E-Mountainbike MIG-RR im Test Ducatis heißes Eisen

Ducati weist offiziell eine mögliche Elektrifizierung entschieden von sich. Insgeheim flirtet der Motorradhersteller aber mit der Technologie. Erstes Ergebnis dieser Liebschaft ist ein E-Mountainbike.

Jochen Vorfelder

Der erste Eindruck: Feinste Zutaten, maximale Sportlichkeit, also ziemlich kompromisslos. Oder, anders formuliert: Ducati.

Das sagt der Hersteller: Begriffe wie Elektromobilität, Akkuantrieb oder E-Motorrad stehen beim italienischen Hersteller Ducati auch 2019 noch auf dem Index. Deshalb kommt aus der Pressestelle in Bologna bei der Frage nach einer möglichen Elektrifizierung der Marke offiziell auch nur ein sehr dürrer Kommentar: "Ducati glaubt, dass der elektrische Antrieb in Zukunft interessant sein könnte."

Gleichwohl tastet sich Ducati im Hintergrund an den Markt mit E-Bikes heran - und greift dabei nicht ohne einen gewissen Sinn für Humor die Anfänge der Marke auf, als man zur Massenmotorisierung in Italien ein Fahrrad mit einem Hilfsmotor bestückte. "Cucciolo", Hündchen oder Hundewelpe, so wurde in den späten Vierzigerjahren das erste "Motorrad" von Ducati genannt.

Jetzt, mehr als 70 Jahre später, kommt wieder ein Ducati-Fahrrad auf dem Markt - diesmal mit dem etwas martialischeren Namen MIG-RR und einem zukunftsträchtigen E-Motor.

Das ist uns aufgefallen: Bei den Testausfahrten an der Ostsee zeigt sich das Ducati-E-Bike ausgesprochen vielfältig. Je nach Einstellung reagieren die Federelemente eher gutmütig bequem oder sportlich aggressiv - das MIG-RR kann also mit einem softeren Set-up gut über Waldwege und Seitenstraßen wandern oder mutiert mit angezogenen Stellschrauben zum harten Sportgerät.

Weite Sprünge, steile Downhill-Pfade, technisch anspruchsvolle Anstiege und sandige Strandpassagen - mit der Kombination aus Ducati-Rahmengeometrie, Shimano-Antrieb und -Bremsen sowie FOX-Federelementen ist das MIG-RR für alle Eventualitäten bestens gerüstet.

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Ratgeber Rad: E-Mountainbike Ducati MIG-RR

Den Akku mit 504 Wh haben die Entwickler von vorne so an das Unterrohr angeflanscht, dass er nach dem Entfernen einer Verkleidung leicht seitlich zu entnehmen ist. Der aus dem Sitz resultierende niedrige Schwerpunkt und das Reifenkonzept mit zwei Größen machen das MIG-RR zu einem leicht fahrbaren und sehr präzisen E-MTB, selbst wenn die Trails eng und verwinkelt werden.

Schnell ist klar: Die Sportlichkeit und die Grenzen des MIG-RR überragen die Fähigkeiten der allermeisten Fahrer bei Weitem - das hat das E-Bike mit den Sportmotorrädern aus Bologna gemein.

Das muss man wissen: Bei der Entwicklung des MIG-RR hat sich Ducati auf die Expertise des ehemaligen BMX- und Downhill-Champions Stefano Migliorini verlassen. Migliorini baut mit seiner Firma Thok seit 2015 nur Edel-Bikes.

Wenig überraschend haben die beiden Partner bei der MIG-RR nur Spitzenkomponenten verbaut und ein originelles Laufradkonzept mit einem 29 Zoll-Rad vorne und einem 27,5 Zoll-Rad hinten gewählt. Das 29er Rad läuft dabei geführt in einer Fox 36 Float-Gabel mit 170 mm Federweg. Der Hinterbau wird von einem Fox DPX2-Dämpfer mit 160 mm Weg und Ausgleichsbehälter sowie einer Umlenkung gefedert. Weitere High-End-Bauteile am MIG-RR sind die Shimano Saint-Bremsen, der Shimano XT-Schaltsatz mit 11 Gängen inkl. 11-46er Kassette, die per Schalter versenkbare Sattelstütze und der sehr breite Lenker 35 Fatbar von Renthal aus Carbon.

Beim Rahmen dagegen hat Ducati auf diesen leichten, aber teuren Werkstoff verzichtet: Das MIG-RR rollt auf einem Alurahmen mit extrem sauberen Schweißnähten und innenliegenden Zügen. Das Alu wird gebürstet, partiell in Ducati-Rot lackiert, mit Schriftzügen versehen und zum Finish mit einer dünnen Schicht Klarlack geschützt. Insgesamt bringt das Bike aus Bologna dennoch nur 22,5 kg auf die Waage.

Beim E-Antrieb hat sich Ducati für den Shimano Steps E8000 Motor mit 250 Watt bei einem Drehmoment von 70 Nm entschieden. Der E-Motor ist erst seit wenigen Jahren auf dem Markt, wird aber bei E-Mountainbikes gerne verbaut, weil er im Gelände besonders im "Boost"-Modus kräftig Leistungsunterstützung bietet. Im Eco- und Trial-Modus schluckt er relativ wenig Akkuladung; beliebt ist er auch, weil das Abkoppeln des E-Antriebs an der Geschwindigkeitsgrenze 25 km/h fast nicht spürbar stattfindet.

Ducati vertreibt das MIG-RR seit Ende Mai über sein eigenes Händlernetzwerk in ganz Europa. In Deutschland kostet das E-Mountainbike 6250 Euro - der Preis liegt im Mittelfeld vergleichbar ausgestatteter E-MTBs.

Das werden wir nicht vergessen: In seiner Kompromisslosigkeit lässt Ducati praktische Dinge einfach weg. Selbst für diesen stolzen Preis werden kein Anstecklicht und kein rotes Katzenauge mitgeliefert, um das Fahrzeug StVO-tauglich zu machen. Auch Gewinde in der Schwinge zum Anschrauben eines Seitenständers sucht man vergeblich. Bologna bleibt sich auch auf dem Weg in die Elektromobilität treu.



insgesamt 52 Beiträge
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Carbonrad 10.07.2019
1. Shimpanso XT
Shimano XT war einst wirklich eine sichere Bank in Funktion und Haltbarkeit. Nach reihenweisen Ausfällen (u.a. Freilauf und Schalthebel) sagen wir Werkstattprofis nur noch SHIMPANSO. Ist das Geld seit Jahren nicht mehr wert.
spon_5112961 10.07.2019
2. Jojo...
mir gefällt das Teil im Bild 15 viel besser. Das mit E-Antrieb...wow!
curiosus_ 10.07.2019
3. Da hat Ducati offensichtlich..
..kräftig bei Canyon abgekupfert. Das liest sich wie die Beschreibung eines Spectral:On eBikes.
maxi1710 10.07.2019
4. naja, gähn...
Nicht spektakulär; ist da auch irgendetwas besonderes dran? konnte nichts entdecken; mein MTB wiegt 9kg; daran sollten die e Jungs mal arbeiten; und eUnit natürlich von der Stange eingekauft, wie bei den meisten (Bosch oder Shimano); gähn...
Affenhauptmann 10.07.2019
5. Fahrrad???
Das ist doch kein Fahrrad. 22,5kg, Motor, Pedale - so etwas nannte man früher Moped - und genau das ist es auch (nur noch deutlich teurer - warum eigentlich?)
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