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Autogramm Honda Civic Type R: Wie im Zeitraffer

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Autogramm Honda Civic Type R Peinlich? Nein, ehrlich

Im Wettrennen der aufgebrezelten Kompaktwagen ist der neue Honda Civic Type R am konsequentesten. Sein üppiges Flügelwerk spottet dem Understatement, und er fährt, wie er aussieht - nämlich einen Rekord auf der Nordschleife.

Der erste Eindruck: Weiß wie die Unschuld - von wegen. Erstens ist der Lack nicht einfach nur weiß, sondern "Championship White". Und zweitens sieht der Type R mit Schwellern, Schürzen und Spoilern aus, als käme er vom Kampfstern Galactica. Aber auffallen schadet ja nicht bei einer Marke, die zuletzt etwas in Vergessenheit geraten ist.

Das sagt der Hersteller: 7 Minuten, 50 Sekunden und 63 Hundertstel: Mehr muss Honda-Projektleiter Hasayuki Yagi eigentlich gar nicht sagen, um den Civic Type R allumfassend zu beschreiben. Denn das ist die Rundenzeit auf der Nordschleife des Nürburgrings, und Kenner wissen bei dieser Angabe, dass der Wagen damit der aktuell schnellste Fronttriebler aus der Kompaktklasse ist. Kein Konkurrenzmodell schaffte die Eifelrunde bislang schneller.

Das ist uns aufgefallen: Peinlich? Nein, das Auto ist einfach ehrlich! Denn es fährt genauso, wie es aussieht: ungezügelt und außergewöhnlich. Während andere kompakte Kraftmeier wie etwa der VW Golf R wirken, als hätten sie ein notorisch schlechtes Gewissen und wollten nur ja kein Aufsehen erregen, steht der Type R zu seinem Leistungsvermögen und versucht gar nicht erst zu vertuschen, dass er nur zu einem Zweck gebaut wurde: sehr schnell zu fahren.

Dies wiederum beherrscht der Honda mit einer Perfektion, die man der zuletzt eher blutleeren Marke gar nicht mehr zugetraut hatte. Und das, obwohl hier ein Fronttriebler mit Turbomotor antritt - beide Attribute gelten unter Sportwagenfans nicht gerade als Pulsbeschleuniger.

Doch der Civic Type R beweist eindrucksvoll das Gegenteil. Der Zwei-Liter-Vierzylindermotor mit 310 PS setzt bereits bei 2500 Touren das maximale Drehmoment von 400 Nm frei. Von 0 auf 100 beschleunigt das Auto in 5,7 Sekunden, die Höchstgeschwindigkeit liegt bei 270 km/h. Was uns darüber hinaus richtig gut gefiel, sind die extrem kurzen Schaltwege und die herausragende Straßenlage.

Letztere ist so gut, dass man in den zur Absenkung des Schwerpunktes extra flach gestalteten Sportsitzen immer und immer wieder durch die gleiche Kurvenpassage jagen möchte, um auszuprobieren, ob man auf dem Laptimer der Bordcomputers nicht noch ein paar Zehntel gutmachen kann.

Zu allem Überfluss gibt es noch eine zweite Eskalationsstufe in Sachen Rasanz. Dazu wird der Knopf links neben dem Lenkrad gedrückt und damit der "R-Mode" aktiviert. Dann spielt die Bordelektronik für Lenkung, Motorsteuerung und Fahrwerksregelung das Setup der Nordschleifen-Raserei ein und lässt den Civic Type R nochmals bissiger werden. Dass dabei zugleich der ganze Innenraum rot zu glühen scheint, ist ein nettes Gimmick, aber eigentlich ziemlich überflüssig. Man spürt den R-Mode so deutlich, dass man ihn nicht auch noch sehen muss.

Das muss man wissen: Dass der Civic Type R so fährt, wie er aussieht, verdankt er einer Schar detailverliebter Ingenieure um Projektleiter Yagi, die es nicht beim Chiptuning belassen haben. Der Turbolader zum Beispiel hat ein besonders kleines und leichtes und deshalb extrem schnelles Schaufelrad und nutzt ein elektrisches Wastegate-Ventil. Damit lasse sich der Druck sensibler steuern, erläutert Yagi.

Die Hinterachse stammt aus dem WTCC-Rennwagen. Vorne kommt eine neue Doppelachsenaufhängung zum Einsatz, die das noch immer deutlich spürbare Zerren im Lenkrad gegenüber dem Serienmodell merklich reduziert; außerdem sind die Stoßdämpfer reihum mit elektrischen Ventilen zur Öldrucksteuerung ausgestattet. Der Effekt: Beim Beschleunigen wird der Wagen vorn ein wenig angehoben und beim Bremsen abgesenkt, um stets maximalen Grip zu gewährleisten.

Um die Karosserie möglichst steif zu machen, wurden einige Karosseriebleche nicht verschweißt, sondern geklebt - was nebenbei auch noch viereinhalb Kilo Gewicht sparte. Dazu erhielt der Wagen eine ausgefeilte Aerodynamik mit großem Heckflügel und glattem Unterboden.

All das hat seinen Preis: 34.000 Euro kostet der ab September für den verfügbare Civic Type R. Das sind zwar 6000 Euro weniger als ein VW Golf R und 1500 Euro weniger als ein Opel Astra OPC kostet, ist aber eben auch der exakt doppelte Preis des Basismodells mit 100 PS. Den Verkaufserfolg wird das nicht schmälern, zumal für den deutschen Markt pro Jahr ohnehin lediglich 600 Autos verfügbar sind.

Neben der technischen Vorlesung hat Projektleiter Yagi auch noch eine Geschichtslektion parat: Denn der Type R sei nicht aus einer Laune heraus geboren, sondern stehe in einer langen Tradition. Deshalb trägt er ein rotes Honda-Logo im Kühlergrill - eine Art Sportabzeichen, weil es auch an jenem Rennwagen angebracht war, mit dem Honda als erster japanischer Hersteller 1965 in Mexiko ein Formel-1-Rennen gewann. Und seit 1992 schmückt das rote H etliche Type R-Varianten.

Das werden wir nicht vergessen: Selten war die blitzende Schaltanzeige so hilfreich wie in diesem Auto. Der Turbomotor dreht nämlich derart schnell hoch, dass man das Aggregat fast ständig am Limit bewegt. Einen anderen Hinweis hätten sich die Honda-Leute dagegen sparen können: die Kollisionswarnung. Die reagiert übersensibel, schon bei einer entspannten Fahrt fiept es ständig. Da fehlt es an Konsequenz. Wer ein so offensives Auto baut, sollte sich nicht plötzlich verschreckt als Defensivkünstler aufspielen.

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