Traktionskontrolle, und eine Berganfahrhilfe. Steuerbar sind die Optionen über ein Fünf-Zoll-TFT Farbdisplay und die Ducati-Link-App.

Jeder Gasstoß schreit nach mehr

Unterstützt wird das Powerpaket durch ein vorzügliches Bremsensemble und das semiaktive Fahrwerk, dass die Multistrada 1260 Enduro klaglos über toskanische Querrillen, Schlaglöcher und Kanaldeckel fliegen lässt. Man möchte nicht mehr absteigen. Jeder Gasstoß bettelt und schreit nach mehr: mehr Urlaubstagen, mehr Kilometern, mehr Abenteuern.

Auch im Gelände schlägt sich die 1260er Enduro mit ihren rund fünf Zentnern Kampfgewicht grundsätzlich sehr gut. Schlammige Waldwege, schottrige Auffahrten und staubige Knüppelpfade schluckt der massive Vortrieb mit dem großen Drehmoment locker weg: Je schneller die Multistrada über den Track fegt und die Weinreben bestaubt, desto stabiler und lustiger wird die Fahrt.

Wenn der Büffel fällt, wird es teuer

Probleme tauchen allerdings auf, wenn es an fahrtechnisch anspruchsvolle Passagen geht: Der V2-Motor zieht durch wie ein Traktor, aber die Getriebeabstimmung passt nicht für sorgfältige Schleichfahrt. Der erste Gang ist zu kurz, der zweite Gang zu lang ausgelegt. Offroad-Novizen fallen leicht in dieses Multistrada-spezifische Performance-Loch und könnten ruckelnd oder schlingernd am Schaltdilemma scheitern.

Gleichzeitig kämpfen sie mit ihrem hohen Schwerpunkt. Wenn der Büffel fällt, wird es teuer. Ein richtiger Sturz oder Umfaller, der im Gelände selten ausbleibt: Schon hat man rund 300 Euro Sachschaden auf der Uhr. Wenn man Pech hat, liegt das Fahrzeug nach einem Geländewochenende mit leckender Hydraulik still. Offroad-Praktikabilität geht anders.

Wenig Gründe für den Enduro-Aufpreis

Warum dann überhaupt eine Multistrada Enduro? Die Frage bleibt zum Teil offen. Nehmen wir das Beispiel Nipozzano: Geübte Geländefahrer - also diejenigen, die überhaupt auf die Idee kommen, mit einer Multistrada die Straße zu verlassen - hätten mit guten Reifen kein Problem, die dortigen Tracks mit der straßenorientierten Multistrada 1260 zu meistern. Die Multistrada 1260 Enduro hat im Grunde nur einen voluminöseren Tank, ein mit 19 Zoll größeres Vorderrad, bespeichte Felgen, minimal mehr Bodenfreiheit und jede Menge Offroad-Flair als Plus.

"Was wir aus unseren Fahrdaten wissen: Um die 90 Prozent aller Multistradas werden nie abseits der Straßen gefahren. Vielleicht mal ein Feldweg oder eine Schotterstraße", räsoniert Stefano Tarabusi, der Projektmanager. Und fügt philosophisch an: "Es geht ja beim Kauf oft nicht darum, wo man fährt, sondern wo man fahren könnte."

Die Multistrada 1260 Enduro kostet in der Standardversion ab 20.690 Euro, also 3700 Euro mehr als die Straßen-Multistrada 1260. Das wohlige Gefühl, mit Gelände-Chic zu cruisen und in Gedanken bei den richtigen Offroadern dabei sein zu können, hat seinen Preis.

Fahrzeugschein
Hersteller: Ducati
Typ: Multistrada 1260 Enduro
Karosserie: Motorrad
Motor: Zweizylindermotor
Getriebe: Sechsganggetriebe
Hubraum: 1.262 ccm
Leistung: 158 PS (116 kW)
Drehmoment: 128 Nm
Höchstgeschw.: 240 km/h
Gewicht: 254 kg
Preis: 20.690 EUR


insgesamt 49 Beiträge
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Seite 1
thequickeningishappening 30.01.2019
1. Fünf Zentner fürs Gelände? Noe
Gut für Die Autobahn. Weinberge? Mit engen Kurven? Die groesste Enduro Die ich hatte war ne 650er Dominator und Die war nix für Off Road.
dolfi 30.01.2019
2. Ein mächtiges Trumm
Ebenso wie die gerade vorgestellte GS ist sie sicherlich eines der mächtigsten Eisen am Markt. Doch der Sinn erschliesst sich mir nicht ganz. Für die Strasse gibt es geeignetere Maschinen, für das Gelände auch. Also ist die neue Multistrada oder auch die GS Adventure was für Poser? Scheint mir fast so zu sein.
dipl.inge83 30.01.2019
3. SUV auf 2 Rädern
Das Gerät erfüllt fast alle aktuellen Ansprüche. Fährt bequem, hoch genug für genügend Übersicht, ausreichend Power um am Ortsausgang vorne mit zu schwimmen, theoretische Geländetauglichkeit vorhanden (aber bitte keine Kratzer!), teuer genug um den sozialen Status zu repräsentieren. Quasi der Q7 unter den Motorrädern. Ich sehe die potentielle Zielgruppe schon vor meinem geistigen Auge. Gute Fahrt!
kuschkusch 30.01.2019
4.
Zitat von dolfiEbenso wie die gerade vorgestellte GS ist sie sicherlich eines der mächtigsten Eisen am Markt. Doch der Sinn erschliesst sich mir nicht ganz. Für die Strasse gibt es geeignetere Maschinen, für das Gelände auch. Also ist die neue Multistrada oder auch die GS Adventure was für Poser? Scheint mir fast so zu sein.
Das Segment der Reiseenduros hat ordentliche Marktanteile vorzuweisen. Egal von welchem Hersteller, höhere Fahrwerke, längere Federwege, Kraft, Dynamik, Handling, bequeme Sitzposition usw. sind (auch und gerade für mich als viel Motorradreisender) wichtige Verkaufsargumente. Die Geländetauglichkeit spielt da in der Tat eine untergeordnete Rolle. Auf den in Europa immer mehr verrottenden Nebenstraßen bin ich inzwischen allerdings um jeden Centimeter mehr an Federweg sehr dankbar. Mit Sicherheit werde ich mir keine Ducati kaufen, wenn mein 1200er Honda Crosstourer mit Doppelkupplungsgetriebe irgendwann nicht mehr gebaut werden sollte. Aber das ist wie immer eine persönliche Entscheidung aus verschiedensten Beweggründen. Ich bin jedoch froh, dass es in diesem Segment der Reiseenduros immer wieder Neuerungen und eine grosse Vielfalt gibt.
krustentier120 30.01.2019
5. Sitzhöhe?
Wieso wird die Sitzhöhe denn nur relativ zur alten, und nicht absolut angegeben? Wäre ja schon interessant gewesen.
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