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Fiat 500L Cross La Famiglia

Fiat wirbt mit dem Kompaktvan 500L Cross erfolgreich um Familien. Schade, dass dem Wagen ausgerechnet beim Fahren etwas Entscheidendes fehlt.

Retrodesign ist im Grunde ein ästhetischer Offenbarungseid. Selbstverständlich kann man den aktuellen Mini, den VW Beetle oder den Fiat 500 hübsch finden - neu, originell oder gar zukunftsweisend ist die Formgebung dieser Autos nicht.

Schon gar nicht, wenn sie auch noch breit gewalzt wird - wie Mini das mit der SUV-Variante Countryman tut oder Fiat mit dem 500L. Letzterer wurde vor wenigen Monaten runderneuert und steht im Handel. Doch ob man die Optik nun mag oder nicht: Der Wagen hat es in sich.

Er ist nämlich ein erfreulich geräumiges Auto. Bei gerade noch kompakten Außenmaßen, denn der Fiat 500L ist ziemlich genau so lang wie ein VW Golf, zugleich aber deutlich voluminöser. Während das namensgebende Basismodell Fiat 500 als fröhlich-flinkes Stadtwägelchen konzipiert ist, tritt der 500L als familientauglicher Kompaktvan an - also quasi als genau das Gegenteil. Und das funktioniert.

Fotostrecke

Fiat 500L Cross: Gernegroß

Foto: Jürgen Pander

Zunächst einmal für Fiat. Der italienische Hersteller verkaufte seit der Markteinführung des Modells im Jahr 2012 bislang mehr als 430.000 Exemplare. Fiat sagt, für das aktuelle Fahrzeug seien etwa 40 Prozent aller Bauteile erneuert worden. Was vor allem daran liegt, dass der 500L künftig in drei Ausprägungen angeboten wird: In der eher klassisch gehaltenen Variante "Urban", als um zehn Zentimeter verlängerter und mit sieben Sitzen verfügbarer "Wagon" und in der auf SUV geschminkten Version "Cross".

Der Fiat 500L Cross sticht am deutlichsten hervor - weil die Bodenfreiheit um zweieinhalb Zentimeter angehoben wurde, es an Front- und Heck einen Unterfahrschutz gibt, die Stoßfänger robuster - man kann auch sagen: plumper - gestaltet sind, und weil die Karosserie mit einem Flankenschutz versehen wurde. Außerdem verfügt die Cross-Variante über einen Drehschalter links unten auf dem Armaturenpanel, der sich aus der Normalstellung in einen "Traction+"-Modus verstellen lässt (elektronische Differenzialsperre, max. bis 30 km/h), sowie in den Modus "Gravity Control" (eine Bergabfahrhilfe per automatischem Bremseingriff).

Vielleicht schaltet der 500L-Cross-Kunde tatsächlich mal den einen oder anderen dieser Fahrmodi ein - viel weiter wird ihn das allerdings nicht bringen. Man kann diese elektronischen Fahrwerkseingriffe unter Offroad-Klamauk verbuchen. Die Qualitäten des Autos liegen vielmehr in den alltagspraktischen Details. Es gibt beispielsweise zwei Handschuhfächer und etliche clevere Ablagen und Staufächer. Dazu kommen bequeme Sitze und vor allem eine angenehm aufrechte Sitzposition. Die Kopffreiheit ist bei einer Karosseriehöhe von 1,68 Meter enorm, was der Körperhaltung und dem Raumgefühl entgegenkommt.

Angenehm ist auch der Aufenthalt im Fond, allein schon, weil sich die im Verhältnis 60:40 geteilte Rücksitzbank in Längsrichtung verschieben lässt. An Beinfreiheit mangelt es also nicht. Zudem lassen sich die Rücksitzlehnen nicht nur umklappen, sondern die Sitzkissen anschließend auch noch aufrichten. "Klapp und Wickelfunktion" nennt Fiat diese Fähigkeit, die das Kofferraumvolumen von 412 auf 1480 Liter anwachsen lässt.

Gute Alltagstauglichkeit, schwammiges Fahrgefühl

In den Disziplinen Alltagstauglichkeit und Familienfreundlichkeit verdient der Fiat 500L Bestnoten. Allerdings wird der Gesamteindruck durch ein unstetes Fahrverhalten getrübt. Der Wagen, der auf der Plattform des Fiat Punto basiert, benimmt sich außerhalb des Stadtverkehrs wie ein Hüftsteifer beim Ententanz: ungelenk und schwammig. Immer wieder muss man korrigierend am Lenkrad zupfen.

Ein hoher Aufbau und ein entsprechend hoher Schwerpunkt, die erhöhte Bodenfreiheit der "Cross"-Variante sowie in unserem Fall die Besetzung des Autos mit vier Personen samt Gepäck - all diese Faktoren tragen gewiss zu diesem Fahrverhalten bei. Trotzdem lässt sich das Fahrwerk eines Kompaktvans sicher souveräner abstimmen.

Der Eco-Trainer vergibt bis zu 100 Punkte

Zumal es sonst nicht viel auszusetzen gibt an der Technik. In unserem Testauto steckte der 1,4-Liter-Turbobenziner mit 120 PS Leistung, der gut zum Wagen passt. Der 500L ist schließlich nicht irgendwelchen Sportlichkeitsidealen verpflichtet, sondern dem schlicht-seriösen Vorwärtskommen. Auch das Sechsgang-Schaltgetriebe erledigt einen ordentlichen Job, zumal der kugelige Schaltknauf geschmeidig in der Hand liegt. Fiat gibt als Durchschnittsverbrauch für diesen Antrieb 6,7 Liter je 100 Kilometer an, besonders sparsam ist die Maschine also nicht.

Wir kamen auf 7,0 Liter. Bei behutsamer Fahrweise. Im Effizienz-Programm des Bordcomputers, das den Fahrstil bewertet und maximal 100 Punkte für Spritspar-Bemühungen vergibt, erzielten wir fast durchgängig 90 oder mehr Punkte. Anders gesagt: Die Testfahrten wurden mit Zurückhaltung und Demut absolviert.

Als geräumig, variables Familienauto ist der Fiat 500L ein brauchbarer Kumpan. Schon allein weil das Auto der Kompaktvan-Idee treu bleibt, hat es Beachtung verdient. Und optisch sticht es ohnehin aus der Ödnis des SUV-Mainstreams hervor. Da lässt sich sogar übers Retro-Design hinwegsehen.

Hersteller:Fiat
Typ:500L Cross
Karosserie:Van
Motor:Vierzylinder-Turbobenziner
Getriebe:Sechsgang-Schaltgetriebe
Antrieb:Front
Hubraum:1.368 ccm
Leistung PS:120 PS
Leistung kW:88 kW
Drehmoment:215 Nm
Von 0 auf 100:11 Sek.
Höchstgeschw.:183 km/h
Verbrauch (ECE):6,7 Liter
CO2-Ausstoß:157 g/km
Kofferraum:412 Liter
umgebaut:1.480 Liter
Gewicht:1.375 kg
Maße:4276 / 1800 / 1679
Versicherung (HP):18 €
Versicherung (TK):20 €
Versicherung (VK):20 €
Preis:20.740 €
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