Ford Focus 1.6 TDCI Mann - trägt der dick auf

Zurückhaltung war gestern: Um die Vorherrschaft des VW Golf zu brechen, tritt der Ford Focus jetzt mit auffälligem Styling an. Die grelle Schminke übertüncht fast die vielen Qualitäten, die der Kompakte hat. Für Platz eins reicht es dennoch nicht.

Jürgen Pander

Von Jürgen Pander


Weltweit ist das Auto vermutlich das wichtigste Ford-Modell überhaupt. Der neue Focus soll pro Jahr zwei Millionen Mal in insgesamt sechs Fabriken gebaut und in 120 Ländern verkauft werden. Das nennt man wohl ein global car, wobei der Wagen in Deutschland erst noch so richtig in Schwung kommen muss. 30.263 Neuzulassungen registrierte das Kraftfahrtbundesamt in den ersten sechs Monaten dieses Jahres - damit liegt das Auto auf Rang drei in der Kompaktklasse, hart bedrängt vom BMW 1er, der im gleichen Zeitraum auf 28.691 Neuzulassungen kam.

Ford setzt mit dem Focus auf eine durchaus riskante Strategie, denn das Auto ist sehr auffällig designt. Das ist insofern sinnvoll, als das der Wagen aus dem breiten Einerlei der Kompaktmodelle klar hervorsticht und einen hohen Wiedererkennungswert besitzt. Kehrseite ist dagegen der schnelle Alterungsprozess dem eine allzu exaltierte Formgebung ganz allgemein unterliegt. Und außerdem sind zum Beispiel Rücklichter, die mehr dreidimensionales Leuchtobjekt sein wollen als einfach nur ein normale Heckleuchten, nicht jedermanns Sache.

Die stilistische Gratwanderung des Autos setzt sich im Innenraum fort. Es wirkt, als habe sich der Ford Focus vorgenommen, es allen andern mal so richtig zu zeigen - und das geht natürlich schief. Die wulstige Mittelkonsole sieht im allerersten Moment spektakulär aus, doch bei genauerem Hinsehen wirken die schrägen Linien, die überladenen Tastenfelder und windschiefen Luftausströmer einfach nur aufdringlich. An dieser Stelle ist der Focus völlig überdesignt. Dass der Handbremshebel in zackiger Form ebenfalls auf Designer-Stück macht - na gut. Wenn aber zugleich der Schaltknüppel so weit nach rechts rutscht, dass die Hand auf dem Weg zum Gangwechsel immer wieder ins Leere greift, dann habe die verantwortlichen Ergonomen einfach keinen guten Job gemacht.

Dabei sind den Innenraumgestaltern viele Details ausnehmend gut gelungen. Das kleine Schalter-Ensemble für die Scheinwerfer links neben dem Lenkrad zum Beispiel ist richtig toll gemacht. Und auch die blauen Zeiger der Cockpitinstrumente passen gut zum Auto einer Marke, die ein blaues Logo hat. Lob verdient haben sich übrigens auch das prima geformte Lenkrad sowie die ebenso bequemen wie ordentlich gepolsterten Sitze.

Wie gesagt, es die Focus-Einrichtung ist eine Gratwanderung - mal kippen die Dinge ins Wunderbare, mal ins Wunderliche. Wundern könnte man sich übrigens auch darüber, dass Fahrer und Beifahrer in einem 4,36 Meter langen und 1,82 Meter breiten Auto derart eingekesselt sitzen. Es wäre ja genug Platz da, doch zwischen Armaturentafel und Mittelkonsole geht irgendwo das luftige Raumgefühl flöten. Im Fond ist das besser gelöst, hier sitzen auch Erwachsene angenehm unverkrampft. Auch im Kofferraum gibt es genug Platz: das Fassungsvermögen reicht von 363 bis 1148 Liter.

Beim Fahrverhalten setzt der Focus Maßstäbe

Vielleicht aber ist das alles zweitrangig, denn in Fahrt ist der Ford Focus ein richtig gutes Auto. Die neue, elektrohydraulische Lenkung ist kommod aber eindeutig abgestimmt, das Fahrwerk benimmt sich vorbildlich und das Sechsgang-Schaltgetriebe kann man ebenfalls mit dem Etikett "tadellos" versehen.

Angetrieben wurde unser Testwagen vom zweitkleinsten der insgesamt fünf verfügbaren Dieselmotoren. Das quer eingebaute 1,6-Liter-Aggregat leistet 115 PS und erzeugt ein maximales Drehmoment von 270 Nm. Weil der Wagen mit 1344 Kilogramm nicht zu den Schwergewichten gehört, passt die Maschine prima in dieses Auto und ist ein feines Aggregat, wenn man weniger die Sportskanone als vielmehr den Spritsparer geben möchte.

4,2 Liter Durchschnittsverbrauch je 100 Kilometer gibt Ford offiziell für den Fünftürer sowohl mit 95-PS- als auch mit dem 115-PS-Diesel an. Das ist mal wieder äußerst optimistisch gerechnet. Der Bordcomputer unseres Wagens mit Start-Stopp-Automatik meldete nach unseren Testfahrten, einem Mix aus Stadtverkehr, Landstraßen-Gekurve und Autobahnfahrt, einen Verbrauch von 6,7 Liter für die 100-Kilometer-Distanz. Vermutlich ist das ein Wert, mit dem man im Alltag mit diesem Wagen auskommt.

Für das Studium der Ausstattungsliste sollte man sich Zeit nehmen

Worin Ford eine gewissen Meisterschaft entwickelt hat, ist das Schnüren von so genannten Ausstattungspakten. Allein 18 solcher Pakete, die jeweils mehrere aufpreispflichtige Extras zusammenfassen, sind für den Focus im Angebot. Darüber hinaus kann man viele Dutzend Extras sozusagen à la carte ordern, etwa ein Glas-Schiebe-Hubdach (785 Euro), einen extragroßen Dachspoiler (300 Euro) oder beiheizbare Vordersitze (255 Euro).

Unser Testwagen war mit der so genannten Titanium-Ausstattung schon sehr üppig bestückt; so heißt die feinste der insgesamt drei Ford-Ausstattungslinien, wobei man beachten muss, dass es die Basisvariante "Ambiente" ausschließlich in Verbindung mit dem jeweils schwächsten Benzin- und Dieselmotor gibt. Ab 24.100 Euro kostet der Ford Focus in dieser Version, was eine Stange Geld ist für ein Auto dieses Formats.

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