Elektroauto Greeny Saubere Grüße aus Liliput

Für ein gutes Gewissen muss man auch verzichten können. Denn viel Komfort, Platz und Tempo darf man bei einem Elektroauto nicht erwarten. Doch anders als angekündigte Stromer etablierter Hersteller ist das E-Mobil Greeny schon auf der Straße – bald auch in Deutschland.


Es braucht schon ein robustes Selbstbewusstsein, wenn man in dieses Auto einsteigen möchte. Zwar betrachten die Passanten den Autofloh im Leopardenlook erst einmal mit großer Neugierde. Doch kaum setzt sich der schmale, hochbeinige Wagen auf seinen dünnen Rädchen in Bewegung, legt sich ein mitleidiges Lächeln über ihr Gesicht. Natürlich ist es imponierend, wie die 2,64 Meter kurze Knutschkugel nahezu geräuschlos davonschnurrt. Aber wenn zwei ausgewachsene Männer darin auf Tuchfühlung gehen, als quetschten sie sich zusammen in ein Kinderkarussell, dann bleibt vom Ernst der Lage nicht mehr viel übrig.

Dabei ist der Winzling kein Spielmobil, sondern ein ambitioniertes Stück Zukunft. Nicht umsonst trägt er den viel versprechenden Namen "Greeny". Den verdankt er seinem Antrieb: unter der Abdeckung im Heck steckt weder ein Diesel noch ein Benziner, sondern ein Elektromotor, mit dem der Wagen – zumindest vor Ort – völlig schadstofffrei unterwegs ist. Und wer den Akku mit Öko-Strom etwa aus Wind- oder Sonnenkraft lädt, setzt auch unter dem Strich kein CO2 mehr frei. Damit liegt der Greeny voll im Trend. Denn selbst Benzin-Prediger wie General-Motors-Chef Rick Wagoner sind mittlerweile davon überzeugt: "Das Auto der Zukunft fährt elektrisch."

Aber anders als etwa den Chevrolet Volt oder die ja ebenfalls für einen Elektroantrieb entwickelte Brennstoffzelle kann man den Greeny schon kaufen. Zumindest in Indien, wo der Wagen beim Automobilzulieferer Reva gebaut wird, oder in Großbritannien, wo er seit der Einführung der City-Maut in London zum Bestseller avancierte und bereits rund 1000 Banker und Broker ohne acht Pfund Einfahrgebühr in die Stadt bringt. Nachdem der Wagen auf dem Genfer Salon sein Debüt auf dem Kontinent gab und jetzt auch in der Schweiz und Österreich am Start ist, will ihn der Importeur Visiongreen im Sommer von Potsdam aus auch in Deutschland auf die Straße bringen und mittelfristig 500 Autos im Jahr verkaufen, die an einigen Servicestationen sowie durch ein mobilen Werkstattteam gewartet werden sollen.

Ein Winzling, der in wirklich jede Parklücke passt

Schon die erste Begegnung mit dem Greeny öffnet dem Betrachter die Augen: Ja, es gibt tatsächlich noch einen Wagen, der kleiner ist als der Smart. Und obwohl ihm in der Länge sechs und in der Breite sogar mehr als 20 Zentimeter zum kleinsten Großserienauto der Welt fehlen, bietet er zumindest in der Theorie vier Plätze. Allerdings sollten die Passagiere zusammen nicht mehr als 227 Kilo wiegen, und die Füße bringt im Fond auch niemand auf den Boden. "Gemacht ist die Rückbank für Kinder bis zwölf, andernfalls klappt man sie um und nutzt den größeren Gepäckraum", schränkt Geschäftsführer Stefan Eghbalian ein.

Aber nicht nur hinten ist es eng. Auch vorn muss man sich mögen, wenn man zusammen unterwegs ist. Gesteigert wird das Gefühl der Beklemmung durch die dürftige Sicherheitsausstattung. Ein Stahlkäfig unter der durchgefärbten Kunststoffkarosserie, die zwecks höherer Aufmerksamkeit (und gegen Aufpreis) im Tierfell-Look daherkommt, ist alles, was die Passagiere schützt. ABS oder gar ESP kann der Greeny nicht bieten, und über Airbags als Extra wird erst nachgedacht. Dennoch versucht Eghbalian mögliche Bedenken zu zerstreuen und verweist auf englische Versicherungen, die den Greeny ebenso eingestuft hätten wie den Smart.

Sicherheit mangelhaft, Komfort okay

Sieht man aber von den engen Platzverhältnissen und den Schiebefenstern einmal ab, fehlt dem Greeny innen nicht viel zu einem echten Auto. Klimaanlage? CD-Radio? Sicherheitsgurte? Alles da, wo es hingehört. Sogar klimatisierte Lederpolster haben die Inder eingebaut. Was fehlt, ist eine Gangschaltung. Dem Elektromotor reicht ein Drehschalter neben dem Lenkrad, damit er weiß, wo’s langgeht. Einfach auf F wie Fahren stellen und das Pedal treten, schon schnurrt der nur 680 Kilogramm schwere Stromer davon. 18 PS und 54 Nm reichen allemal, um im Verkehr mitzuschwimmen. Und so lang, wie es klingt, dauern die elf Sekunden gar nicht, bis der Greeny Tempo 50 erreicht. Mit Geduld und Mut schafft er sogar 80 Sachen, bei denen Fahrwerk und Bremsen aber dann doch spürbar zur Vorsicht mahnen. Doch einen Vorteil nimmt dem Greeny keiner: Bei einem Wendekreis von 3,50 Metern schafft es der Winzling in wirklich jede Parklücke.

Seine Kraft schöpft der im Heck montierte Motor aus einem Bleiakku unter den Vordersitzen. Betankt an einer gewöhnlichen Steckdose bietet er genügend Energie für bis zu 80 Kilometer und ist nach sechs Stunden wieder aufgeladen. Für eine halbe "Tankfüllung" reichen sogar 90 Minuten. "Natürlich spielt uns die aktuelle CO2-Diskussion in die Hände", sagt Importeur Eghbalian. Doch sieht er durchaus auch einen Kostenvorteil. Schließlich gibt es selbst "sauberen" Strom für 100 Kilometer schon für weniger als zwei Euro, rechnet er vor. "Billiger kann man nicht tanken." Das ist sicher richtig, und auch die fünfjährige Befreiung von der Kfz-Steuer ist ein Argument. Doch hat die Rechnung einen Haken - den Grundpreis. Denn bei geplanten 13.000 Euro muss man viel fahren, bevor das Sparen beginnt.

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