Autogramm Jaguar E-Type Zero Die Katze surrt

Der Trend zu Elektroautos treibt seltsame Blüten. So baut Jaguar den Sportwagen-Klassiker E-Type zum E-Renner um. Dabei verliert der Oldtimer mehr als nur den Sechszylindermotor.

Tom Grünweg

Der erste Eindruck: Finden Sie den Fehler! Den Jaguar E-Type Zero und das Original E-Type betrachtet man wie diese Suchbilderpaare, auf denen zehn Unterschiede versteckt sind. Allerdings sind es in diesem Fall nur zwei. Am umgebauten Wagen flimmern vorn LED-Scheinwerfer, und hinten fehlt der Auspuff. Mehr zu verändern an einem Auto, das selbst Konkurrent Enzo Ferrari "schönsten Sportwagen der Welt" bezeichnete, wäre wohl auch Sünde.

Das sagt der Hersteller: Der elektrische E-Type ist für hartgesottene Fans eine Provokation - das weiß Tim Hannig, Chef der Klassik-Sparte bei Jaguar. Schließlich zahlen die Liebhaber sechsstellige Summen für das Original. Doch Hannig weiß auch, dass es jenseits der Besucher klassischer Treffen wie Mille Miglia, Goodwood oder Pebble Beach eine neue Generation von Oldtimer-Fans gibt, die sich nicht um Originalität scheren. Die wollen einfach ein cooles Auto ohne viel Aufwand bei Wartung und Pflege, wollen einsteigen, losfahren und sich nicht über Ölflecken auf dem Garagenboden ärgern. Solche Kunden hatte Hannig im Sinn, als er das Projekt vor zwei Jahren anstieß. Nachdem Kollegen lautstark daran zweifelten, wusste er, dass es nicht leicht werden würde. Eher aus Neugier und technischer Faszination wurde dann aber doch ein Prototyp gebaut, der dann alles geändert habe. Hannig: "Wer das Auto einmal gefahren ist, hat an dem Konzept keine Zweifel mehr."

Tom Grünweg

Das ist uns aufgefallen: Die Türen sind eng, die Sitze winzig, und der Fußraum wird ab Schuhgröße 39 unkomfortabel. Eigentlich alles wie immer im Jaguar E -Type. Doch schon der Blick nach vorn macht skeptisch. Denn hinter dem spindeldürren Lenkrad flimmern digitale Instrumente. Drumherum sitzt die Armaturentafel aus Karbon, in der ein großer Touchscreen prangt. Darunter lädt kabellos das Smartphone, und dort, wo beim Original ein dünner Schaltknauf zum Kampf mit den Gesetzen der (Getriebe-) Physik aufforderte, sitzt jetzt ein Drehschalter, wie er aus dem Range Rover bekannt ist.

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Autogramm Jaguar E-Type Zero: Und hinten fehlt der Auspuff

Wer den auf "D" stellt und den rechten Fuß senkt, kommt vollends durcheinander. Einerseits ist es gespenstisch, wenn sich ein Oldtimer, der in der früheren Version lärmte, stank und vibrierte, so geräuschlos und sanft in Bewegung setzt wie ein ICE. Auf der anderen Seite fühlt sich der E-Type dabei dennoch vertraut an. Er ist schnell wie das Original und ebenso handlich. Mit seinen dünnen Reifen folgt er noch immer jeder kleinen Furche in der Fahrbahn, so dass der Fahrer ständig den Kurs korrigieren muss.

Vor allem fehlt diesem E-Renner die übliche Schwere von Akkuautos. Normalerweise kompensiert das hohe Drehmoment der E-Maschinen die Masse zwar beim Anfahren, in den Kurven aber nicht. Der elektrische E-Type dagegen wiegt nicht einmal 1,4 Tonnen und fährt sich deshalb fast schon federleicht. Und dass man sich dabei nicht auf elektronische Assistenzsysteme verlassen kann, macht die Sache dann fast schon wieder authentisch. Ähnlich wie die antiquierten Bremsen, die für einen gewissen Nervenkitzel sorgen.

Aber selbst wenn es selten so einfach war, einen mehr als fünfzig Jahre alten Sportwagen zu fahren, und man weder mit der Kupplung hadern noch nach dem Ölstand schauen muss, verliert der E-Type beim Umbau mehr als seinen Auspuff. Denn mit den Emissionen büßt er auch Emotionen ein. Ja, das Auto ist schnell, und man spürt noch immer den Fahrtwind. Aber ohne den Sound des Sechszylindermotors, ohne die Vibrationen, die durch Mark und Bein gehen, und ohne den Geruch von heißem Öl und unverbranntem Benzin kann man auch gleich Tesla Roadster fahren - der ja auch fast schon ein Oldtimer ist.

Das muss man wissen: Der Umbau zum Elektroauto dauert lediglich 80 Stunden und ist für die Klassiksparte ein Kinderspiel. Hannigs Team kann für den spektakulär inszenierten Powerpack einfach ins Teileregal greifen. So stammt die E-Maschine aus dem Jaguar i-Pace und der Akku aus dem Range Rover Plug-in-Hybrid. Im E-Type bedeutet das knapp 258 PS Leistung, die einen Sprint von 0 auf 100 in deutlich unter sechs Sekunden ermöglichen und ein Spitzentempo von 180 km/h. Mit der Akku-Kapazität von 40 kWh kommt man bis zu 320 Kilometer weit. "Da zahlt es sich aus, dass der E-Type so leicht ist und es damals noch keine Extras gab, die Strom verbrauchen", sagt Hannig.

Zu einem elektrischen E-Type kann man auf zwei Wegen gelangen: Entweder bringt man sein eigenes Auto nach England und bucht für etwa 70.000 Euro die entsprechende Antriebstransplantation. Oder man kauft bei Jaguar ein frisch restauriertes und auf E-Antrieb umgerüstetes Komplett-Fahrzeug, das dann aber bis zu 300.000 Euro kosten kann. An diesem Punkt beeilt sich Hannig mit einer Beschwichtigung für alle Puristen: "Natürlich werden dafür keine erhaltenswürdigen Autos geopfert." Sondern von den insgesamt etwa 70.000 produzierten E-Type seien insbesondere in den USA über die Jahre extrem viele Autos zu Rennwagen umgebaut und mit V8-Motoren von Ford oder Chevrolet, teils sogar mit Automatikgetrieben ausgestattet worden. "Solche Autos wären für den Sammlermarkt ohnehin verloren", sagt Hannig und freut sich, dass sie so noch einmal ein neues Leben bekommen.

Restlos überzeugt von der Elektrifizierung ist jedoch selbst Hannig offenbar nicht. Deshalb lagert Jaguar bei den Kundenautos, die zur Umrüstung gebracht werden, den Originalantrieb ein. Zudem ist der Umbau so konzipiert, dass der Wagen keinen bleibenden Schaden nimmt und auch wieder zurück gerüstet werden kann.

Das werden wir nicht vergessen: Den winzigen Schlüssel, den man nur schwer ins hakelige Schloss bekommt. Auch in diesem Detail ist ein bisschen alte Welt im neuen E-Type erhalten geblieben. Ein Startknopf für die Smartphone-App wäre auch wirklich ein Sakrileg.

Fahrzeugschein
Hersteller: Jaguar Classic
Typ: E-Type Zero
Karosserie: Roadster
Motor: Elektromotor
Getriebe: Eingang-Automatik
Antrieb: Heck
Leistung (E-Motor): 258 PS (190 kW)
Drehmoment (E-Motor): 450 Nm
Von 0 auf 100: 6,9 s
Höchstgeschw.: 180 km/h
CO2-Ausstoß: 0 g/km
Gewicht: 1.390 kg
Maße: 4450 / 1660 / 1220
Preis: 300.000 EUR
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insgesamt 22 Beiträge
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Seite 1
fehleinschätzung 01.11.2018
1. statt CO2 Ausstoß könnten Sie
vielleicht in der Zukunft den Verbrauch in kWh/100km angeben. Eine Kapazität des Akkus von 40kWh ist nur knapp die Hälfte von dem, was andere Hersteller bei gleicher Reichweite zu Ihren Autos angeben. Danke
ManRai 01.11.2018
2. Im Autoquartett war der E immer ein Hit
Höchstgeschwindigkeit 240 km/h - was ist aus dem E und seinem Sound geworden als er zum EE mutierte, fuer mich reine Spinnerei und der Ikone nicht würdig
felisconcolor 01.11.2018
3. Der E-Type
war auch für mich immer ein Traumwagen. Wenn ich mal einen auf der Strasse sehe gibts Schnappatmung und Herzklabastern. Im Original mit Sight und Sound immer noch unerreicht in dem Segment. Aber verdammt nochmal warum nicht auch elektrisch. Tesla hat vorgemacht was man aus einer Elise machen kann und das hat mir auch sehr gut gefallen. Elektroautos müssen nicht immer spacig und wie aus dem Ü-Ei gefallen aussehen. Gerade die alten Formen würde sicher etwas dazu beitragen die Elektromobilität zu pushen. Denn seinen wir mal ehrlich mehr als zwei Kasten Wasser passen in die meisten Elektroautos auch heute noch nicht rein. Also was solls. Bringt die Klassiker mit modernem Innenleben wieder auf die Strasse. Und zum Sound... Sollen ja demnächst sowieso alle E-Autos wieder klingen wie annodunnemals. Dann kommt der Sound des Sechszylinder eben aus dem Soundmodul. Ach ja und den Auspuff hätte ich persönlich auch dran gelassen. Allein der Ansicht wegen
chrismuc2011 01.11.2018
4.
Ein Starterknopf für den elektrischen E-Type wäre kein Sakrileg, den hatte der E-Type serienmäßig, Allerdings ohne BlingBling, sondern in schwarzem Bakelit.
AGCH 01.11.2018
5.
Schade, dass man nicht das klassische Cockpit weiterverwendet hat. Carbon und Display passt einfach nicht zum Rest. Den Schalthebel hätte man ja für die Fahrtrichtungswahl weiter verwenden können, die meisten Schalter hätten ja die gleiche Funktion (Licht, Lüftung) wie vorher, die Tankanzeige könnte die Restkapazität des Akkus anzeigen,...
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