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Husqvarna Nuda 900: Zurück auf die Straße

Husqvarna Nuda 900 Kräftiger Bayer mit italienischer Eleganz

Husqvarna baut nach langer Pause wieder Straßenmotorräder. Die Nuda 900 aus Varese schafft mit bewährter BMW-Technik und jugendlichem Design den Spagat: sportlich wie ein Supermotorrad, aber durchweg alltagstauglich. Wer jedoch mit der Maschine länger unterwegs ist, spürt die ganze Härte.

Die besten Tester für neue Motorräder sind immer noch die Pensionäre in Italien. Die Signori sitzen in der Herbstsonne vor ihrem Stammcafes und sind, obwohl müde auf einen knorrigen Stock gebeugt, im Kopf hellwach. Wie es sich für alt gediente Sachverständige in der Motorsportnation Italien gehört, quittieren sie interessante Maschinen mit freundlichem Nicken oder einem anerkennenden Handgruß.

Die Husqvarna Nuda 900, mit der SPIEGEL ONLINE in Sardinien in den Dörfern unterwegs war, dürfte kaum Schwierigkeiten haben, sich das Wohlwollen der heimischen Experten schnell zu erobern: Die erste Straßenmaschine der Vareser Sport- und Offroad-Spezialisten flaniert auf langer Gabel in elegantem, rot-weißem Gewand, mit schmaler Hüfte zwischen ausladendem Oberbau und knackiger Sitzbank. Die Husqvarna-Designer haben mit der Nuda ("Die Nackte") ein gelungenes Verwirrspiel inszeniert: ein Motorrad irgendwo zwischen aggressiver Supermoto und alltagstauglichem Naked Bike; eine Gattung bisher ohne Namen, aber definitiv italienisch. Bayrische Ingenieurskunst, italienische Sportgene

Die Basis sowohl der Nuda 900 als auch der 900 R ist der bei BMW verwendete wassergekühlte Zweizylinder-Motor aus der F800 mit einem Sechsganggetriebe. Doch ist das Aggregat in dem italienischen Newcomer nicht wieder zu erkennen. So haben die Ingenieure etwa mit größerer Bohrung und längerem Hub das Volumen der Brennkammern auf 898 Kubik gesteigert. Damit hat sich der Charakter des zuverlässigen, aber kreuzbraven Motors völlig verändert. Der Nuda-Antrieb wirkt wie befreit, er röchelt böse und hängt sprungbereit und willig am Gas. Schon ab niedrigen Drehzahlen machen maximal 100 Newtonmeter richtig Dampf und ab 4500 Umdrehungen geht regelrecht die Post ab.

Handlich aber unkomfortabel

Auch bei anderen Komponenten haben die Husqvarna-Konstrukteure auf den bewährten Münchener Fundus zurückgreifen können. Das Fahrwerk mit dem Gitterrohrrahmen ist kürzer und leicht modifiziert, aber stammt ebenfalls aus der F800 wie die Felgen. Sie werden bei der Nuda 900 vorne von einer langen Upside-Down-Gabel geführt, die die gefederten Massen reduziert und eine feinnervigere Abstimmung ermöglicht; bei der R-Ausführung ist sie darüber hinaus voll einstellbar.

Von Hause aus Husqvarna - sportlich, agil - ist dagegen das Fahrverhalten der beiden Nuda, unabhängig von den elektronischen Fahrmodi Normal und Regen. Obwohl die Supermoto-Gene jederzeit zu spüren sind und die Maschinen mit fast 90 Zentimeter Sitzhöhe sehr hoch bauen, ist die Nuda über den breiten Lenker leicht und präzise zu führen. Ob auf engen Serpentinenstrecken oder auf lang gezogenen Rennstreckenkurven, die Nuda ist extrem handlich und gleichzeitig sehr stabil in der Spur.

Den Preis für das agile Handling zahlt der Fahrer beim Fahrkomfort. Die ersten 100 Kilometer ist die Sitzhaltung noch optimal, aber danach macht sich das schmale Supermoto-Sitzpolster unangenehm bemerkbar: Die zusätzlich angebotene Tourenausstattung mit Tankrucksack, Koffern und Windschild stimmt sehr optimistisch, fällt aber gegenüber den Konkurrenz, etwa der KTM 990 SMT, deutlich ab.

Was fehlt? Für den deutschen Markt sicher ein ABS. Dass es bei beiden Modellen, die ab Ende des Jahres bei den Händlern stehen sollen, nicht an Bord ist, ist dem Einstiegspreis von 9990 Euro (Nuda 900 R 11.590 Euro) geschuldet; in dem kleinen, aber sehr übersichtlichen, digitalen Cockpit ist es jedoch für künftige Versionen bereits vorgesehen.

Mach mir den Mini

Für Husqvarna sind Straßenmotorräder kein Neuland: Seit 1903 und schon vor Harley-Davidson wurden in Schweden Straßenmaschinen gebaut. Mit Siegen bei Rundstreckenrennen und später mit Geländemotorrädern, die auch Ikonen wie Steve McQueen liebten, erreichte man Kultstatus - bevor der Niedergang begann. Vor wenigen Jahren war Husqvarna nach mehrfachem Besitzerwechsel praktisch tot.

Seit BMW im Oktober 2007 die kläglichen Reste von Husqvarna von der italienischen Castiglioni-Familie übernommen hat, hat die Münchner Gruppe mit einer langfristigen Strategie einen dreistelligen Millionen-Betrag in die Marke investiert. Bei BMW selbst wurde die Entwicklung von kleinen Sportmotorrädern, die man ein paar Jahre verfolgt hatte, auf Null gefahren. Im italienischen Werk wurde dagegen eine neue Fertigung gebaut; viele BMWler aus dem ehemaligen Formel1-Team arbeiten heute in Varese in der Entwicklung. Husqvarna ist die neue, jugendliche Sportmarke der BMW-Gruppe; prestigeträchtige Rennen wie die Rallye Dakar werden ab 2012 nicht mehr unter blau-weißer Flagge, sondern in Husqvarna-Rot-Weiß gefahren.

Klaus Allisat, Chef von Husqvarna, erklärt die Zukunft so: "Zur Zeit ist Husqvarna nur im Offroad- und Geländesport und bei den Supermotos ein starker Name. Sicher wollen wir in diesem Bereich mehr Maschinen verkaufen und uns technisch an die Spitze setzen, aber das Sportsegment macht nur rund zehn Prozent des Motorradmarktes aus."

Um die enormen Investitionen wieder einspielen zu können, muss Husqvarna zwangsläufig zurück auf die Straße und sich einen eigenen Nischenmarkt erobern. Und den Erfolg des Minis wiederholen: Auch bei den herunter gewirtschafteten Briten hat die Synthese von bayrischer Qualität und Fertigungserfahrung mit einer Kultmarke für eine brillante Erfolgsstory gesorgt.

Mit der Nuda ist Husqvarna auf einem guten Weg, der Mini für BMW Motorrad zu werden. Hätte man mich allerdings vorher gefragt, wären die beiden Nuda-Modelle deutlich unterschiedlicher ausgefallen: die 900 mit bequemerer Sitzbank auch für Sozia und praktischerer Reiseausrüstung, die 900 R als noch radikaleres Spaßgerät.

Fragte man allerdings die italienischen Rentner und Sachverständigen, wäre die Antwort in beiden Fällen klar: "Che Bella Macchina!"

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