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Der neue Fiat 500

Foto: Alessandro Altavilla / Fiat

Autogramm Fiat 500 E wie endlich

Lieber spät als gar nicht: Fiat entdeckt den Batterieantrieb - den neuen 500 gibt es nur noch mit Elektromotor und Akku. Etwas Besseres hätte dem kleinen Italiener nicht passieren können.
Von Michael Specht

Der erste Eindruck: Sieht ja fast so aus wie der alte - könnte meinen, wer nur flüchtig hinschaut. Aber am neuen Fiat 500 ist alles neu: Karosserie, Chassis, Motor. Er ist jetzt ein Elektroauto. Das alte Modell mit Benzinmotor wird aber weitergebaut.

Das sagt der Hersteller: Fiat gehört zu jenen Autoherstellern, die das Thema Elektromobilität komplett vernachlässigt haben. Die Hauptschuld trifft den ehemaligen und eigenwilligen Konzernboss Sergio Marchionne. Konsequenz: Um seinen CO2-Flottenausstoß zu reduzieren, kauft FCA (Fiat Chrysler Automobiles) heute lieber Zertifikate von Tesla im Rahmen des Emissionshandels, anstatt die eigenen Autos konsequent zu elektrifizieren.

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Umso mehr überraschen die Italiener die Branche nun mit dem neuen 500. "Wir kommen genau zum richtigen Zeitpunkt", sagt FCA-Europachef Luca Napolitano, "denn erst jetzt legt die Elektromobilität wirklich an Tempo zu". Spät ist Fiat trotzdem dran, darüber können diese Worte nicht hinwegtäuschen. Hersteller wie Nissan, BMW, Tesla sowie Renault sind seit sechs Jahren und mehr mit E-Autos im Markt und haben zusammen bereits weit über eine Million Stromer verkauft. Zur Ehrenrettung sei gesagt: Fiat ließ für Kalifornien und einige andere US-Bundesstaaten seit 2013 in Mexiko den 500er auf Elektroantrieb umrüsten. Dieser 500 e galt als "Compliance-Fahrzeug". Es sollte also helfen, Gesetzesvorgaben zu erfüllen und bei den CO2-Flottenemissionen die hohen Werte der spritschluckenden SUV und Pickups auszugleichen.

Das ist uns aufgefallen: Der elektrische 500 wurde ein paar Zentimeter länger und breiter als sein Benzin-Vorgänger. Dass er diesem dennoch ähnelt, ist Absicht. "Porsche macht das beim 911er nicht anders", sagt FCA-Designchef Klaus Busse, "wir haben den 500er bewusst evolutionär weiterentwickelt." Am auffälligsten ist die umlaufende Haubenfuge. Sie zerschneidet die LED-Scheinwerfer waagerecht in zwei Teile. Ein Hingucker und ein Novum in der Branche.

Innen zeigt sich der neue 500 modern und aufgeräumt. Weil man auf einen konventionellen Gangwählhebel verzichtete und stattdessen auf eine kleine Schalterleiste im Armaturenbrett setzt, erhielt der E-Fiat einen durchgehenden Fußraum, ähnlich dem im BMW i3. Diese offene Anordnung schafft ein luftigeres Raumgefühl. 

Dem Zeitgeist folgend verwendet Fiat für die Sitze kein echtes Leder mehr. Wählt der Kunde Stoffbezug, besteht das Garn aus wiederaufbereitetem Plastikmüll. Der soll ausschließlich aus dem Meer kommen.

Kein besonders geschicktes Händchen hatten die Konstrukteure dagegen bei der Auswahl der Kunststoffe. Hartplastik sollte zumindest im oberen Teil des Armaturenbrettes und an den Türverkleidungen auch in dieser Fahrzeugklasse der Vergangenheit angehören.

Das muss man wissen: Neue Architektur, neuer Antrieb, neue Elektronik, der 500 ist das derzeit modernste Auto im FCA-Konzern. An Bord befinden sich sogar diverse Assistenzsysteme, die - einmalig in diesem Segment – autonomes Fahren auf Level 2 ermöglichen. Zu dieser Stufe gehören Abstandsregeltempomat mit Notbrems- und Spurhalteassistent.

Dennoch wird die Autobahn nicht das Hauptrevier des neuen Fiat 500 sein, eher die Stadt und Umgebung. Dafür reicht die Batteriekapazität von 42 kWh (nutzbar sind etwa 38 kWh) locker aus. Sie soll einen Aktionsradius von 320 Kilometern ermöglichen, nach WLTP-Zyklus. "Im reinen Stadtverkehr sind es sogar 458 Kilometer", verspricht Elektrik-Chefingenieur Maurizio Salvia. 

Überprüfen konnten wir diese Aussage auf unserer ersten und recht kurzen Testfahrt durch Turin nicht. Vermutlich wird die Reichweite dem Kunden auch nicht ganz so wichtig sein. Maßgeblich sind eher Fahrgefühl und Life-Style-Faktor. In den Hintergrund treten auch die reinen Leistungswerte. 87 kW, nach alter Rechnung 118 PS, entwickelt der Elektromotor. Klingt nach wenig, fühlt sich aber nach mehr an, weil das maximale Drehmoment (220 Nm) elektrotypisch aus dem Stand abrufbar ist. Hinzu kommt die gute Gesamtabstimmung des Autos. Das Fahrverhalten ist komfortabel, das Geräuschniveau niedrig, die Lenkung direkt, die Handlichkeit klasse. Der Wendekreis beträgt nur 8,90 Meter.

Technische Daten:

Hersteller:

Fiat

Typ:

500

Karosserie:

Dreitüriger Kleinwagen

Motor:

Elektro

Getriebe:

1-Gang

Antrieb:

Vorderräder

Leistung:

87 kW/118 PS

Drehmoment:

220 Nm

Von 0 auf 100:

9,0 s

Höchstgeschw.:

150 km/h

Batteriekapazität:

42 kWh (brutto)

Reichweite WLTP:

320 km

Verbrauch:

13,8 kWh /100 km

CO2-Ausstoß:

0 g/km

Ladeleistung:

bis 11 kW AC und bis 85 kW DC

Leergewicht:

1.290 kg

Kofferraum:

185 Liter

Umgebaut:

k.A.

Maße:

3.632 / 1.683 /1,527 mm

Wendekreis:

9,60 m

Preis:

ab 34.020 Euro

Weniger Fahrfreude verspürt, wer auf den Spar-Modus "Sherpa" umschaltet. Die Leistung wird auf 57 kW (78 PS) gedrosselt, elektrische Verbraucher ausgeschaltet und die Höchstgeschwindigkeit von 150 auf 80 km/h reduziert. Relevanz hat "Sherpa" somit nur, falls mit fast leerer Batterie eine Ladesäule erreicht werden muss. An einem Quick-Charger kann der Akku mit bis zu 85 kW (Gleichstrom) geladen werden. Fünf Minuten Ladezeit sollen so rund 50 Kilometer an Reichweite bringen.

Anfänglich bietet Fiat nur die sogenannte Edition "la Prima" für 34.020 Euro an. Ganz schön happig. Der alte Benziner startet bei unter 14.000 Euro, ist gleichwohl weit schlechter ausgestattet. Aber der kleine Italiener befindet sich damit in guter Gesellschaft. Die Kontrahenten Honda e und Mini Cooper SE liegen preislich auf dem gleichen Niveau.

Das werden wir nicht vergessen: Die Soundtechniker haben sich eine Besonderheit einfallen lassen. Wenn man nach Fahrtantritt das erste Mal die 20-km/h-Marke übertrifft, ertönt kurz eine Melodie des Komponisten Nino Rota. Sie stammt aus dem Film "Amarcord" des Regisseurs Federico Fellini aus dem Jahr 1973 und soll den Fahrer stets daran erinnern, dass er in keinem gewöhnlichen Elektroauto sitzt – sondern in einem italienischen.