Golf II, Baujahr 1990 Verlässliche Klapperkiste

Trotz ständig neuer Modelle, technischer Innovationen und Hochglanzwerbung: Das Durchschnittsalter der deutschen Autos steigt stetig. Immer mehr Menschen fahren ihre Altwagen einfach weiter. SPIEGEL-ONLINE-Leser Rainer Franke berichtet vom Auf und Ab mit einem Klassiker.


Auf deutschen Straßen sind betagte Autos klar in der Mehrheit, das Durchschnittsalter der rund 46 Millionen Pkw liegt bei knapp acht Jahren. So alt war der Fahrzeugpark hierzulande noch nie. SPIEGEL ONLINE testet mithilfe der Leser, wo die Stärken und Schwächen des Altmetalls liegen. Diesmal berichtet Rainer Franke, der in Athen wohnt, von seinem 90 PS starken Automatik-Veteran aus dem Jahr 1990.

Klappert, fährt aber flüssig: Der Golf II Automatik von Rainer Franke
Rainer Franke

Klappert, fährt aber flüssig: Der Golf II Automatik von Rainer Franke

Mein Golf II Monojetronic Automatik, den ich vor zehn Jahren aus erster Hand erworben habe, hat mich in diesen Jahren nicht ein einziges Mal im Stich gelassen. Ich zähle dazu nicht Ausfälle wegen Batterieschwäche, die ich recht häufig erlebe (in den letzten drei Jahren drei Batterien), die aber eindeutig auf die Batterien zurückzuführen sind. Das Auto hat nämlich einen ganz normalen Blindstromverlust, bekommt von mir aber auch die notwendige Pflege.

Der Wagen hat jetzt 185.000 km drauf und braucht im Wesentlichen nur regelmäßige Öl-, Reifen-, Bremsbelag- und Filterwechsel sowie alle 60.000 km einen neuen Zahnriemen. Letzteres ist wichtig, denn es kostet - im Gegensatz zu den neuen VW-Modellen - nicht viel und hält den Motor am Leben. Das macht sich bemerkbar, denn der Motor läuft quasi noch wie am ersten Tag, ohne nennenswerten Ölverbrauch.

Rost ist bei meinem Auto ein Fremdwort. Gut, Rost hat er sicher, aber eben nicht von außen sichtbar. Der einzige Wermutstropfen: Mein Golf ist eine Klapperkiste. Er "zwitschert" und "säuselt" in sämtlichen Bauteilen, aber es fällt deswegen nichts aus - keine Schalter, keine Anzeige. Nur die elektrischen Fensterheber auf der rechten Seite hatten irgendwann das Schütteln satt und resignierten - aber das kriege ich wieder hin. Denn an den Autos dieser Baujahre kann man noch schrauben, ohne gleich den Laptop rausholen zu müssen.

Der Vorbesitzer - ich bin erst Jahre später darauf gekommen - hatte den Wagen von Anfang an mit härteren Federn bestückt - wahrscheinlich ist das der Grund für das Klappern. Außerdem hatte mein Exemplar hinten eine Spurverbreiterung, was schon des Öfteren zu Diskussionen beim TÜV geführt hat, obwohl es korrekt eingetragen ist. Für ein Auto seines Alters liegt mein Golf II unwahrscheinlich gut auf der Strasse - fast schon wie auf Schienen.

Ich habe von Anfang an ein Logbuch über Reparaturen, Ersatzteile etc. geführt, und auch da ist alles im grünen Bereich. Der Wagen hat, wie ich immer wieder feststelle, die gleichen Schwächen und Stärken wie alle Autos seiner Baureihe. Allerdings hat mich jahrelang ein ständiger Wasserverlust beschäftigt. Letztendlich habe ich herausgefunden, dass Büchsen an der Rückwand des Motors, die sich bei einem Gefrieren des Wassers im Motorblock rausdrücken und so verhindern sollen, dass der Motorblock platzt, durchgerostet waren. Das zu beheben war eine recht aufwendige Arbeit, da man dort kaum drankommt. Der Motor ist nach hinten geneigt, und genau dort, zur Spritzwand hin, sitzen die.

Ein Fehler des Autos war besonders interessant: Immer wenn der Motor heiß war und abgestellt wurde, sprang er nicht mehr an. Einmal wollte ich als letzter Wagen auf einen Autoreisezug über eine Rampe in den "zweiten Stock" fahren, und genau in diesem Moment wollte er nicht mehr anspringen. Da kann man sich meine Panik vorstellen. Doch dann hatte einer der Bahnangestellten die Idee, den Wagen anzuschieben, und obwohl ich das angesichts des Automatikgetriebes für sinnlos hielt, stimmte ich genervt zu. Und siehe da: Der Golf sprang ganz normal an, und der Zug konnte mit zirka zehn Minuten Verspätung losfahren. Ich bin den Bahnleuten heute noch dankbar. Tags darauf ging ich zu einem Golf-Fachmann, und der wusste sofort, was Sache war. Er baute eine "Überbrückung" des Anlasserstroms ein - und seither ist das Problem nie wieder aufgetaucht.



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Reziprozität 04.07.2006
1.
---Zitat von sysop--- Der Verkehr auf deutschen Straßen wird von Altwagen dominiert, die fünf, zehn oder mehr Jahre auf dem Buckel haben. Was taugen die betagten Modelle? Was sind Ihre Erfahrungen mit alten Golf-Modellen? ---Zitatende--- Gleich 4(!) neue Threads die sich um alte Autos drehen. Schon bemerkenswert! Meine Erfahrungen mit alten Golf-(Astra-, Autobianchi-, Ford Fiesta-)Modellen ist die: Offenbar gut verarbeitet, die Langlebigkeit spricht dafuer. Malus: Es gibt keine bzw. nur absolut ungenuegende Abgasreinigungstechnologien fuer diese Art von Altstinkern! Ergo: Ab zum Resteverwerter damit!
maribu 04.07.2006
2. bin jetzt verwirrt...
---Zitat von Reziprozität--- Gleich 4(!) neue Threads die sich um alte Autos drehen. Schon bemerkenswert! Meine Erfahrungen mit alten Golf-(Astra-, Autobianchi-, Ford Fiesta-)Modellen ist die: Offenbar gut verarbeitet, die Langlebigkeit spricht dafuer. Malus: Es gibt keine bzw. nur absolut ungenuegende Abgasreinigungstechnologien fuer diese Art von Altstinkern! Ergo: Ab zum Resteverwerter damit! ---Zitatende--- Wieso besteht mein 11 Jahre alter Fiesta dann die ASU? Was ist mit Abgasreinigungstechnologien gemeint? Ist doch kein Diesel der einen Filter braucht.
trabajador5, 04.07.2006
3.
die asu ist nur ein mittel, den konsum anzukurbeln. im prinzip lässt sich ein kat ohne probleme nachrüsten. neue motoren sind nicht viel umweltfreundlicher als alte. im gegenteil, die "modernen" suv's sind viel schlimmer als alles was vorher da war. es gibt immer mehr reiche und immer mehr arme. die reichen fahren immer grössere autos mit immer grösserem verbrauch und die armen immer ältere, bzw. fahren fahrrad und bahn. ich fahre auch rad. mein alter golf wird kaum bewegt. normalerweise könnte ich auch ohne auto auskommen und das macht mich sehr froh und unabhängig. der tüv versucht allerdings jedes jahr mehr, etwas zu finden und deutet jeden dreckspritzer an der bremsleitung gleich als riesen rostfleck und todesrisiko.
treckerfahrn 04.07.2006
4. Extremst zuverlässig
Die Sache mit der Abgasregelung ist so nicht ganz richtig. Sowohl mein letzter Golf II(1992, 1.3l) als auch mein letzter Polo (1985, 1.0l) waren vom jeweiligen Vorbesitzer nachgerüstet worden und kosteten unter 120 Euro im Jahr. Mein 316i momentan kostet locker das Doppelte. Der Golf hatte bei mir zum Schluß über 220000 km geleistet und lief und lief und lief. Kein Klappern, kein Ölverbrauch, leiser Motor, hervorragende Kurvenlage und ein Geradeauslauf, von dem man nur träumen kann. Ich bin mit ihm regelmässig die Strecke Münster-Cottbus gefahren (immerhin 1200 km pro Wochenende) und kam jedesmal zuverlässig und entspannt ans Ziel, mit einer Tankfüllung trotz Vollgasfahrten. Ähnlich der Polo. Dank KAT-Nachrüstung/Abgasrückführung kam ich selbst bei dem alten Vierganggetriebe auf eine Endgeschwindigkeit von fast 170 km/h ohne mich unsicher zu fühlen und ohne, daß es dem Motor irgendetwas auszumachen schien oder er übermässig laut wurde. MIt ein bisschen Motorpflege kann man viel erreichen. An das auf VW-chronische Bremsenquitschen in der Bremstrommel muss man sich gewöhnen, aber ich würde solche Autos, wenn es Sie noch gäbe, jederzeit wieder kaufen. Wer glaubt, ein moderner Motor mit 150 Diesel-PS aus 1,4 l Hubraum (oder ähnlichen Relationen, wie sie jetzt auf den Markt kommen) sei solchen Belastungen gewachsen, ist meiner Meinung nach auf dem Holzweg. Die Drücke, die in solchen Maschinen erzeugt werden, hält selbst die beste Stahl- oder Aluminiumlegierung nicht lange aus. Vieles davon kann man wohl zum Altmetall geben, wenn die 100 000-Marke erstmal ein wenig überschritten ist.
Reziprozität 04.07.2006
5.
---Zitat von maribu--- Wieso besteht mein 11 Jahre alter Fiesta dann die ASU? Was ist mit Abgasreinigungstechnologien gemeint? Ist doch kein Diesel der einen Filter braucht. ---Zitatende--- Hallo maribu, weil Ihr 11 jahre alter Fiesta auch nach Normen geprueft wird, fuer die er ausgelegt ist. Wenn man Ihren Fiesta bspw. unter den Limiten der EURO4 oder EURO5 Abgasvorschriften pruefte, wuerde er die Plakette nicht erhalten, nicht erhalten koennen. Nennt sich Vertrauensschutz, wuerde ich mal sagen... Schoenen Tag noch! &
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