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Autogramm Energica Ego: Eins aus 45

Foto: Peter Musch

Autogramm Energica Ego Aller Anfang wiegt schwer

Zu seinen Kunden gehören Formel-1-Rennställe und die NASA: Jetzt hat das italienische Unternehmen CRP Technology, das auf die Produktion hochwertiger Materialien spezialisiert ist, eine eigene Motorradmarke gegründet. Das erste Modell: ein Elektro-Superbike.

Der erste Eindruck: Alles dran, was ein italienischer Supersportler so braucht: Grandezza, kraftvolles Design und ein kleines Sitzbrötchen, wenn jemand in die Eisdiele befördert werden soll.

Das sagt der Hersteller: "Wir wollten ein Motorrad bauen, das sexy und innovativ ist, und das unsere Premiumkunden anspricht", sagt Livia Cevolini, die junge Chefin des neuen E-Bike-Herstellers Energica . "Damit sind wir fast automatisch bei einem exklusiven E-Supersportler gelandet." Energica ist eine Tochter des MutterkonzernCRP Technology , eines Spezialisten für Prototypenherstellung mit 3-D-Druckern und exotischen High-End-Materialien. Zu den Kunden gehören auch die NASA und Formel-1-Rennställe.

CRP sitzt in Modena, quasi bei Ferrari ums Eck. Aber auch Red Bull und Renault kaufen bei CRP ein. Erfahrung mit komplexer Steuerungselektronik und der Rückgewinnung von Energie - wichtig beim Bau von Elektro-Bikes - haben Livia Cevolini und ihr Bruder Stefano, der technische Direktor bei CRP, schon bei der Konstruktion von Formel-1-KERS-Komponenten gemacht.

Das ist uns aufgefallen: Technisch kann die Ego, die Energica in vier Jahren auf die Beine gestellt hat, mit anderen italienischen Supersportlern durchaus mithalten. Ein klassischer Trellis-Rohrrahmen, ein geschwungener Aluminiumschwingarm, je nach Typ eine Marzocchi- oder Öhlin-Upside-Down-Gabel, Brembo-Bremsen und geschmiedete Marchesini-Räder sind schon an Bord. Die für Frühjahr 2015 avisierten Serienfahrzeuge werden mit einem Bosch-ABS ausgerüstet sein.

Schon der 2014er Prototyp wirkt bei der Testfahrt sehr ausgereift und gediegen, selbst gern vernachlässigte Kleinigkeiten wie die Kabelführung sind wohl durchdacht. Den Unterschied zur Supersport-Konkurrenz macht aber das Motor-Konzept: Statt Zwei- oder Vierzylinder sind unter dem angedeuteten Tank, im dem sich die Steuerungs- und Ladeelektronik verbirgt, ein 110 Kilogramm schweres Batteriepaket und der massive Elektromotor verbaut. Die Batterie mit einer Kapazität von 11,7 kWh wird in Italien montiert; die Akkus stammen von einem Zulieferer aus Asien. Den 100 kW starken Motor, der ein Drehmoment von 195 Nm von null bis 4700 Umdrehungen liefert und bis 10.500 U/min bei 240 km/h, lässt Energica in Norditalien bauen.

Das sind für ein E-Bike beindruckende Werte - und wenn man die mit 258 Kilogramm ziemlich schwere Maschine auf der Landstraße ohne Kupplung und Schaltgetriebe beschleunigt, werden die abstrakten Zahlen zu einem großartigen Gefühl. Ein kurzer Dreh am Stromgriff, und das Schlachtschiff setzt sich mit einem Pfeifen, aber ohne das üble Rucken, das Elektrofahrzeuge älterer Generation noch geplagt hat, in Bewegung. Egal, welcher Fahrmodus aus den vier Optionen Standard, Sport, Eco und Wet ausgewählt wird: Der Schub ist massiv.

Das Angenehme daran: Die Power wird von der Energica-Steuerungseinheit fein dosiert und linear geliefert und die anhand von vier Rekuperationsstufen einstellbare Motorbremse ist ebenfalls berechenbar. Der Fahrer kann sich also auf das Wesentliche konzentrieren - Bremspunkte und Beschleunigung. Die Chassis-Abstimmung war beim Testfahrzeug etwas zu weich; die Lenkerstummel sitzen für große Fahrer außerdem zu tief.

Das muss man wissen: Die Ego in der Grundversion soll in der ersten Kleinserienversion im Frühjahr 2015 auf den Markt kommen; der Preis liegt um die 30.000 Euro plus die jeweils landesübliche Mehrwertsteuer. Dafür liefert Energica außergewöhnliche Materialien: die Verkleidung besteht aus kevlarverstärktem "Windform"-Plastik, einige Anbauteile wie die Lampengehäuse sind aus Metall- und Keramikpartikeln geformt. Die exklusivere Ego 45 mit edlen Öhlins-Komponenten wird in einer Auflage von nur 45 Exemplaren gebaut und hat einen Festpreis von 50.000 Euro inklusive Steuern.

Damit erkauft man sich einen exotischen Hingucker und viel exklusiven Fahrspaß, der allerdings nicht lange vorhält. Die Ego leidet - wie alle E-Motorräder - unter der geringen Reichweite. Energica hält die traurige Wahrheit auch nicht zurück: Bei der Testfahrt im Sport-Modus waren nach knapp über 30 Kilometern exakt 33 Prozent der Ladung verbraucht - bei fliegender Fahrt über die Landstraße ist also nach 90 Kilometern der nächste Steckdosen-Stopp fällig.

Bei 80 km/h Durchschnittsgeschwindigkeit im Eco-Modus soll die Ego nach Energica-Angaben bis zu 150 Kilometer weit kommen. An einer handelsüblichen 230 Volt-Steckdose braucht es dann rund drei Stunden, um wieder auf 80 Prozent Ladung zu kommen.

Das werden wir nicht vergessen: Wie die Energica Ego während des Tests das Begleitfahrzeug nass gemacht hat. Die BMW 1200 GS, drei Jahre alt, hatte bei der Beschleunigung aus der Kurve heraus gegen das permanent verfügbare Drehmoment der getriebelosen Ego keine Chance.

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