Ratgeber Rad – Ruff Cycles Biggie im Test Ich bin geiler als du

Das Biggie von Ruff Cycles ist ein schweres, motorradähnliches Fahrrad, möglich macht es der Elektroantrieb. Wer draufsitzt, wird unweigerlich zum Poser – mit allen Konsequenzen.
Ruff Cycles Biggie

Ruff Cycles Biggie

Foto: Stefan Weißenborn / DER SPIEGEL

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Der erste Eindruck: Ist das noch ein Fahrrad oder schon ein Motorrad? Auf jeden Fall ist das Biggie schwer. Das wird schon klar, wenn man den Ständer anklappt und das E-Bike festhält.

Das sagt der Hersteller: Ruff Cycles habe »eine eigene DNA«, sagt Gründer und Geschäftsführer Pero Desnica, 39. Klingt abgedroschen, leuchtet mit Blick auf das Bike aus Süddeutschland aber ein: Wie frühere Ruff Cycles-Modelle bedient sich das Modell Biggie umfangreich bei Stilelementen von Krafträdern.

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Ruff Cycles Biggie: Biken als Event

Foto: Stefan Weißenborn / DER SPIEGEL

Mit seiner flachen, nur durch den Querstreben-Lenker noch oben unterbrochenen Linie soll das E-Bike Scrambler-Motorrädern ähneln, die in den Fünfzigerjahren aufkamen. Dazu kommen Breitreifen, Echtledersitzbank, Doppelbrückengabel und Drehgriff. »Ich glaube, es gibt viele da draußen, die auf halbe Motorräder stehen.«

Der Drehgriff dient indes nicht dem »Gasgeben«, sondern stellt die stufenlose Enviolo-Hinterradnabenschaltung ein. Die Komponenten am Modell sind hochwertig, auf eine teure Fahrwerksdämpfung mit offen liegenden Federn wie an einem Scrambler-Bike hat der Hersteller jedoch verzichtet. »Dann würde das Biggie 1000 bis 1500 Euro mehr kosten«, sagt Desnica, der eigenen Worten zufolge aus der Custom-Szene kommt, in der jedes Fahrrad fast ein Einzelstück ist.

Für Desnica rangiert das Komplettbike Biggie konzeptionell bereits als »Mainstream«. Als Zubehör gibt es nicht viel mehr als Gepäckträger für vorn und hinten. Die sind wichtig, denn das Biggie ist als Pendlerrad gedacht – daran dachte zumindest Desnica beim Entwurf: »Ich habe was für die Arbeit gebraucht.«

Desnica, der die Entwicklung seiner Fahrräder federführend leitet, rechnet damit, im kommenden Jahr doppelt so viele E-Bikes zu verkaufen wie zuletzt: Rund 6000 bis 7000 Stück sollen es werden, von Hand montiert in Regensburg, wie schon seit 2012. Im März 2022 soll das Biggie auf den Markt kommen.

Das ist uns aufgefallen: Schon beim Rangieren – man muss es so bezeichnen – kommt Motorrad-Feeling auf. Das 33-Kilo-E-Bike mit dem in Bosnien handgeschweißten Stahlrahmen anzuheben, kostet viel Kraft. Deshalb sitzt man besser auf dem Bock und drückt das Rad mit den Fußsohlen rückwärts aus der Parknische, wie eine schwere Maschine.

Unterwegs erscheint das Biggie sonderbar klein. Mit den 26-Zoll-Rädern ist es laut Hersteller für Personen zwischen 1,75 und 1,95 Metern Körpergröße gemacht. Mit gut 1,80 Meter lassen sich sitzend die Fußsohlen komplett auf dem Boden abstellen. Das gibt guten Halt beim Ampelstopp, insgesamt sitzt man so aber zu tief.

Ruff Cycles Biggie

Motor

Bosch Performance Line CX, 250 Watt, 85 Nm

Tretunterstützung

bis max. 25 km/h, abschaltbar

Rahmen

handgeschweißter Stahl, für 1,75 Meter bis 1,95 Meter Körpergröße

Schaltung

Enviolo stufenlos

Bremsen

hydraulische Scheibenbremsen von Magura

Bereifung

»Mold« Sonderanfertigung (26 x 3.0 Zoll)

Gewicht

33 kg

zulässiges Gesamtgewicht

150 kg

Preis

4399 Euro (Basisversion mit Bosch-Active-Line-Motor und 300-Wh-Akku 3399 Euro

Beim Treten der Pedale bleiben die Beine ziemlich gebeugt. Das fühlt sich ineffizient an. Wer empfindlich ist, könnte auf Dauer Knieprobleme bekommen. Desnica empfiehlt in solchen Fällen, auf der 60 Zentimeter langen, nicht höhenverstellbaren Sitzbank weiter nach hinten zu rutschen. Doch sitzt man dann ziemlich krummbuckelig – aber vielleicht gehört auch das zum Scrambler-Feeling.

Andererseits bleibt so kein Platz mehr für den Sozius. Schade, denn die Fahrt zu zweit ist ein großer Spaß. Das Bike eignet sich prima als Kindertaxi für Nachwuchs, der dem Kindersitz entwachsen ist. Mit einem zweiten Erwachsenen an Bord übertrifft man allerdings schnell das zulässige Gesamtgewicht von 150 Kilo.

Das muss man wissen: Boschs stärkster E-Bike-Motor Performance Line CX mit 85 Newtonmetern hat mit dem schweren Ruff Cycle keine Mühe. Anders als der Mensch auf der Sitzbank, wenn der Motor abgeschaltet bleibt: Ohne Tretunterstützung des Mittelmotors lässt sich das Lifestyle-E-Bike nur zäh fortbewegen.

So funktioniert das Biggie praktisch nur als Pedelec, schneller als die maximal unterstützten 25 km/h ist man selten – zu anstrengend. Die große Übersetzungsbandbreite der komfortablen Enviolo bleibt damit im oberen Bereich ungenutzt – außer bei Bergabfahrten, wenn die Schwerkraft hilft.

Der 500-Wattstunden-Akku lässt sich zum Laden entnehmen und zur Steckdose tragen. Das ist wichtig – das Biggie auch nur einen Treppenabsatz hoch- oder herunterzubefördern, fällt schwer. Dem Bike fehlen zudem die im Alltagsgebrauch bei Wind und Wetter so elementaren Schutzbleche. Auf längeren Strecken nervt, dass die Oberschenkel mit jeder Kurbelbewegung am Sitz schubbern.

Aber als sortenreines Pendlerrad sieht selbst sein Schöpfer das Biggie nicht. »Das Fahren mit dem Biggie ist ein Event«, sagt Desnica. Wer die Fahrkultur so begreift, möchte Auffallen und nicht in erster Linie Strecke machen. Motto: Ich bin geiler als du. Das Fahren ist tatsächlich mehr ein Cruisen, adäquate Ziele sind Eisdiele oder Café. Manchmal, wenn er wolle, dass Leute ihn nicht so anstarren, sagt der Chef, fahre er mit seinem Klapprad in die Stadt. Die expressive Außenwirkung des Rades sollten Kunden also einpreisen. »Es muss den Charakter des Kunden treffen«, so Desnica.

Das werden wir in Erinnerung behalten: Das extrovertierte Biggie übermittelt auch eine Botschaft. E-Bikes, die anfangs noch als Mobile für Gebrechliche und Unsportliche verspottet wurden, sind zum Lifestyle-Objekt gereift – und erobern auch speziellste Marktlücken.

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