Fiat 500 Twinair Zwei Zylinder sind genug

Da waren's nur noch zwei: Zwei Zylinder, 875 Kubikzentimeter Hubraum, Turbolader und elektrohydraulisch gesteuerte Einlassventile sind nur einige der Besonderheiten des neuen Fiat-Twinair-Motors. Der Knirps röhrt heiser und flitzt auf der Autobahn unbeirrt im Verkehr mit.

Jürgen Pander

Wie hübsch, wie süß, wie nett - fast jeder, der mitbekommt, dass man gerade mit einem Fiat 500 unterwegs ist, äußert sich über das kleine Auto so, als würde ausgerechnet dieses Modell kein Benzin verbrennen, keinen Krach machen, keine 12.900 Euro (Basispreis) kosten. Das tut es natürlich doch, aber die Verniedlichung ist trotzdem angebracht, denn in diesem Auto rumort ein Motor, der zu den kleinsten gehört, die derzeit ab Werk in einem viersitzigen Fahrzeug angeboten werden.

Als "Downsizing in seiner extremsten Form" bezeichnet Fiat den Twinair genannten Motor, in dem 875 Kubikzentimeter Hubraum auf zwei Zylinder verteilt sind. Die Leistung der Maschine liegt bei 85 PS, den Durchschnittsverbrauch für die Variante mit Fünfgang-Schaltgetriebe gibt Fiat mit 4,1 Liter an, der entsprechende CO2-Wert liegt bei 95 Gramm je Kilometer. Wer den Motor mit dem automatisierten Dualogic-Schaltgetriebe (Aufpreis 900 Euro) kombiniert, senkt den Durchschnittsverbrauch auf 4,0 Liter. Sparsamer und sauberer ist derzeit weltweit kein anderer Pkw-Benziner.

Rund 350 Millionen Euro Entwicklungskosten stecken in dem Motor, der an die Anfänge des Fiat 500 erinnert. Auch das erste Modell ab dem Baujahr 1957 wurde mit einem Zweizylinder-Benziner angeboten. Bis auf die Tatsache, dass der neue Motor ein sogenannter Gleichläufer ist, sich also beide Kolben parallel bewegen, gibt es jedoch kaum noch Gemeinsamkeiten. Im neuen Twinair-Aggregat kommen zum Beispiel ein Turbolader und elektrohydraulisch betätigte Einlassventile zum Einsatz. Es gibt daher auf der Einlassseite keine Nockenwelle mehr, und auch die Drosselklappe ist stets geöffnet. Das alles minimiert die innermotorischen Leistungsverluste, senkt die Zahl der beweglichen Teile und soll beim Spritsparen helfen.

Und wie fährt sich ein Zweizylinder-Auto? Klasse! Wenn der kernige Klang nicht wäre, es würde gar nicht auffallen, dass da etwas Besonderes unter der Motorhaube sitzt. Vom angestrengt-blechernen Zweizylinder-Sägen der Fiat-Motoren aus den fünfziger Jahren ist nichts mehr übrig. Stattdessen rumort das neue Twinair-Triebwerk im Soundspektrum zwischen Motorrad und Kleinlaster. Jedenfalls hört es sich keineswegs nach Untermotorisierung an. Und lauter als üblich wird es im Innenraum nur dann, wenn die Maschine flott auf Drehzahl gebracht wird. Bei Richtgeschwindigkeit auf der Autobahn verhält sich der Wagen wie jeder andere Kleinwagen auch.

Die Vibrationen werden erfolgreich bekämpft

Ebenfalls unbegründet ist die Sorge vor heftigen Vibrationen wegen der im Gleichschritt arbeitenden Kolben. Die so genannten Massenkräfte erster Ordnung, üble Schwingungen, die normalerweise das ganze Auto in Wallung versetzen würden, puffert eine Ausgleichswelle wirkungsvoll ab. Der Fiat 500 Twinair vibriert so wie jedes andere Auto, sobald der Motor läuft.

Nicht so toll ist der tatsächliche Verbrauch. Nach rund 500 Kilometern mit dem teilweise voll besetzten Auto meldete der Bordcomputer einen Durchschnittsdurst von 6,6 Liter je 100 Kilometer. Und das, obwohl serienmäßig eine Start-Stopp-Automatik an Bord ist, die auch durchgehend eingeschaltet war. Fast durchgehend aktiviert waren allerdings auch Klimaanlage und Gebläse, anders geht es ja nicht bei knackigem Winterwetter. Insofern lässt sich die deutliche Abweichung vom offiziellen Verbrauchswert erklären. Man fragt sich jedoch, was Downsizing, Hightech und Sparsysteme nützen, wenn in der Praxis kaum etwas dabei herausspringt.

Grundsätzlich fährt sich der Zweizylinder-Knirps recht angenehm. Das Fünfgang-Getriebe lässt sich prima bedienen. Das große Lenkrad ist nicht nur ein Augenschmaus, sondern liegt auch gut in der Hand und der Wagen vermittelt ein angenehmes Gefühl von Beweglichkeit und Spontaneität.

Viele Details machen den Wagen ziemlich teuer

Spontan überzeugt der Fiat 500 durch sein durchdachtes Design, das ein bisschen selbstverliebt wirkt, aber eben hinreißend aussieht. Die Platzverhältnisse gehen in Ordnung, die Bedienung ist - von den Fensterhebertasten auf der Mittelkonsole abgesehen - tatsächlich intuitiv möglich. Wer hingegen im Autohaus intuitiv die Sonderausstattungsliste durchgeht und hier und da Kreuzchen setzt, wird am Ende erschrecken: Das wird richtig teuer. Ob ESP (350 Euro), Pastelllack (etwa in Schneeweiß namens Bossa Nova - 200 Euro), Leichtmetallfelgen (500 Euro), Glasdach (500 Euro), Chrom-Einstiegsleisten (170 Euro), Gummifußmatten (70 Euro) oder das empfehlenswerte Navigationssystem (700 Euro) - Fiat setzt bis hin zum fast unüberschaubaren Angebot an Dekor-Aufklebern (150 Euro je Set) jedes Detail extra auf die Rechnung.

Die neue Twinair-Motorenpalette werden die Italiener ausbauen. Demnächst soll ein Zweizylinder-Saugmotor angeboten werden, und mittelfristig sollen die kleinen Maschinen in einem Leistungsspektrum von 65 bis 105 PS erhältlich sein. Zudem ist eine für Erdgas optimierte Variante in Planung. Insgesamt sollen von den kleinen Triebwerken 450.000 Exemplare pro Jahr gefertigt werden - Downsizing funktioniert auch in ganz großem Stil.

Mehr zum Thema


© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.