Harley-Davidson LiveWire im Alltagstest Easy Rider mit Ladehemmung

Ausgerechnet die Traditionsfirma Harley-Davidson bietet als erster großer Hersteller ein Elektromotorrad. Die LiveWire fährt sich hervorragend - doch eine Schwachstelle hat unserem Testfahrer den Schlaf geraubt.
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Harley-Davidson

Ein atemberaubender Sonnenaufgang, doch dazu Rückenschmerzen: Ein Ausflug mit der LiveWire von Harley-Davidson brachte beides - denn er endete in einer quälend langen Nacht an einer Ladesäule. Der Fahrer, er war gestrandet auf einem Parkplatz in Wittenburg (Mecklenburg).

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Auf dem Weg dorthin war die Maschine bereits an mehreren Schnellladesäulen gescheitert - im Gegensatz zu den E-Autos, die dort Strom zapften. Anstatt zurück nach Hamburg zu gleiten, lud sie also von Mitternacht bis sieben Uhr morgens im Schneckentempo neben der geschlossenen Skihalle. Mit der Freiheit des Motorradfahrens hatte die Nacht auf dem Parkplatz wenig zu tun.

Dabei kultiviert Harley-Davidson genau dieses Gefühl gern, wenn auch auf fast altmodische Weise. Wer seine Maschine abholt, den erwarten beim Händler ein Grill-Imbiss auf dem Hof, Ziegelfassade, Adlermotive aus rostigem Metall und viele chromverzierte Motorräder, deren Käufer vermutlich Franz Beckenbauer noch Fußball spielen sahen. Im Ambiente des Harley-Showrooms wirkt die schlicht und um den Akku herum konstruierte LiveWire wie ein Fremdkörper.

Ein Motorrad wie gemacht für den Tesla-Store

Ausgerechnet die Marke, die an der Vergangenheit zu hängen scheint wie keine andere, hat dieses elektrisches Motorrad auf den Markt gebracht. Damit keine Missverständnisse entstehen: Es ist ein wirklich gutes. Wer die Fahrt auf ihm genießt, wird kaum ahnen, dass das Stromtanken einem den Schlaf rauben kann - und warum das so ist.

Das liegt vor allem am Motor, getauft auf den Namen "Revelation" (Offenbarung). Tatsächlich hält er, was sein Name verspricht. Egal in welcher Situation, der Motor liefert. Im Sportmodus schießen die quasi sofort anliegenden 116 Newtonmeter Drehmoment und 78 Kilowatt Spitzenleistung - in alter Währung 106 PS - Bike und Fahrer auf den ersten Metern in eine andere Dimension. Der Permanentmagnet-Synchronmotor schiebt dermaßen an, dass die Augäpfel gefühlt gegen die Schädelrückwand drücken.

In 1,9 Sekunden von knapp 100 auf knapp 130 km/h

Auch zwischen 80 und 130 km/h treibt der Revelation-Motor mächtig voran. Die Werksangabe von 1,9 Sekunden für den Zwischenspurt von 60 Meilen pro Stunde (96,6 km/h) auf 80 Meilen (circa 129 km/h) wirkt glaubwürdig. Die zahlreichen Assistenzsysteme samt Beschleunigungs- und Drehratensensoren halten die Maschine im Zaum, ohne den Fahrer zu bevormunden. Im Sportmodus wird die LiveWire zur Überholmaschine.

So viel Spaß diese Einstellung auch macht, als Fahrmodus der Wahl entpuppt sich nach einigen Kilometern der Ecomodus - der Fahrer ahnt, wie wertvoll jedes Fünkchen Energie am Ende des Tages werden kann. Auch diese Spareinstellung reicht zum Überholen auf der Landstraße, nur wird der Weg am Beschleunigungsgriff länger. Auf den Alleen Mecklenburgs lässt es sich so entspannter dahingleiten. Dass der Wechsel der Fahrmodi etwas fummelig sein kann: geschenkt.

200 Kilometer sind problemlos zu schaffen

Im Stadtverkehr schafft die Harley zwar problemlos mehr als 200 Kilometer. Auf der Autobahn entspricht ein Kilometer Reichweite auf dem Display dagegen nur rund 500 Metern Fahrstrecke, dort ist spätestens nach rund 110 Kilometern Schluss. Bei einer 50:50-Mischung aus Stadtverkehr und Landstraße sind bei entspannter Fahrweise dagegen 200 Kilometer kein Problem, sogar zu zweit.

Doch das Fahren mit Sozia oder Sozius offenbart eine nervige Schwäche der LiveWire. So gut und sportlich die Sitzposition des Fahrers auch gestaltet ist, zu zweit ist die Maschine nur schwer nutzbar. Dafür sind die Fußrasten für Fahrer und Mitfahrer zu nah beieinander, sogar bei Schuhgröße 43 und 39 stoßen Fersen und Fußspitzen ständig aneinander. Gleichzeitig muss sich der Mitfahrer am Fahrer festklammern. Denn statt eines festen Haltegriffs am Heck bietet die sportlich ausgelegte E-Harley nur einen Lederriemen, der vor dem Mitfahrer quer über die Sitzbank gespannt ist. Der Riemen mag als Haltegriff im Rodeosport taugen, eine Lösung für viele Kilometer ist er aber nicht.

Spielerischer Elektrofahrspaß

So nervig solche Schwächen sind - sobald die LiveWire fährt, ist sie geradezu unschlagbar. Das Bike lässt sich spielend in Kurven legen, sogar der nächste Kreisverkehr bringt Vorfreude. Unebenheiten schlucken die Showa-Fahrwerkskomponenten weg. Auf Sound muss der Fahrer dabei in keiner Sekunde verzichten. Bis 100 km/h ist die Maschine gut hörbar - und wirkt trotzdem vergleichsweise leise.

In diesem gelungenen Motorrad steckt jedoch auch eine andere Form der Offenbarung: die Apokalypse. Denn während Harley-Davidson bei Design, Motor und Fahrerlebnis alles richtig gemacht hat, entpuppt sich das Stromtanken als größte Schwäche der LiveWire. Denn sowohl mit dem bei Autos standardmäßigen Typ-2-Anschluss als auch mit der CCS-Schnellladefunktion klappt es unterm Strich erschreckend schlecht.

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Harley-Davidson LiveWire: Zukunft mit Schwachstellen

Foto: Emil Nefzger/ DER SPIEGEL

Erstere Variante hat einen gravierenden Nachteil: Das interne Ladegerät der LiveWire gibt maximal eine Ladeleistung von 1,4 Kilowatt her. Bis der 15,5 Kilowattstunden-Akku voll ist, vergehen etwa zwölf Stunden. Das mitgelieferte Ladegerät passt außerdem nur in normale Schuko-Steckdosen, die es an vielen öffentlichen Säulen nicht gibt.

Schnellladen ist nicht überall möglich

Es gibt bei längeren Touren aber auch eine zweite Option: Den integrierten CCS-Anschluss. Bis der Akku voll ist, vergeht eine Stunde - sofern man eine mit der Maschine kompatible Schnellladesäule findet.

Falls nicht, bleibt man auf der Strecke. Deshalb endete der Ausflug von Hamburg nach Wismar in einer Lade-Odyssee. Zwar gibt es in Wismar CCS-Ladesäulen verschiedener Anbieter. Mit den meisten E-Autos wäre man dort auf der sicheren Seite. Beide quittierten jeden Ladeversuch aber mit Fehlermeldungen. Motorrad und Ladesäule waren nicht kompatibel. So blieb nur das endlos langsame Stromtanken über den Typ-2-Anschluss, um noch ins 60 Kilometer entfernte Wittenburg zu kommen, wo CCS-Säulen dreier anderer Anbieter stehen.

Zwölf statt drei Stunden Heimfahrt

Die erste entpuppte sich nach mehreren Versuchen und einem Anruf beim Anbieter als defekt, die zweite war im Wartungsmodus. Und die dritte wollte die LiveWire ebenfalls nicht schnellladen. Also musste die quälend langsame Typ-2-Verbindung ran. Sie verhinderte immerhin den Super-GAU bei neun Kilometern Restreichweite. Statt drei Stunden dauerte die Heimfahrt durch die extrem lange Ladepause indes derer zwölf, inklusive der Nacht auf dem gespenstisch leeren Parkplatz.

Am nächsten Tag stellte die LiveWire an einer weiteren Säule dann doch noch unter Beweis, dass sie schnellladefähig ist - nur kam es dann nicht mehr darauf an. Wirkliche Transparenz, wo das Schnellladen mit Ausnahme der Säulen bei Harley-Händlern funktioniert, gibt es nicht - auch die zugehörige App hilft dabei nicht.

Laut Hersteller handelt es sich beim Schnellladeproblem um eine Kinderkrankheit. Das Unternehmen arbeite mit Hochdruck daran, das Motorrad mit weiteren Ladesäulen kompatibel zu machen.

Bis das gelungen ist, bleiben wohl nur zwei Optionen: Unterwegs Hotels buchen oder warten, bis mehr Schnellladesäulen mit der Maschine kompatibel sind. Derweil ist der Tourenradius der Maschine mancherorts auf rund 90 Kilometer begrenzt.

Für kurze Landstraßenausfahrten und einen Stopp in der Eisdiele ist die LiveWire jedoch perfekt. Denn sie fährt nicht nur extrem gut, der fehlende Sound verschafft ihr jede Menge Aufmerksamkeit - und eher ungewohnten Kontakt mit der Polizei. So ließ ein Beamter an der Ampel das Fenster zum kurzen Plausch über die Maschine herunter, nur um an der nächsten Ampel noch ein paar weitere Fragen zu stellen.

Insgesamt elf Leute fingen an drei Tagen Gespräche über das Motorrad an, interessierte Blicke zu zählen, wäre ein hoffnungsloses Unterfangen. Ob diese Aufmerksamkeit, das sensationelle Fahrerlebnis und der perfekte Auftritt an der Eisdiele 32.165 Euro und bis dato Ärger an der Ladesäule wert sind, muss am Ende jeder selbst wissen.

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