Elektromotorrad Harley-Davidson LiveWire Bye-bye, Knattergreis

Harley-Davidson, Heimat gusseiserner Motorrad-Tradition, erfindet sich neu. Im September 2019 kommt das erste E-Bike der Marke. Der Name des Antriebs ist dabei Programm: Die Maschine ist eine Offenbarung.

Alessio Barbanti

Von Ralf Bielefeldt


Der erste Eindruck: Kompakt! Die LiveWire wirkt schmal wie ein Leichtkraftrad, ist aber spurtstark wie ein Superbike. Wie bei den übrigen Modellen der US-Marke liegt der Design-Fokus auf dem Motor. In diesem Fall plus Akkupack.

Das sagt der Hersteller: "Die LiveWire ist das erste elektrische Motorrad von Harley-Davidson, viele weitere elektrifizierte Zweiräder werden folgen." Matthew Levatich, seit 2015 Chef von Harley-Davidson, meint es ernst mit der E-Mission der Traditionsmarke. Das erstmal irritierend wirkende Manöver folgt einem simplen Kalkül: Auf lange bis mittlere Sicht kann die Heavy-Metal-fixierte Stammkundschaft der Marke kein Wachstum bescheren. Neue Käufergruppen müssen her: jünger, urbaner, technologiebegeisterter.

Mit der LiveWire startet die Easy-Rider-Marke aus Milwaukee ihre strategische Offensive "More Roads to Harley-Davidson". Rund um den Globus will das Unternehmen eine neue Generation von Motorradfahrern mobilisieren. Optisch dürfte das mit der neuen LiveWire gelingen. Das schmale Elektromotorrad gefällt mit langem Radstand (1490 mm), niedriger Sitzhöhe (780 mm) und futuristischer Antriebseinheit. Der mächtige Antriebsakku sitzt als tragendes Element mitten im Motorrad. Mit einer Batteriekapazität von 15,5 kWh ist die Lithium-Ionen-Batterie derzeit der größte Energiespeicher in einem Zweirad.

Direkt darunter residiert der metallfarbene Permanentmagnet-Elektromotor. "HD Revelation" haben die Harley-Strategen ihren neuen Antriebsstrang getauft, zu Deutsch: Offenbarung. Er sieht aus wie ein liegend aufgehängtes Triebwerk. Und hält, was das Design verspricht.

Das ist uns aufgefallen: Knapp drei Sekunden von null auf Tempo 100, keine zwei Sekunden für den Zwischenspurt von 100 auf 130 km/h - leichtfüßiger und geschmeidiger war wohl noch keine Harley unterwegs. Die Kombination E-Power und Riemenantrieb beamt die LiveWire mit gefühlter Warp-Geschwindigkeit durch Zeit und Raum. Das maximale Drehmoment von 117 Nm liegt naturgemäß sofort ab dem leichtesten Dreh am Gasgriff an. Egal bei welcher Geschwindigkeit: Die LiveWire liefert gnadenlos ab, begleitet durch ein jetartiges Antriebsgeräusch, das mit zunehmender Geschwindigkeit anschwillt und sich ansonsten nervenschonend zurückhält.

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Elektromotorrad Harley-Davidson LiveWire: Es hat sich ausgeknattert

"Twist-and-go" nennt Harley-Davidson die Idee hinter dem Antrieb der LiveWire. Gas geben und ab durch die Mitte - simpler kann Motorradfahren nicht sein. Kein Kuppeln, kein Schalten, einfach nur aufs Fahren konzentrieren. Selbst das Bremsen übernimmt die Maschine weitgehend selbst: Je nach Einstellung beziehungsweise Fahrmodus sorgt die konfigurierbare Rekuperation fürs gewünschte Verzögern. Willkommen im Erlebniskosmos der Elektromobilität.

158 Kilometer Reichweite verspricht Harley-Davidson im kombinierten Stadt-/Autobahn-Betrieb, gemessen nach dem World Motorcycle Test Cycle (WMTC). Im reinen Stadtbetrieb sollen es rund 240 km sein, weil dann ein Teil der verbrauchten Energie bei Bremsmanövern durch Rekuperation wieder zurück gewonnen wird. Die reale Reichweite dürfte irgendwo dazwischen liegen, je nach Fahrweise und Witterung, wie bei E-Fahrzeugen üblich.

An der Haushaltssteckdose zieht die LiveWire Strom für rund 20 km Fahrspaß innerhalb von einer Stunde. Das vollständige Laden an einem Schnelllader soll innerhalb von 60 Minuten erledigt sein, 80 Prozent sind nach 40 Minuten drin. Netter Bonus: Zwei Jahre lang dürfen LiveWire-Fahrer kostenlos beim Harley-Dealer Strom laden. Mindestens eine Schnellladestation muss jeder Händler vorhalten, der die LiveWire verkaufen will. 250 Standpunkte sind zum Start im September weltweit dabei, 14 davon in Deutschland.

Das muss man wissen: Technisch ist die LiveWire allen anderen Modellen von Harley-Davidson um Lichtjahre voraus, nicht nur wegen des emissionsfreien Antriebs. Sie verfügt als erstes Motorrad der Marke über eine sogenannte 6-Achsen-IMU (Inertial Measurement Unit). Mittels Beschleunigungs- und Drehratensensoren erfasst die Messeinheit alle Bewegungen der Maschine. Dadurch können die elektronischen Assistenzsysteme bei der Geradeausfahrt und in Schräglage eingreifen. Ein Sicherheitsplus, das im Elektrolager bislang sonst nur die frisch gelaunchte Zero SR/F bietet.

Kurven-ABS mit Überschlagvermeidung, kurvenoptimierte Traktionskontrolle mit Wheelie-Kontrolle sowie Antriebsschlupfregelung bündelt Harley-Davidson im serienmäßigen Assistenzpaket RDRS (Reflex Defensive Rider Systems). Die Security-Armee verhindert unter anderem, dass das Vorderrad ungewollt abhebt oder das Hinterrad durchdreht - auch nicht in Kurven. Wer will, kann die Traktionskontrolle im Stand abschalten - und bei der Fahrt wieder aktivieren.

Das werden wir nicht vergessen: 50 kleine Drehmomentimpulse pro Minute sendet der Revelation-Antrieb aus, sobald die Zündung an ist. Beim Anfahren hört das werksseitige Pulsieren auf, beim Anhalten meldet es sich wieder. Ein Sicherheits-Feature, das bislang nur die E-Harley bietet. "Der Impuls soll den Fahrer daran erinnern, dass die Maschine startklar ist", erklärt Glen Koval, Chefingenieur des Projekts LiveWire. Und vielleicht ein Stück weit auch an die heftigen Vibrationen erinnern, die die Maschinen der Verbrenner-Generationen durch das Kreuz von Fahrerinnen und Fahrer schickten. Anders als ihre Geschwister mit V2-Motor ist die LiveWire an der Ampel nicht zu hören.



insgesamt 112 Beiträge
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mainzelmann62 18.07.2019
1. Alltagstauglichkeit gleich Null
Wenn sich da bei der Reichweite und bei der Ladezeit nicht wesentlich etwas verbessert, bleibt es ein Spielzeug, für Leute , die dami zur Eisdiele fahren. Sowas mache ich per Fahrrad. Ich fahre per Motorrad in Urlaub, da müssen auch ma 600 oder mehr km an einen Tag sein. Das ist mit einer HArley auch nur eingeschränkt möglich. ich rede von 2- 3 Wochen langen Reisen, auch zu zweit. Dazu braucht man mit dem Teil 3 Tage, da ist jede 125 er mit Benzinmotor nützlicher.
mikko11 18.07.2019
2.
Sieht einigermaßen nach Motorrad aus, aber die versprochenen Straßen der Welt können nur ohne Sozia und ohne Gepäck erobert werden.
j.e.r. 18.07.2019
3. Lol
"Technisch ist die LiveWire allen anderen Modellen von Harley-Davidson um Lichtjahre voraus" - das gilt so ziemlich für jedes noch produziert Motorrad ..... . Und Konkurrenzprodukte mit vergleichbaren Leistungen gibt es heute schon - zum halben Preis (Zero), oder ein Drittel billiger (Energica)
strjk 18.07.2019
4. Abgesehen von der Technik
Sorry Leute, aber das Ding ist echt hässlich. Dazu eine Reichweite von 158 km und weitere 20 km nach 1 Stunde laden macht das Konzept für die City interessant aber nicht für eine ausgedehnte Tour. Und wer braucht diese Beschleunigung in der Stadt ? Damit werden sich garantiert viele (vor allem junge Fahrer) übernehmen und das Teil crashen. Hoffentlich wird es für Führerscheinneulinge zu teuer.
bigtwin 18.07.2019
5. Muss man mögen...
Meine Generation (50+) wird sich damit wohl schwer anfreunden können. Als zweites Standbein für Harley-Davidson aber nachvollziehbar. Aber bitte baut auch weiterhin unseren klassischen "Bigtwin" ! Ride on....
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