Fantic Caballero 500 Rally im Test Edelmann, geh du voran

Für manche ist die Fantic Caballero das erste Motorrad überhaupt, für andere nur das Zweitbike - die Maschine bringt Spaß auf Straße und Piste. Wären da nur nicht diese unerklärlichen Ausrutscher bei manchen Details.
Scrambler: Standardausführung der Caballero

Scrambler: Standardausführung der Caballero 

Foto:

Fantic Motor

Der erste Eindruck: Schön anzusehen. Aber ist das jetzt eine echte Geländegängerin oder ein charmanter Siebzigerjahre-Retroposer?

Das sagt der Hersteller: Möglich wäre beides. Seit 1968 baut Fantic Motor in Italien, die Firmenzentrale liegt in Treviso nördlich von Venedig, sowohl hübsche Trial- und Enduro-Maschinen als auch kleine Straßenflitzer. Größere Scrambler wie die Caballero - also Geländegänger auf Basis eines Straßenmotorrades - mit Viertaktmotor, 500 Kubik und gefälligem Design haben die Fantic-Leute seit zwei Jahren im Portfolio.

Anders als auf dem Heimatmarkt sind Fantic-Motorräder - und damit auch die Caballero 500 Rally - in Deutschland schwer zu finden; das Händlernetz ist dünn. Für Käufer westlich von Bremen ist Günther Hinrichs die Anlaufstelle. Der Chef der Motorrad-Diele im ostfriesischen Südbrookmerland verkauft die italienische Sonderware über alle Erwartungen gut: "Das typische Zweitmotorrad für meine Kunden. Die haben noch was Größeres in der Garage, aber so für den Feierabend oder zum Bäcker, da ist die Caballero vielen genau recht." Er habe aber auch Fahranfänger. "Grade eine junge Frau aus Hamburg. Die hat sich gleich in die Caballero verguckt."

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Fantic Caballero 500 Rally

Foto:

J. Vorfelder

Das ist uns aufgefallen: Die Caballero Rally steht knackig da, die Dimensionen stimmen - da freut man sich aufs Fahren. Der in China gebaute Einzylindermotor hängt hoch im Rahmen, Bodenfreiheit und Stollenreifen passen zur aufrechten Enduro-Sitzhaltung auf der 860 Millimeter hohen Sitzbank.

Die verbauten Zutaten - LED-Lampen, Arrow-Auspuff mit dem Doppelstummel, goldene Standrohre, Rally-Nummerntafeln – sind hochwertig. Allein Armatur und Minicockpit fallen etwas ab. Die Anzeigen werden digital eingespielt, erinnern aber an Textzeilen aus analoger Vorzeit.

Der Motor überzeugt sofort; 40 PS bringen die Maschine mit 160 Kilo Gesamtgewicht bei vollem Tank zügig voran. Die Kraft und das Drehmoment von 43 Newtonmeter sind auch schon bei niedrigen Drehzahlen gut zu spüren. Das Getriebe lässt sich etwas laut, aber sauber schalten; die sechs Gänge hauen den Vortrieb sehr linear ohne Drehzahllöcher raus.

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Leicht und geschmeidig fließt die Caballero (frei übersetzt: Edelmann) auf den Softstollen von Michelin durch die ostfriesischen Kurven, die Kuhweiden von Schafwiesen trennen. Mehr PS, mehr Motorrad braucht man hier - und an vielen anderen Orten - nicht. Der Einzylinder stampft gelegentlich etwas rau und schnauft laut bis auf 7500 Umdrehungen rauf, aber die Radialbremszange an der 320-Millimeter Scheibe im Vorderrad und das ABS haben alles im Griff. Etwas mehr Biss könnte es sein, aber das ist Gewöhnungssache.

Auch Ausflüge ins Geläuf jenseits des Asphalts bringen die Caballero nicht aus dem Konzept. Sandpassagen und Schotter schluckt die Kombination aus Fahrwerk, langen Federwegen und 19-Zoll-Vorderradbereifung klaglos weg.

Probleme beginnen erst, wenn es wirklich ins Gelände geht. Das Stehen fällt durch die Tropfenform des Tanks schwer; der erste Gang müsste für eine echte Enduro kürzer übersetzt sein. Auch die Rally ist im Herzen eine Caballero Scrambler. Ein Kompromiss - aber keine Poserin. 

Fahrzeugschein

Hersteller:

Fantic Motor

Typ:

Caballero 500 Rally

Karosserie:

Motorrad

Motor:

Einzylinder-Viertaktmotor

Getriebe:

Sechsganggetriebe

Hubraum:

449 ccm

Leistung:

29 kW / 40 PS bei 7.500 U/min

Drehmoment :

43 Nm bei 6.000 U/min

Höchstgeschwindigkeit:

155 km/h

Gewicht:

150 kg fahrbereit

Tankinhalt:

12 l

Preis:

7190 Euro

Das muss man wissen: Seit 2018 baut Fantic Caballero-Modelle mit gleichem Motor und technischen Daten, aber in verschiedenen Ausführungen und Farben. Neben dem ursprünglichen, meist roten Scrambler-Modell wird seit 2019 die olivgrüne 500 Rally angeboten; sie unterscheidet sich durch den Lampenschutz, einen hohen Kotflügel vorn und den Schriftzug "Rally".

Hinzu kommen der auf 200 Millimeter erweiterte Federweg, die 860 mm hohe Sitzbank sowie die grobstolligen Michelin-Reifen. Wichtig sind auch die Eingriffe ins Fahrwerk: Die Gabel ist bei der Rally 34 statt 41 mm stark; die Schwinge aus geschmiedetem Aluminium statt Stahl.

Die Caballero Scrambler kostet online um die 6500 Euro, die Rally-Ausführung verkauft Günther Hinrichs in der Motorrad-Diele für 7190 Euro. Zusätzlich gibt es eine blaue 500 Anniversary Edition für 6995 Euro. 

Alles an der Caballero ist konstruktiv wohldurchdacht, alles grundsolide. Manche Bauteile wie die Aluminium-Fußrastenanlage sprengen sogar die Qualitätsdimension, die man für den Preis erwarten darf.

Das werden wir nicht vergessen: Diese putzigen und kaum erklärbaren Ausrutscher, die Fantic sich erlaubt. So ergibt ein Teil der Armaturen einfach keinen Sinn. Der Lichtschalter ist kein Schalter, wie man ihn sonst kennt, sondern ein geriffeltes, stufenloses Drehrädchen. Stufenlos ist auch der Blinkerschalter: Dort gibt es keine Druckstufe, um den Richtungsgeber auszuschalten. Bei der Caballero muss der Handschuh zwischen Anschlag links und Anschlag rechts suchen, forschen, tasten und treffen. Oder auch nicht.

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