Autogramm Niu MQi GT Elektrische Spaßbremse

Günstig, leise und mit Platz für zwei: Der elektrische MQi GT von Niu hätte das Zeug, zum idealen Pendlerroller zu werden. Doch unnötigerweise zähmt ihn der Hersteller zu sehr.
Die Rücklehne für eine zweite Person bietet Niu wie Gepäckträger und Topcase als Zubehör an. Der Topcase ist wichtig, denn unter dem Sitz ist durch die zwei Batterien kein Stauraum.

Die Rücklehne für eine zweite Person bietet Niu wie Gepäckträger und Topcase als Zubehör an. Der Topcase ist wichtig, denn unter dem Sitz ist durch die zwei Batterien kein Stauraum.

Foto: Niu

Der erste Eindruck: Elektroroller sind meist wenig ansehnlich. Sie auseinanderzuhalten, gelingt selten. Zu den Ausnahmen zählen die Niu-Scooter aus China. Sie haben eine optisch unverwechselbare Front mit hellem LED-Kreis im Scheinwerfer, das Niu-Bullauge.

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Niu MQi GT: (Fast) lautlos durch die Stadt

Foto: Jochen Vorfelder

Das sagt der Hersteller: Kleinere Roller gehören zu den positiven Erscheinungen im Großstadtverkehr, sie beanspruchen wenig Platz. Doch leider sind sie brandgefährlich. Die meisten Scooter werden, so regelt es der Gesetzgeber, bei 45 km/h Höchstgeschwindigkeit abgeregelt und damit zum Verkehrshindernis. Schon mit ein bisschen mehr Tempo würden sie auch auf Hauptverkehrsachsen – typischen Pendlerrouten – mitschwimmen. Die oft riskanten PKW-Überholmanöver würden auf ein Minimum reduziert.

Die Antwort des chinesischen E-Roller-Herstellers Niu auf das Problem heißt MQi GT. Der E-Roller ist 70 km/h schnell und damit in der Klasse der Leichtkrafträder zu Hause. »Gemacht für den anspruchsvollen Pendler«, schreibt Niu. »Mit dem MQi GT bieten wir die Leistung, die du brauchst, um deine Strecke zu bewältigen.«

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Das Angebot scheint bei den Käufern anzukommen. Schon 2019 lagen die Chinastromer in der deutschen 125er Leichtkraftklasse mit rund 900 Zulassungen hinter zwei Verbrenner-Vespas auf dem dritten Platz. Inzwischen dürften die E-Roller mit dem »großen« Nummernschild die Hürde von tausend Zulassungen geknackt haben.

Grund dafür ist auch der attraktive Preis: Während die Konkurrenz, etwa die E-Schwalbe oder die Vespa Elettrica, fast 7000 Euro kostet, ist der Niu MQi GT mit 3399 Euro vergleichsweise günstig. Doch ist der Chinaroller mit seinen 70 km/h tatsächlich ein vollwertiger Verkehrsteilnehmer?

Das ist uns aufgefallen: Der MQi GT ist opulent ausgestattet. Es gibt einen praktischen, tiefen Durchstieg; die Sitzbank ist für zwei Personen lang genug. Das Fahrzeug wirkt wertig und stabil. Unter einer großen Plastikscheibe liegen das digitale Cockpit mit fast allen nötigen Angaben; leider fehlt aber die Anzeige der Tageskilometer. Wählbare Geräusche und zusätzliche LED-Streifen signalisieren, dass der Blinker aktiv ist. Die Leuchtstreifen sind eine gewinnbringende Idee. Schade nur, dass sie in der Sonne deutlich weniger gut zu erkennen sind.

Auch Keyless Ride liefert Niu als Standard mit; der Schlüssel wird nur noch zum Öffnen der Sitzbank und für das Lenkradschloss benutzt. Zum dreistufigen Start genügt es, den Roller über den roten Knopf der Fernbedienung zu aktivieren, den neongrünen Schalter an der rechten Armatur zu drücken und den Fahrmodus zu wählen.

Niu bietet die drei Fahrmodi Eco, Dynamic und Sport an, wobei Eco den Roller bei maximal 25 km/h abriegelt und Dynamic auf 55 km/h drosselt. Sport ist der Modus, der nach Niu-Angaben die Höchstgeschwindigkeit von 70 km/h – das Hauptverkaufsargument – erreicht.

Im MQi GT hat Niu im Hinterrad einen Nabenmotor von Bosch mit 3 kW verbaut (3,1 kW Spitzenleistung). Bei 115 kg Gesamtgewicht müsste die Power eigentlich ausreichen, um den Roller zügig zu beschleunigen und auf Trab zu halten.

Die Sitzbank des Niu MQi GT ist auch für zwei Personen ausreichend lang. Die Fußrasten für Beifahrer sind in die Trittbretter integriert.

Die Sitzbank des Niu MQi GT ist auch für zwei Personen ausreichend lang. Die Fußrasten für Beifahrer sind in die Trittbretter integriert.

Foto: Niu

Tut sie aber nicht. Im Stadtverkehr – insbesondere mit zwei Personen – gestaltet sich das Fortkommen mühsam. Auch im Sport-Modus reichen freie und scheinbar endlos lange Strecken zwischen zwei Ampeln selten, um zügig die Spitzengeschwindigkeit zu erreichen. Über 65? Ja, ein oder zweimal geschafft. Aber Tempo 70 hat der MQi GT in zwei Wochen Testbetrieb nicht erreicht.

An der elektronischen Auslegung der Modi und der Spritzigkeit sollte Niu also noch justieren, denn die verbaute Technik verträgt eine agilere Fahrweise. Auch weil die Scheibenbremsen (220 mm vorn; 180 mm hinten) und das Fahrwerk des Niu mit den kleinen 14-Zoll-Rädern ausgesprochen fein ansprechen und man sich jederzeit auch bei etwas mehr Punch und Vortrieb sicher fühlen würde. In der derzeitigen elektronischen Abstimmung fühlt sich der MQi Gt aber schwach und müde an.

Sauber gearbeitet hat Niu bei der Ladeelektronik: Zwei jeweils elf Kilogramm schwere Batterieblocks können direkt im Fahrzeug oder extern über ein mitgeliefertes Splitterkabel gleichzeitig geladen werden; ein Zyklus zwischen 10 und etwa 90 Prozent Ladung dauerte knapp drei Stunden. Erreicht wurden mit einer Ladung im Stadtbetrieb zwischen 65 und 75 Kilometer Reichweite – für Berufspendler oder für Shoppingfahrten vollkommen ausreichend.

Wie weit man mit dem MQi GT noch kommt, zeigt nicht nur das Display am Fahrzeug an. Auch Reichweite, Ladezustand und andere Statusmeldungen werden über die Niu-App auf Smartphones gemeldet, dazu Fahrstatistiken, der aktuelle Standort oder ein Bewegungsalarm.

Das muss man wissen: Niu liefert den MQi GT in Weiß, Rot, Blau, Grau, Schwarz und Schwarz-Rot zum Preis von 3399 Euro. Vertrieben werden die E-Roller über knapp 200 Händler bundesweit; darunter etwa 20 Premium- und Flagshipstores mit der gesamten Niu-Palette.

Die letzte Hürde ist die Erlaubnis, den Roller zu fahren: Seine Klassifizierung als Leichtkraftrad hat zur Folge, dass man einen A1-Motorradführerschein oder die Anfang 2020 eingeführte »Schlüsselnummer B196« braucht.

Kleinere, nur 45 km/h schnelle Roller dürfen mit dem eigenständigen AM-Rollerschein oder dem PKW-Führerschein (aktuelle Klasse B und frühere) bewegt werden. Schnellere Roller wie der MQi GT mit einer »125er«-Leichtkraft-Zulassung dürfen nur gefahren werden, wenn man mindestens 25 Jahre alt ist, seit fünf Jahren den Pkw-Führerschein Klasse B hat, sowie vier theoretische und fünf praktische Unterrichtseinheiten in der Fahrschule ohne Prüfung absolviert hat. Sind diese Voraussetzungen erfüllt, kann bei der heimischen Führerscheinstelle die »Schlüsselzahl B196« im Führerschein eingetragen werden.

Das werden wir nicht vergessen: Im Helm-Stauraum unter der Sitzbank ist außer für Ladegerät, Ladekabel, Splitterkabel und zwei Batterieblocks allerhöchstens noch Platz für ein Blatt Papier. Das ist ärgerlich, ist dieser Platz eigentlich der große Pluspunkt eines Rollers. Und so brauchen E-Scooter zum sinnvollen Betrieb eigentlich einen Topcase. Das aber würde eine elegante Linie vollends verschandeln.

Hersteller:

Niu

Typ:

MQi GT

Karosserie:

Motorrad

Motor:

Elektromotor

Getriebe:

Direktübersetzung

Batterie:

2 x 48V 31 Ah

Max. Leistung:

3,1 kW

Max. Drehmoment:

45 Nm

Höchstgeschwindigkeit:

70 km/h

Gewicht:

115 kg

Preis:

3.399 Euro