Autogramm Govecs Go S3.4 Nicht ganz sauber

Der Elektroroller Govecs Go S3.4 erfüllt die wichtigsten Voraussetzungen eines zukunftsfähigen Stadtmobils. Die Fahrleistungen sind ansprechend und der CO2-Ausstoß gleich null, solange der Strom aus regenerativen Quellen stammt. Für ein lupenreines Ökogewissen taugt das Gefährt trotzdem nicht.

GOVECS

Der erste Eindruck: Klein, leicht und sauber verarbeitet. So präsentiert sich der Govecs Go S3.4. Auf den ersten Blick ist er ein normaler Roller für die Stadt mit einem modernen und sportlichen Design. Erst der Schriftzug an den Flanken offenbart die Besonderheit: Electric steht dort. Das Zweirad ist ein Elektroroller.

Das sagt der Hersteller: Das 2009 gegründete Unternehmen vergleicht den Go S3.4 mit einem Roller der 125-Kubik-Klasse und verspricht neue "Standards in puncto Performance" in Verbindung mit einer CO2-freien Fahrt, ein erklärtes Ziel der Münchener Firma.

Verantwortlich dafür sollen unter anderem ein bürstenloser Elektromotor sein, der überraschenderweise nicht direkt, sondern über einen Riemenantrieb auf das Hinterrad wirkt. Andererseits wird so eine Übersetzung von 1:3,5 möglich, die für eine höhere Beschleunigung sorgt.

Die Bauweise der E-Maschine kommt ohne Schleifkontakte im Inneren aus, mit dem der Strom sonst übertragen werden müsste. Allerding setzt der bürstelose E-Motor den Einsatz von Permanentmagneten voraus. Und für deren Produktion sind Metalle aus der Gruppe der Seltenen Erden nötig, deren Förderung zum Teil einen hohen Aufwand erfordert. Besonders nachhaltig ist das nicht.

Das ist uns aufgefallen: Insgesamt ist der Govecs Go S3.4 ein flinkes Gefährt für die Stadt, und das Beladen an der Haushaltsteckdose ist fix erledigt. Doch der Roller neigt zum Kabelfraß, denn die Stromleitung ist unter der Sitzbank installiert. Nach dem Ladevorgang lässt sich die Strippe jedoch nur schwer in das kleine Fach zwängen. Wer nicht aufpasst, beschädigt beim Herunterklappen der Sitzbank schnell die Isolation des Kabels.

Das muss man wissen: Für leichte Zweiräder ist der Elektroantrieb optimal. Wegen des geringen Gewichts - der Govecs wiegt insgesamt 120 Kilogramm - ist im Gegensatz zum Auto nur ein leichter Akku nötig. Der Lithium-Polymer-Speicher mit einer Kapazität von rund drei kWh wiegt in diesem Elektroroller nur 32 Kilogramm. Außerdem ist das Zweirad mit einem Rekuperationssystem ausgerüstet. Damit lässt sich die Batterie bei einem Bremsvorgang zum Teil wieder aufladen.

Während die eingeschränkte Reichweite und die Ladezeit von rund acht Stunden bei Elektroautos abschreckend wirkt, ist dies bei einem E-Roller kein großes Problem. Große Touren macht eh kaum jemand mit einem solchen Fahrzeug. Außerdem soll nach Angaben des deutschen Herstellers das Befüllen des Akkus in vier bis fünf Stunden erledigt sein. Bereits nach zwei Stunden verfügt die Batterie schon über eine Kapazität von 85 Prozent. Voll aufgeladen soll der Stromvorrat für 50 bis 70 Kilometer reichen.

Im SPIEGEL-ONLINE-Test zeigt das Display allerdings bereits nach rund 35 Kilometern einen schwächelnden Akku an. Sicherlich wären mit der Strom-Reserve noch einige Kilometer drin gewesen, doch Vertrauen erweckt dies nicht. Mit einem Preis von 6789 Euro ist der Go S3.4 zudem kein Schnäppchen. Zum Vergleich: Den in Bezug auf die Leistung vergleichbaren Roller Vespa PX 125 gibt es schon für 3690 Euro.

Das werden wir nicht vergessen: Wie leicht und wendig der Go S3.4 ist. Selbst im Stopp and Go im Straßenverkehr kann der Fahrer mit dem Roller flink durch den Verkehr wieseln. Dafür ist die Leistung von 6,6 PS und 32,5 Nm vollkommen ausreichend.

Trotzdem waren wir nach unserer Testfahrt von der Performance insgesamt doch etwas enttäuscht. Vor allem hatten wir von einem Elektroroller mehr Drehmoment erwartet. Stattdessen möchte man beim Anfahren an der Ampel die Fuhre noch ein wenig anschieben, damit sie flotter davonzieht. Andererseits: Wer braucht in der Stadt schon einen Roller mit dem Anzug einer Rennmaschine?



insgesamt 29 Beiträge
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artbond 13.07.2012
1. Viel zu teuer
Einen schönen 125er Roller wie z.B. die Honda PCX gibts schon für ca. 2600€. Die PCX ist super leise, komfortabel und hat einen riesen Stauraum das ganze bei einem Verbrauch von ca. 2,5 Litern.... Also ich finde auch die E-Roller sind kein gutes Angebot...
lukeskywalker 13.07.2012
2. Das wichtigste vergessen!
Im Artikel wird der wichtigste Aspekt vergessen: Krach und Gestank. Herkömmliche Motorroller haben aufgrund des Zweitaktermotors, der drehzahlbetonten Fliehkraftkupplung und fehlen angemessener gesetzlicher Lärmbeschränkungen eine horrende Geräuschentwicklung. Zudem stinken die Zweitakter-Motoren, als ob wir uns emissionsseitig noch in der 50er Jahren des letzten Jahrtausends befinden würden. Auch hier Fehlanzeige beim Gesetzgeber, der durchaus für Abhilfe sorgen könnte. Elektroroller sind leise und fahren ohne Geruchsbelästigung. Das sollte man in der Liste der Vor- und Nachteile deutlich herausstellen. Man kann nur hoffen, dass die Untätigkeit des Gesetzgebers in Sachen Emissionsschutz bei Motorroller aufgrund dieser neuer Motorroller-Generation ausgeglichen wird. PS: Zwänge man die Hersteller der Zweitakter-Motorroller leise und gestankfreie Roller zu bauen, wären Sie übrigens auch nicht mehr billiger als E-Roller.
gbrockmann@gmail.com 13.07.2012
3. Wir sind in 2012
@lukeskywalker : 125er Roller haben schon seit einiger Zeit Viertaktmotoren und sind relativ leise.... Vielleicht gibt es hier und da noch Zweitakter im 50cc Bereich, aber der Bereich, der von diesem Elektroroller angesprochen wird, wird von 4 Taktern abgedeckt. Schade nur, dass das Teil so teuer ist
wurstball 13.07.2012
4. Zweitakt ist doch schon Geschichte
Das Gesülze mit dem "Gewissen" wegen seltener Erden bei Elektrofahrzeugen geht mir schwer auf den Geist. Wer fragt denn bei einem normalen Autobau nach sowas? Niemand! Wo kommt der Sprit her, wo fließt das Geld hin? Das sind im wesentlichen Länder ohne Demokratie oder Menschenrechte - nur haben wir uns daran gewöhnt. @lukeskywalker Es gibt im wesentlichen keinen neuen Zweitaktroller mehr. Dies verhindern die neuen Abgasnormen seit 2007. Es sind aber noch reichlich Altfahrzeuge unterwegs, gerade 50er, die nie zum TÜV müssen, diese sterben auch langsam aus. Allenfalls für "Tuning"-begeisterte gibt es noch neue Zweitaktroller und Zweitakt-Leichtkrafträder, z.B. Gilera Runner. Diese sind aber wesentlich teurer als Viertakter. Aber natürlich gibt es auch laute Viertaktroller. Hier wäre eine Abwrackprämie "Stinker gegen Stromer" wirklich mal eine Umweltprämie, da sie die Um-Welt des Rollerfahrers hilft: Sämtlichen anderen Stadtbewohnern. Und sie würde dem Thema "Elektromobilität" auf die Beine helfen. Da davon aber nicht vor allem die deutsche Groß-Industrie profitiert, wird das wohl nicht kommen. Platt formuliert und traurig, aber leider wahr...
cor 13.07.2012
5. Optional
Zitat von wurstballDas Gesülze mit dem "Gewissen" wegen seltener Erden bei Elektrofahrzeugen geht mir schwer auf den Geist. Wer fragt denn bei einem normalen Autobau nach sowas? Niemand! Wo kommt der Sprit her, wo fließt das Geld hin? Das sind im wesentlichen Länder ohne Demokratie oder Menschenrechte - nur haben wir uns daran gewöhnt. @lukeskywalker Es gibt im wesentlichen keinen neuen Zweitaktroller mehr. Dies verhindern die neuen Abgasnormen seit 2007. Es sind aber noch reichlich Altfahrzeuge unterwegs, gerade 50er, die nie zum TÜV müssen, diese sterben auch langsam aus. Allenfalls für "Tuning"-begeisterte gibt es noch neue Zweitaktroller und Zweitakt-Leichtkrafträder, z.B. Gilera Runner. Diese sind aber wesentlich teurer als Viertakter. Aber natürlich gibt es auch laute Viertaktroller. Hier wäre eine Abwrackprämie "Stinker gegen Stromer" wirklich mal eine Umweltprämie, da sie die Um-Welt des Rollerfahrers hilft: Sämtlichen anderen Stadtbewohnern. Und sie würde dem Thema "Elektromobilität" auf die Beine helfen. Da davon aber nicht vor allem die deutsche Groß-Industrie profitiert, wird das wohl nicht kommen. Platt formuliert und traurig, aber leider wahr...
Da gebe ich Ihnen völlig Recht. Mich nervt nichts so sehr im Verkehr wie der "Sound" dieser alten Zweitaktroller, und das sage ich als begeisterter Motorradfahrer!
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