Ford Transit Die größte Pflaume aller Zeiten

Tonnenschwerer Auftritt: Ein neues Modell des beliebtesten Transporters Europas rollt vom Band. Stolzer und Pkw-ähnlicher als je zuvor präsentiert sich der Ford Transit seiner Fangemeinde. Sein Herz trägt er mitten im Gesicht.

Von Florian Harms


Von der Seite, von hinten, von oben? Schwer zu sagen, aus welcher Perspektive ein Auto seinen Charakter am deutlichsten offenbart. Beim neuen Ford Transit, der ab 1. Juli bei den Händlern steht, ist das keine Frage, denn er trägt sein Herz mitten im Gesicht: Zwischen Nebelscheinwerfern in Lupenoptik und riesigen, nach oben spitz zulaufenden Klarglas-Scheinwerfern prangt es weithin sichtbar auf dem Doppelleisten-Kühlergrill: das mit 23,5 Zentimetern breiteste Ford-Emblem aller Zeiten. Im internen Sprachgebrauch des Unternehmens heißt das oval-blaue Markenlogo kurz und knackig "Pflaume". Als sei die großflächige Selbstauskunft noch nicht genug, verkünden dicke Versalien an Seiten- und Hecktüren auch noch den Namen des Modells: TRANSIT. Wohl noch nie war ein Ford so stolz.

Der Transporter hat aber auch allen Grund dazu: Als Marktführer ist er der Chef unter den Nutzfahrzeugen im 3,5-Tonnen-Segment – ob als Kastenwagen für die Güter- oder als Kombi für die Personenbeförderung. Nicht nur in der Türkei, wo rund 60 Prozent aller Transit zusammengeschraubt werden, ist das "Bosporus-Shuttle" der Renner. Bis zu 17 Personen können in der geräumigsten Kombi-Version an Bord gehen.

Mit diesem Superlativ wird Ford sich gerne schmücken, waren doch die guten Nachrichten aus dem Konzern in den vergangenen Jahren rar gesät. Trotz einer groß angelegten Umstrukturierung vor sechs Jahren verzeichnete der Autobauer 2002 und 2003 dramatische Verluste. Unter dem Slogan "Feel the difference" will Ford sich jetzt neu ausrichten. "Der Marke fehlt bislang Emotionalität, Kunden kaufen einen Ford mit dem Kopf, nicht mit dem Herzen", sagt Jürgen Stackmann, der in der Geschäftsführung für Marketing und Verkauf zuständig ist.

"Das Chamäleon unter den Autos"

Doch am Transit kann die Image-Schieflage kaum liegen, der Transporter vereint Funktionalität mit einem legendären Ruf und ist das mit Abstand erfolgreichste Ford-Produkt. Seit 1965 wurden mehr als fünf Millionen Exemplare gebaut, mit der sechsten Serie peilt Ford nun allein in Deutschland eine jährliche Verkaufszahl von 25.000 Stück an. Vor allem kleine und mittelständische Betriebe schwören auf den Kastenwagen und haben bei Zuschnitt und Ausstattung nur zu gern die Qual der Wahl. Ob mit Front- oder Heckantrieb, mit flachem oder hohem Dach, mit kurzem, mittlerem oder langem Radstand - in sage und schreibe 60 Basisversionen und Karosserievarianten ist der neue Transit zu haben. "Er ist das Chamäleon unter den Autos", sagt Stackmann. "Die Kunden arbeiten und leben darin." Zwischen 17.725 und 26.800 Euro beträgt der Netto-Grundpreis.

Vor allem zum Arbeiten eignet sich das gewohnt funktionale Cockpit der Kastenwagen-Version mit 2,4-Liter-Dieselmotor, 115 PS und geräumigen 9,6 Kubikmetern Ladevolumen, die wir gefahren sind: übersichtliche Armaturen ohne Schnickschnack, in der Mitte eine große Ablage für Lieferpapiere, deren Deckel sich zu einer Arbeits- und Vesperfläche aufklappen lässt. Neben dem voluminösen Handschuhfach sind riesige Getränkehalter angebracht - nicht für Kaffeebecherchen, sondern für 2-Liter-Flaschen. Hier ist der Kurier unter den Kunden König.

Als Minuspunkt fällt allerdings auf, dass die äußeren Armstützen bei Fahrer und Beifahrer fehlen, was auf längeren Fahrten unbequem ist. Hochklappbare Lehnen wären sicher kein hoher Kostenfaktor gewesen. Als weiteres Manko sitzt die Frontscheibe relativ niedrig, so dass Großgewachsene entweder ein von oben leicht eingeschränktes Sichtfeld oder stärker als gewöhnlich geknickte Knie in Kauf nehmen müssen. Gravierendster Nachteil aber, den der Transit mit manch anderen Transportern teilt: Der linke Vorderradkasten ragt so weit in den Fußraum hinein, dass man beim Kuppeln regelmäßig dagegen stößt. Klobige Arbeitsschuhe dürften dieses Hindernis noch vergrößern.

Ein Zündschlüssel, der sich selbst auflädt

Hat man die Kupplung erst einmal gefunden, fährt sich der Transit aber für ein so großes Auto angenehm sanft. Das Herstellerziel, den Transporter so nah wie möglich an einen Pkw heranzubauen, scheint geglückt: Die Schaltung flutscht, die Lenkung reagiert zuverlässig auch auf kleine Kommandos, und bei Regen schaltet man den Heckscheibenwischer an - keine Selbstverständlichkeit bei Kastenwagen.

Auch Fahrkomfort und Sicherheit wurden gesteigert, dank der verbesserten Geräuschdämmung kann man sich im neuen Transit sogar bei 100 km/h noch unterhalten. Neben dem serienmäßigen ABS, EBD und einem Fahrer-Airbag gibt es gegen Aufpreis noch ESP und Beifahrer-Airbags. Auch damit will Ford offenbar versuchen, die Angriffe der Konkurrenz im Transportergeschäft abzuwehren: zum einen die italienisch-französische Kooperation bei den Modellen Fiat Ducato, Peugeot Boxer und Citroën Jumper, zum anderen die Zusammenarbeit bei Mercedes Sprinter und VW Crafter.

Um seine Fangemeinde zu vergrößern, präsentiert der Transit auch gleich noch eine Neuheit: Der Fernbedienungs-Zündschlüssel ist nicht nur wasserdicht, sondern lädt sich beim Fahren auch selbst auf - eine geschickte Lösung für das Problem vieler Kurierfahrer, dass sich die Schlüsselbatterie wegen zahlreicher Stopps unterwegs rasch entlädt. Und weil der Transit ja stärker als jemals zuvor einem Pkw ähneln soll, gibt es ihn jetzt sogar in Metallic-Lackierungen von Polar-Silber bis Salsa-Rot. Ob das bei einem Transporter sinnvoll ist, muss König Kunde entscheiden.



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