Fiat Grande Punto Das Auto für Plan P

Neue Produkte, mehr Profit und als Schlüsselmodell der Grande Punto - 2006 will Fiat nach Jahren der Krise die Verlustzone verlassen. Vor allem der neue, größere Punto soll zum Gelingen des "Plan P" beitragen. Jetzt steht das Auto auch bei den deutschen Händlern.

Von Jürgen Pander


Die Teststrecke führt in der Nähe von Bonn durch einen Ort namens Pech. Doch davon kann keine Rede sein. Der Oktober ist golden, die Luft und die Straße frei, und auch das Auto passt zu der angenehmen Atmosphäre. Der neue Fiat Grande Punto ist ein feiner Begleiter durchs hügelige, linksrheinische Bonner Hinterland. Ein Kleinwagen, der im Vergleich zum Vorgängermodell deutlich gewachsen ist.

Fiat Grande Punto: Würde Maserati einen Kleinwagen bauen, würde er so aussehen

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Das lässt sich nicht nur messen, wie etwa die Länge des Neuen von 4,03 Meter, sondern auch erleben. Wenn man zum Beispiel die Form des von Giorgetto Giugiaro designten Autos näher betrachtet, oder wenn man sich den Innenraum genauer ansieht und feststellt, dass Fiat hier keinen Vergleich zu anderen Marken mehr zu scheuen braucht. Endlich haben die Italiener wieder ein Auto, das ihre Kernkompetenz - den Bau kleiner, praktischer und solider Fahrzeuge - vorbildlich repräsentiert.

"La Fiat é tornata", verkündete Konzerpräsident Luca de Montezemolo unlängst - "Fiat kehrt zurück". Mit dem neuen Grande Punto erhält diese Behauptung einen Beleg. Das sieht auch Werner H. Frey so, der Vorstandschef der deutschen Fiat Automobil AG. "Wir kehren zurück in die Rolle des Angreifers, und der Grande Punto ist wohl das wichtigste Modell unserer Produktoffensive." Im nächsten Jahr, so hofft Frey, werden allein in Deutschland 30.000 neue Grande Punto verkauft. "Insgesamt wollen wir im kommenden Jahr 60.000 Fiat-Pkw absetzen und einen Marktanteil von zwei Prozent erzielen", sagt Frey. Derzeit liegt der Wert bei knapp eineinhalb Prozent.

Fahrzeugschein
Hersteller: Fiat
Typ: Grande Punto
Karosserie: Kleinwagen
Motor: Vierzylinder-Benziner
Hubraum: 1.368 ccm
Leistung: 77 PS (57 kW)
Drehmoment: 115 Nm
Von 0 auf 100: 13,2 s
Höchstgeschw.: 165 km/h
Verbrauch (ECE): 6,1 Liter
CO2-Ausstoß: 145 g/km
Kraftstoff: Superbenzin
Kofferraum: 275 Liter
umgebaut: 1.020 Liter
Versicherung: 15 (HP) / 18 (TK) / 13 (VK)
Preis: 11.440 EUR
Die Zahlen zeigen, wie wichtig der Erfolg des Grande Punto für Fiat ist. Der Wagen trägt den Beinamen Grande übrigens aus zwei Gründen; erstens soll so auf die neue Größe des Modells aufmerksam gemacht werden, und zweitens bleibt das bisherige Modell in einer Einstiegsversion zum Preis von weniger als 10.000 Euro bis Ende nächsten Jahres im Angebot. Die Preisliste des neuen Grande Punto beginnt bei 10.990 Euro, dafür erhält der Kunde einen Dreitürer (fünf Türen kosten 650 Euro Aufpreis) mit 1,2-Liter-Vierzylinder-Benziner (65 PS / 48 kW), der über vier Airbags, ABS, elektrische Servolenkung, zweifach verstellbares Lenkrad und elektrisch verstellbare Außenspiegel verfügt. ESP (500 Euro) und Seitenairbags (250 Euro) kosten bei der Einstiegsversion extra.

Es gibt auch noch einen stärkeren Benziner, der mit 1,4 Liter Hubraum und einer Leistung von 77 PS (57 kW) antritt. Die Maschine dreht hurtig hoch und ist im Stadtverkehr eine angemessene Motorisierung. Über Land oder auf der Autobahn jedoch stößt der Motor schnell an seine Grenzen. Obwohl Fiat eine Höchstgeschwindigkeit von 165 km/h angibt, geht es ab 120 nur noch mühsam voran. Und das serienmäßige Fünfgang-Schaltgetriebe hilft auch nicht beim flotten Beschleunigen, weil die Getriebegasse auf dem Weg zum fünften Gang den Schaltknüppel gerne in die Irre führt, die kleine Hakelei kostet wertvolle Sekunden und damit Drehzahlen.

Obwohl nach den Erwartungen von Fiat-Marketingchef Basilio Scelza nur jeder fünfte Grande Punto mit einem Dieselmotor ausgeliefert werden wird, bieten die Italiener zum Start des Autos gleich vier Dieselmotoren an. Die 1,3- und 1,9-Liter-Maschinen leisten zwischen 75 und 130 PS (55 und 96 kW) und bringen den Wagen ungleich druckvoller voran als die bisher verfügbaren Benziner. Ob sie sich für den Kunden rechnen, ist allerdings zweifelhaft, denn erstens kostet die billigste Dieselversion 12.690 Euro und zweitens wird es erst ab dem kommenden Jahr Rußpartikelfilter für die Selbstzünder geben - zum Aufpreis von 600 Euro.

Im nächsten Jahr werden aber auch neue Benzinmotorisierungen nachgeschoben. Ab Februar ein 1,4-Liter-Aggregat mit 95 PS und möglicherweise noch eine Version mit 140 PS. Und 2007 soll das Topmodell mit einem 1,6-Liter-Turbomotor und 200 PS antreten. Das ist dann schon wieder viel zu viel des Guten, denn welcher Kleinwagenkunde ist schon erpicht auf Kavalierstarts oder Hochgeschwindigkeitsorgien?

Grande-Punto-Innenraum: Neue Qualität in der Verarbeitung

Grande-Punto-Innenraum: Neue Qualität in der Verarbeitung

Die Qualitäten des Grande Punto liegen ganz woanders. Dieser Fiat zeigt, dass es die Italiener sehr ernst nehmen mit ihren Ankündigungen, die Qualität der Fahrzeuge spürbar zu erhöhen und ihnen wieder die viel zitierte "Italianitá" mitzugeben. Auf diesen Feldern punktet der Neue. Das hat mit dem stimmigen Karosseriedesign zu tun, mit der fröhlich-freundlichen Frontpartie und den weit nach vorne gezogenen A-Säulen, in denen ein Extra-Dreiecksfensterchen untergebracht ist, mit einer glatten Seitenansicht und mit dem knackig-stämmigen Heck. Auch von hinten ist der Grande Punto ein Ausbund an Klarheit, was auch daran liegt, dass es keinen Kofferraumgriff mehr gibt. Die Heckklappe öffnet sich entweder per Tastendruck am Armaturenbrett oder am Zündschlüssel.

Der Kofferraum - die Klappe öffnet extrem weit und stellt auch für hoch gewachsene Nutzer keine Gefahr dar - fasst zwischen 275 und 1020 Liter. Ebenso großzügig ist das Platzangebot auf den hinteren Sitzen, wobei vor allem die Kopffreiheit überrascht. Auch in anderen Kategorien zeigt der Grande Punto die neue Fiat-Qualität. Beim Euro-NCAP-Crashtest erreichte er die Bestnote von fünf Sternen. Diese Fähigkeiten sieht man dem Auto nicht an, wohl aber fallen die hübschen Sitze und die klar gegliederte und zweifarbig gestaltete Armaturentafel ins Auge; und das griffig modellierte Lenkrad liegt tadellos in der Hand.

Fiat macht mit dem Grande Punto den Kleinwagenkunden in Deutschland ein reelles Angebot. Die Italiener hoffen auf Grund des feinen Designs auf möglichst viele Neukunden, ebenso aber auch auf das Potenzial der etwa 440.000 Punto-Fahrer, die es zwischen Kiel und Kaufbeuren derzeit gibt. Bei Bedarf und der nötigen Barschaft könnten die das neue Modell auch üppig aufbrezeln: mit einem Dachspoiler (150 Euro), getönten Scheiben im Fond (100 Euro), Lederlenkrad und Lederschaltknauf (150 Euro), Regensensor (150 Euro), Tempomat (150 Euro) oder einem elektrischen Panorama-Glasschiebedach (850 Euro). "Der Grande Punto ist das Herz der Marke", sagt Fiat-Deutschland-Chef Frey. Schön, dass es wieder so kräftig schlägt.



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