Fiat Bravo Fahren nach Gehör

Fiat-Modellen fehlte jahrelang die richtige Form. Inzwischen hat die italienische Marke wieder zu altem Schwung zurückgefunden, auch der Kompaktwagen Bravo ist frisch und flüssig gestaltet. Jedoch leisteten sich die Designer einen Schildbürgerstreich - die Fenster sind viel zu klein.


Fesch sieht er aus, der Fiat Bravo. Eine zeitlos gültige Form mit glatten Blechflächen, weichen Rundungen und einer heftig ansteigenden Fensterlinie. Das wirkt sportlich und modern, für den Fahrer allerdings wird die Optik zum Problem. Sobald nämlich, etwa beim Rechtsabbiegen, der Blick nach schräg hinten erforderlich ist, sitzt man am Bravo-Lenkrad buchstäblich im Dunklen.

Eine fette C-Säule verstellt die Sicht, die Scheiben in den Fondtüren sind die vermutlich kleinsten Glasflächen in dieser Klasse, und auch der Fensterausschnitt in der Heckklappe verbirgt mehr als gut wäre. Kurzum: Je weiter man nach hinten kommt an der Karosserie, desto mehr erinnert sie an das Rathaus von Schilda, in dem die Schildbürger die Fenster vergessen hatten.

Wer also ernsthaft über den Erwerb eines Fiat Bravo nachdenkt, sollte das Auto unbedingt mit Parksensoren bestellen, die Abstandswarner vorn und hinten kosten zwar happige 530 Euro Aufpreis, ersparen aber das Einparken nach Gehör, etwaige Rangierrempler und vor allem jede Menge Nerven. Im übrigen ist das Auto auch für die Hinterbänkler eher eine düstere Höhle als ein Panorama-Gefährt - eben weil die Fenster im Fond so knapp geschnitten sind. Was Aus- und Durchblick betrifft, markiert der Fiat Bravo - ohne das die Autos sonst irgendwie vergleichbar wären - das komplette Gegenteil des Fiat Multipla, der praktisch eine fahrende Vitrine ist.

Das mit der mangelnden Übersichtlichkeit muss man wissen, ehe man die Vorzüge des Bravo schätzen lernt. Denn die gibt es natürlich auch, und sie finden sich vor allem vor dem Fahrer. Etwa das formschöne Dreispeichen-Lenkrad und die gut gemachten Cockpitanzeigen. Außerdem die schmucke Armaturentafel mit der hübschen Oberfläche, den feinen Schaltern und der insgesamt sehr übersichtlichen Gestaltung.

Noch weiter vorn, nämlich im Motorraum, sitzt seit einigen Monaten ein neuer Benzinmotor, der dem so genannten Downsizing-Prinzip folgt. Das ist jener Trend im Motorenbau, der Spritsparen durch generelle Verkleinerung der Aggregate, insbesondere des Hubraums, anstrebt. Bei Fiat trägt diese Technik den Namen T-Jet. Im Falle unseres Testwagens handelte es sich um einen 1,4-Liter-Vierzylinder-Motor. Um trotzt des geschrumpften Hubraums die Leistung auf einem ansehnlichen Niveau zu halten, tritt das Aggregat mit Turbolader an.

In der Praxis schluckt der Turbomotor ordentlich

Im Datenblatt zum Auto liest sich das dann so: Der Fiat Bravo 1.4 T-Jet geht mit einer Leistung von 120 PS ans Werk, schafft eine Höchstgeschwindigkeit von 197 km/h und verbraucht im Durchschnitt 6,7 Liter. Das hört sich ganz überzeugend an, und wer ein bisschen mit dem Auto herumkurvt, findet diese Erwartung bestätigt. Der Fiat Bravo mit dem kleinen Turbo-Benziner (Fiat bietet das gleiche Triebwerk auch mit 150 PS an) ist ein überaus quirliger und flotter Begleiter. Man braucht in dieser Autoklasse nicht mehr PS oder mehr Hubraum - nicht um zügig unterwegs zu sein, und schon gar nicht, um sich an irgendwelchen Aufschneidereien beteiligen zu können.

A propos Aufschneiderei - der Durchschnittsverbrauch von 6,7 Liter je 100 Kilometer, den Fiat für den Wagen angibt, entpuppte sich als theoretischer Laborwert. Denn trotz defensiver Fahrweise bei allerdings hohem Anteil im Stadtverkehr und nur einer kürzeren Autobahn- und Landstraßen-Passage meldete der Bordcomputer einen Durchschnittsverbrauch von glatten 9 Litern. Das ist unverhältnismäßig viel, erst recht für einen Motor, der als Spartriebwerk angepriesen wird. Denn in welche Höhen schraubt sich der Verbrauch dann erst, wenn man zu viert und mit Gepäck im Bravo unterwegs ist?

Kofferraum mit Hexenschussrisiko

Die günstigste Variante des Bravo mit dem kleinen Turbomotor kostet 17.000 Euro. Es handelt sich dann um die Ausstattungsversion Active, bei der zum Beispiel die dritte Kopfstütze an der Rücksitzbank fehlt oder die Nebelscheinwerfer. Dafür aber gibt es einen Bordcomputer, einen höhenverstellbaren Fahrersitz (der an der schlechten Rücksicht aber auch nichts ändert) und eine asymmetrisch geteilte Rücksitzlehne, um den Kofferraum stufenweise zu vergrößern.

Das Gepäckabteil übrigens ist sehr ordentlich dimensioniert. Das Volumen reicht von 365 bis maximal 1175 Liter. Einschränkend muss man jedoch erwähnen, dass die Ladekante vergleichsweise hoch und auch breit ist. Das hilft vermutlich bei einem Heckaufprall, erhöht jedoch beim Verladen von Getränkekisten oder Farbeimern das Hexenschussrisiko.

Sieben Airbags und fünf Euro-NCAP-Sterne

Gut gerüstet ist der Fiat Bravo in puncto Crashsicherheit ohnehin. Das Auto erreichte fünf Sterne beim Euro-NCAP-Test und wird in allen Versionen mit ABS, ESP und sieben Airbags ausgeliefert. Neben den üblichen Front-, Seiten- und Kopfprallkissen gibt es auch noch einen Airbag für die Knie des Fahrers.

Neben der kompletten Sicherheitsausstattung sind es noch weitere Details, die einem an Bord des Bravo ein gutes Gefühl geben. Die Sitze etwa sind bequem und geben einen guten Halt, die Bedienungselemente geben keine Rätsel auf, die elektrische Servolenkung vermittelt ein ordentliches Gefühl für die Fahrbahn, und auch das Sechsgang-Schaltgetriebe (eine Automatik ist nicht verfügbar) lässt sich angenehm leichtgängig handhaben. Die Zulassungszahlen in Deutschland sind entsprechend positiv, in den ersten fünf Monaten des Jahres wurden 4651 Fiat Bravo hierzulande abgesetzt. Fiat blickt zuversichtlich nach vorn. Dabei wäre ab und an auch mal ein Blick nach schräg hinten angebracht.



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