Autogramm Jaguar XF Die neue A5er-Klasse

Jaguar kann mit der deutschen Konkurrenz nicht mithalten - was die Stückzahlen betrifft. Mit dem neuen XF werden die Briten den Abstand aber wohl verkürzen: Die Limousine ist den Autos von Audi und Mercedes ebenbürtig - vor allem einem Modell von BMW.

Jaguar

Der erste Eindruck: Schluss mit den Schnörkeln. Der neue XF sieht aus wie eine Skulptur, die so lange geschliffen wurde, bis nur noch wenige Konturen übrig blieben. Das lässt die Limousine klar und sachlich erscheinen, allerdings auch verwechselbar. Wohl auch deshalb gibt es unter dem Raubkatzenlogo am Heck wieder einen großer Jaguar-Schriftzug.

Das sagt der Hersteller: Im Frühjahr präsentierte Jaguar das neue Einstiegsmodell XE, in einigen Monaten folgt der erste SUV namens F-Pace - und zwischendurch gibt es nun den nagelneuen XF. Der ist zwar die am wenigsten überraschende Neuheit, jedoch die wichtigste.

Chris McKinnon, der Leiter der Baureihe, bezeichnet die Limousine als "Mitte der Modellpalette" und so etwas wie das "Gravitationszentrum" der Marke. Das Auto solle den Luxus des XJ mit der Leichtigkeit des XE und der Sportlichkeit des F-Type vereinen. "Wir bieten jetzt in jeder Dimension mehr Auto", sagt der McKinnon: "Mehr Agilität, mehr Platz, mehr Technik, mehr Effizienz und mehr Dynamik."

Der Brite gibt sich betont angriffslustig - denn der neue XF ist in seinen Augen nicht nur besser als sein Vorgänger, sondern auch als der Audi A6, BMW 5er und Mercedes E-Klasse. Diese Modelle haben freilich alle schon ein paar Jahre auf dem Buckel.

Das ist uns aufgefallen: Welcome home! Der Jaguar XF bietet ein gutes Gefühl von Geborgenheit. Obwohl alles ganz neu und modern ist, wirkt der Wagen vom versenkbaren Drehschalter fürs Automatikgetriebe bis zur Bogenlinie über dem Armaturenbrett beruhigend vertraut.

Diese Atmosphäre, das niedrige Geräuschniveau und der hohe Abrollkomfort sind Parallelen zu Mercedes. Ansonsten nahmen sich die Jaguar-Ingenieure vor allem den BMW 5er zum Vorbild. Kein Wunder, schließlich stand fast die gesamte Führungsmannschaft bis vor kurzem noch im Dienst des Münchner Autobauers. Dementsprechend ist jetzt der XF eine Limousine, die sportlich gefahren werden möchte und dazu gute Voraussetzungen bietet: Sie lenkt präzise, tänzelt geradezu durch die Kurven und liegt gut auf der Straße.

In vielen Belangen ist der XF seinen deutschen Konkurrenten also mindestens ebenbürtig. Doch ausgerechnet in der Kategorie, in der britische Autos häufig den Ton angaben, patzt die neue Limousine: Stil und Ambiente des Innenraums sind - zumindest in den einfacheren Varianten - lediglich Mittelmaß. Platz und Ausstattungsdetails gibt es zwar reichlich, doch ihre Materialien wirken schlicht. Die unverkleideten Seilzüge zum Umklappen der Rückbank konterkarieren beispielsweise jeden Premium-Anspruch.

Dafür überrascht Jaguar mit einem faszinierenden Infotainment-System, das ab Jahresende angeboten wird. Dessen Bezeichnung "InControl Touch Pro" mag zwar gestelzt klingen, doch dafür ist das System kinderleicht zu bedienen. Allerdings kostet es je nach Ausstattungsvariante zwischen 2000 und 4000 Euro Aufpreis.

Das muss man wissen: Dass der XF so geräumig ist und dennoch auf vergleichsweise niedrige Normverbräuche kommt, liegt vor allem an der Aluminium-Architektur. "75 Prozent aller Bauteile sind aus Leichtmetall", sagt Projektleiter Chris McKinnon und lupft mit einer Hand ein Seitenteil, das über die gesamten 4,95 Meter der Karosserie läuft und trotzdem nur sechs Kilo wiegt.

In der Summe kommt die Rohkarosse auf 282 Kilogramm, der komplette XF wiegt in der leichtesten Variante 1545 Kilogramm. Damit sei er um 190 Kilo leichter als das Vorgängermodell und um mindestens einen Zentner leichter als die Autos der Konkurrenz, sagt McKinnon.

Entsprechend flott fährt der XF - auch mit dem 180 PS starken Dieselmotor. Der Vierzylinder läuft wunderbar leise und bietet einen kräftigen Durchzug. Die Motorenauswahl reicht von der 163 PS starken Version des 2,0-Liter-Diesels (Normverbrauch 4,0 Liter je 100 Kilometer) bis zu einem V6-Benziner mit 340 PS.

Was noch fehlt, ist eine Plug-in-Hybrid-Variante und ein sportliches R-Modell, beides ist wohl nur noch eine Frage der Zeit. Dabei ist das Angebot schon sehr breit, denn aus fünf Motorisierungen, fünf Ausstattungsvarianten, der Wahl zwischen Sechsgang-Schalt- und Achtgang-Automatikgetriebe sowie Heck- oder Allradantrieb ergeben sich etliche Kombinationen. Und eine weite Preisspanne, die von 41.350 bis 70.390 Euro reicht. Verkaufsstart des Autos ist der 26. September.

Das werden wir nicht vergessen: Mehr Komfort auf allen Plätzen, sparsame Motoren und ambitionierter Leichtbau, Hightech-Infotainment und ein modernes Design - Jaguar pirscht sich Schritt für Schritt an die deutschen Platzhirsche heran. Und wenn man den rot pulsierenden Startknopf entdeckt, der eine Art Herzschlag symbolisiert, weiß man dennoch, in einem leicht exzentrischen und damit ur-britischen Auto zu sitzen.

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insgesamt 53 Beiträge
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spontanistin 20.08.2015
1. 1500 kg für den Transport von 75 kg?!
Ganz schöner Aufwand: für den Transport des Fahrers von A nach B muss also das 20 fache dessen Gewichts permanent beschleunigt und abgebremst werden. Nennt man wohl "Automobile Leichtigkeit"! Oder ist das nur reiner Irrsinn?
sichernicht 20.08.2015
2. Ein Vierzylinder in einem Jaguar?
Nein, vielen Dank auch. Der Downsizing-Wahn nimmt kein Ende. Wenn wirklich etwas gegen Spritverschwendung getan werden soll, führt endlich ein flächendeckendes Tempolimit ein und lasst den Quatsch mit den Mini-Motörchen, die bei freier Fahrt alias Dauerheizen im Endeffekt das Gleiche wie ein V6 oder V8 verbrauchen.
lupidus 20.08.2015
3.
kommt es mir nur so vor, oder ist der innenraum auch langweiliger geworden ? das war ja bisher DAS große plus, abgesehen vom komfort, gegenüber den deutschen konkurrenten, die ja vom design her mehr an ein bücherregal erinnern.
Mr Bounz 20.08.2015
4. Witzig
Langsam fällt es auch dem besten Autoschreiber schwer noch Unterschiede aus zu machen. Moderne Autos bewegen sich auf einem so hohen Qualitäts, Komfort und Ausstattungniveau .... das Sie ALLE austauschbar sind. Beim Design deutet es der Autor ja schon an, "... verwechselbar..." Auch wenn die Audi, BMW oder sonstigen deutschen Autofans jetzt die absolut einmaligen Vorzüge Ihres fahrbaren Untersatzes herunterrasseln werden, die Unterschiede sind marginal. Alles ander ist nachgeplappertes Marketinggeschwätz. An sonsten, ganz hübsch, aber für den Transport von A nach B für mich irgendwie "too much". (nicht der Preis)
berufskonsument 20.08.2015
5.
Zitat von sichernichtNein, vielen Dank auch. Der Downsizing-Wahn nimmt kein Ende. Wenn wirklich etwas gegen Spritverschwendung getan werden soll, führt endlich ein flächendeckendes Tempolimit ein und lasst den Quatsch mit den Mini-Motörchen, die bei freier Fahrt alias Dauerheizen im Endeffekt das Gleiche wie ein V6 oder V8 verbrauchen.
Hmmm. Downsizing-Motor: Kann man kaufen, muss man nicht. Tempolimit: Muss man beachten. Da bin ich doch eher dafür, dass die Hersteller weiter Downsizing-Motoren anbieten, die man dann nicht kaufen muss.
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