Fiat Bravo Artistik zum Neustart

Im Kampf um Marktanteile setzt der Fiat-Chef Sergio Marchionne auf ein neues Modell mit altem Namen: Ab März soll der Bravo Boden in der Kompaktklasse gut machen. Das erste komplett am Computer entwickelte Auto kann dabei mit einer ungewöhnlichen Garantie punkten.


Für die Präsentation neuer Modelle lassen sich Automobilhersteller immer wieder etwas Besonderes einfallen. Mal trällern Popstars Werbehymnen, mal werden einsame Berghäuser zu futuristischen Markentempeln umgebaut, mal wird ein Kreuzfahrtschiff zur schwimmenden Bühne. Doch kein Unternehmen inszeniert Premieren so wie Fiat: 6000 Gäste haben die Italiener in dieser Woche nach Rom gebeten, um sie im klassischen Stadio dei Marmi im Herzen der Ewigen Stadt mit einer gigantischen Show auf den Aufbruch einzustimmen, den Marke und Konzern nach der erfolgreichen Sanierung jetzt in Angriff nehmen wollen.

Im Mittelpunkt des beinahe fünfstündigen Events standen allerdings nicht die optimistischen Reden von Konzernchef Sergio Marchionne und Markenvorstand Luca di Meo. Und auch der eigens eingeflogene Cirque de Soleil wurde am späten Abend immer mehr zur Nebensache. Denn das Augenmerk galt einem Auto, das für Fiat wichtiger kaum sein könnte und als Höhepunkt des Abends fast exakt um Mitternacht - begleitet von Feuerwerk und Fackelschein - zwischen Dutzenden antiker Marmor-Statuen ins Rampenlicht gefahren wurde: Der neue Bravo. Als Nachfolger des glücklosen Stilo soll er Fiat mit glatter Front, kleinem Kühlergrill und großen Scheinwerferaugen endlich auch in der Kompaktklasse wieder ein Gesicht geben und die Marke - nicht nur in der Zulassungsstatistik - einen großen Schritt nach vorn bringen.

Testfahrt auf der Datenautobahn

Dafür haben sich die Italiener mächtig ins Zeug gelegt und sind manches Wagnis eingegangen. Um Geld und vor allem Zeit zu sparen, wurde der Bravo als weltweit erstes Auto komplett am Computer entwickelt und erst so spät wie irgend möglich aus der virtuellen in die wirkliche Welt übertragen. So konnte Fiat die Entwicklungszeit auf 18 Monate reduzieren und den Stilo schon nach fünf, statt üblicherweise sechs oder sieben Jahren, aufs Altenteil abschieben.

Natürlich waren mit dem radikalen Wechsel in der Entwicklung Risiken verbunden. Schließlich konnte bis zuletzt keiner mit Bestimmtheit sagen, ob der Bravo auf der Autostrada tatsächlich so gut ankommt wie auf der Datenautobahn. Doch nach bangen Monaten kann Chefentwickler Harald Wester jetzt wieder ruhiger schlafen. Seine erste Feuertaufe hat der Bravo bei den Testfahrten rund um die italienische Hauptstadt mit Bravour bestanden: Das Design zeigt gerade am Heck mit den breiten Hüften und den riesigen Rückleuchten ein wenig von der leidenschaftlichen Eleganz, die sonst vor allem Alfa Romeo zu eigen ist. Das Interieur macht mit eigenwillig aber bequem gepolsterten Sesseln, einem mit reichlich Carbon-Imitat aufgelockerten Cockpit und einem Reihe praktischer Ablagen Lust auf lange Fahrten. Die augenscheinlich ordentliche Verarbeitungsqualität ist eine wichtige vertrauensbildende Maßnahme. Die Motoren haben Dampf, und das Fahrverhalten ist ordentlich. Nur das störrische Getriebe in unserem Testwagen hätte noch etwas Feinschliff vertragen können.

Weil Fiat mit dem Bravo Großes vorhat, ist der Stilo-Nachfolger auch ein großes Auto geworden: So haben die Italiener den Radstand auf 2,60 Meter und die Karosserie auf 4,34 Meter gestreckt. Damit stellen sie nun das längste Modell im Segment. Dieses Wachstum dient vor allem den Passagieren, die trotz der schnittigen Dachlinie auch hinten noch ordentlich sitzen und nun bis zu 400 Liter Gepäck mit auf die Reise nehmen können. Wer mehr einladen will, muss den Croma kaufen oder bis 2010 warten. Erst dann steht in Marchionnes Wachstumsplan auch ein Kombimodell.

Größere Karosserie, kleinere Hubräume

Während das Auto also in jeder Richtung gewachsen ist, sind die Motoren zum Teil sogar kleiner geworden. Denn auch Fiat hat das so genannte Downsizing entdeckt, mit dem Ingenieure derzeit so gerne Hubraum und damit zugleich Gewicht und Verbrauch reduzieren und auf der anderen Seite die Leistung steigern. Neben den beiden bekannten 1,9-Liter-Dieseln mit 120 oder 150 PS und dem ebenfalls schon andernorts eingesetzten 1,4-Liter-Benziner mit 90 PS wird es bald einen neuen Turbomotor geben, der aus ebenfalls 1,4 Litern Hubraum stolze 120 oder 150 PS schöpft und mit bis zu 200 Nm zu Werke geht.

Obwohl der Bravo in Italien direkt von der Premierenfeier zu den Händlern rollt, tut sich Fiat in Deutschland mit der Preiskalkulation noch etwas schwer. Sicher ist nur, dass der italienische Einstiegspreis von 14.900 Euro hierzulande kaum zu halten sein wird. Denn anders als auf dem Heimatmarkt werden bei uns schon in der Basisversion unter anderem sieben Airbags und ESP zum Standard zählen, so dass man für die 90 PS-Version wohl mit rund 15.400 Euro rechnen muss. An Zuversicht mangelt es den Italienern in Deutschland dennoch nicht. Sie wollen mit dem Bravo ihre Zulassungen in der vom VW Golf dominierten Klasse beinahe vervierfachen und rund 14.000 Autos verkaufen. Zur Vertrauensbildung setzten sie dabei auch auf ungewöhnliche Maßnahmen: Wer mit seinem Bravo nach drei Monaten nicht zufrieden ist, bekommt sein Geld zurück.

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