Fiat Sedici Des Rätsels Lösung

Jetzt schwappt die Offroad-Welle auch nach Italien. Nachdem Fiat 20 Jahre ohne echten Geländewagen auskam, geht es zur Winterolympiade in Turin wieder auf die Buckelpiste. Am Start steht der Sedici, der mit olympischen Weihen im Juni nach Deutschland rollt.


Zwar gibt es für die automobile Taufe hoch bezahlte Agenturen - doch wozu soll man Marketing-Experten beschäftigen, wenn man neunmalklugen Nachwuchs hat. So oder so ähnlich muss es Fiat-Markenvorstand Luca De Meo gesehen haben, als er auf der Suche nach einem Namen für den ersten Geländewagen war, mit dem die Italiener 20 Jahren nach dem Ende des Campagnola demnächst wieder auf die Buckelpisten zurückkehren. "'4 x 4 das ist doch Sedici, also 16', haben meine Kinder gerufen, als ich mit einem Freund während ihrer Mathe-Hausaufgaben über das künftige Auto geredet habe", erinnert sich De Meo. "Das war des Rätsels Lösung: Einleuchtend, logisch und so klar, dass sich alle weiteren Überlegungen erübrigt haben."

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Fiat Sedici: Premiere bei Olympia

Doch nicht alles war so leicht wie die Suche nach dem Namen. Zwar war den Italienern schon lange klar, dass auch sie schnellstmöglich einen Geländewagen brauchen, um im "heißesten Fahrzeugsegment in ganz Europa" (De Meo) mitzumischen. Doch weil die Erfahrungen spärlich, die Zulassungserwartungen mit 20.000 Einheiten pro Jahr bescheiden und die Entwicklungsbudgets klein waren, musste erst ein passender Partner gefunden werden. So kam Fiat während der mittlerweile wieder geschiedenen Allianz mit General Motors mit Suzuki ins Geschäft.

Diese Kooperation mit einem ausgewiesenen Allrad-Spezialisten verschafft den Italienern Zugriff auf eine Technologie, die ein Stück über die Möglichkeiten vieler anderer SUVs in dieser Klasse hinausgeht. Der Vorsprung manifestiert sich in einem kleinen Schalter auf der Mittelkonsole, mit dem der Fahrer zwischen drei Antriebsmodi wechseln kann. So fährt der Sedici zu Gunsten eines geringeren Verbrauchs normalerweise als reiner Fronttriebler. Erst auf Knopfdruck wird die Kraft je nach Bedarf auch an die Hinterräder weitergeleitet. Und wer in richtig schweres Gelände aufbrechen möchte, der kann die Kraftverteilung mit einem weiteren Druck auf den Wahlschalter auch fixieren. Egal was dann kommt, wird das Drehmoment zu gleichen Teilen nach vorn und nach hinten geleitet.

Fahrzeugschein
Hersteller: Fiat
Typ: Sedici
Karosserie: Geländewagen/Pickup/SUV
Motor: Vierzylinder-Benziner
Hubraum: 1.566 ccm
Leistung: 107 PS (79 kW)
Drehmoment: 145 Nm
Höchstgeschw.: 170 km/h
Verbrauch (ECE): 7,1 Liter
CO2-Ausstoß: 168 g/km
Kraftstoff: Superbenzin
Kofferraum: 270 Liter
umgebaut: 670 Liter
Preis: 20.000 EUR
Damit wühlt sich der Fiat bei ersten Testfahrten im Flachland am Fuß der italienischen Alpen ausgesprochen tapfer auch durch tiefen Schlamm, schlägt sich unverzagt durchs Unterholz und nimmt ausgefahrene und zerfurchte Feldwege, als wären sie eine holperige Landstraße. Auch der Benzinmotor macht dabei eine gute Figur. Zwar sind eine Höchstgeschwindigkeit von 170 km/h in der Zivilisation etwas dürftig, in freier Wildbahn aber ist der 107 PS (79 kW) starke 1,6-Liter mit seinen 145 Newtonmeter allemal kräftig genug für die Matschpartie. Außerdem bietet Fiat ja als Alternative auch einen grundsätzlich mit Filter bestückten Diesel mit 120 PS (88 kW) an, der gleich mit 280 Newtonmeter zur Sache geht und auf der Straße sogar 180 km/h erreicht.

Während der Sedici unter dem Blech also ein echter Offraoder ist, gibt er sich nach außen hin relativ gemäßigt. Natürlich hat auch der von Altmeister Giugiaro eingekleidete Fiat ein paar massiv wirkende Stoßfänger mit eingearbeitetem Unterfahrschutz. Ein breiter Streifen unlackierten Kunststoffs schützt die Flanken. Dicke Wulste um die Radkästen versprechen einen muskulösen Anritt. Und die Dachreling lässt den Italiener hübsch praktisch wirken. Doch selbst zivile Kleinwagen im Outdoor-Look wie der gerade vorgestellte Cross-Polo aus Wolfsburg sehen verwegener aus. Aber gerade diese Unauffälligkeit zeichnet den Sedici aus. Denn mit ihm zielt Fiat nicht auf die erfahrene Allradfraktion. "Wir denken vor allem an Kunden, die bislang noch keinen Offroader gefahren haben", sagt De Meo. Und die wollen die Italiener nicht gleich erschrecken. Deshalb vergleicht der Markenvorstand den Geländewagen auch mit einer Jeans und nicht mit einer Multifunktions-Überlebens-Himalaja-Hose aus Gore-Tex: "Sie wirkt schlicht und trotzdem elegant. Man ist damit überall gut angezogen. Und man fühlt sich darin einfach wohl."

Bescheidener Innenraum und geringes Kofferraumvolumen

Weil der Sedici im Gelände mehr kann, als man ihm ansieht, er aber wahrscheinlich doch die meiste Zeit in der Stadt unterwegs ist, hat Fiat beim Format Zurückhaltung geübt. Der Viertürer mit dem steilen Heck ist nur 4,11 Meter lang und damit etwa zehn Zentimeter kürzer als die meisten Wettbewerber. Und obwohl er immerhin 19 Zentimeter Bodenfreiheit bietet, dürften ihn seine Konkurrenten bei einer Höhe von 1,62 Meter deutlich überragen. Das verspricht zwar im Dschungel der Großstadt ein relativ entspanntes Fahrgefühl, bringt aber innen etwas beschränkte Platzverhältnisse mit sich. Ein wenig mehr Beinfreiheit im Fond wünscht man sich schon. Und auch 270 Liter Kofferraumvolumen sind kein Bestwert. Außerdem hätte dem Fiat etwas mehr Variabilität gut zu Gesicht gestanden. Wenn schon der kleine Panda 4x4 eine verschiebbare Rückbank bietet, dann ist der normale Klappmechanismus beim großen Bruder zu wenig. Doch hat Fiat für den Sedici ein Argument, das solche Kritik locker ausgleicht: den Preis.

Zwar steht der ein halbes Jahr vor der deutschen Markteinführung noch nicht genau fest. "Aber wir werden mit unserem Geländewagen auf dem Niveau eines ganz normalen Pkw in der Kompaktklasse liegen", sagt De Meo. Und seine deutschen Vertriebskollegen stellen einen Grundpreis von etwa 20.000 Euro in Aussicht. Ein ziviler, allradgetriebener VW Golf 4Motion ist da deutlich teurer.

Bei Olympia werden 100 Sedici-Modelle im Einsatz sein

Der Sedici kommt in Deutschland also erst im Sommer 2006 auf die Straßen, doch aufmerksame Fernsehzuschauer werden sich schon früher ein Bild von dem neuen Geländegänger machen können. Schließlich ist der Sedici der automobile Hauptdarsteller der 20. Winterolympiade, die im März am Fiat-Stammsitz Turin beginnt. Für den reibungslosen Ablauf der Spiele stellt der Konzern den Organisatoren insgesamt rund 4000 Fahrzeuge vom Lancia Ypsilon bis zum Iveco Daily zur Verfügung - darunter auch 100 Exemplare des neuen Geländewagens, die bereits im Dezember übergeben werden. "Olympia als Heimspiel vor den Toren unseres Stammwerkes ist für Fiat natürlich die perfekte Bühne, um den neuen Geländewagen ins rechte Licht zu rücken", sagt Markenvorstand De Meo.

Doch Fiat bringt die Spiele nicht nur buchstäblich in Fahrt und unterstützt mit allen Konzernmarken eine ganze Reihe von Sportlern. Sondern es werden auf den zweiten Blick ein paar weitere Verbindungen zwischen den Olympischen Winterspielen und Fiat offenbar. So wurde Sestriere, Austragungsort der alpinen Ski-Wettbewerbe und Standort eines der Olympischen Dörfer, ursprünglich als Erholungsstätte für Fiat-Angestellte gegründet und hat sich erst später zu einem der beliebtesten Wintersportorte in Italien entwickelt. Und auch das Pressezentrum verdankt seinen Standort dem Automobilhersteller. Schließlich war das Hotel- und Kongresszentrum im Stadtteil Lingotto von 1923 bis 1982 eine der wichtigsten Fabriken im Agnelli-Imperium. Stummer Zeuge dieser Zeit ist eine noch immer sichtbare Teststrecke auf dem Dach des Industriedenkmals. Allerdings werden dort längst keine Neuwagen mehr eingefahren. Vielmehr dient der Rundkurs heute als Joggingparcours für die Hotelgäste.



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