Jaguar X-Type Abstieg in den Massenmarkt

Jaguar, die britische Nobelmarke in Händen des Ford-Konzerns, soll zum Massenhersteller umfunktioniert werden. Das Vehikel dazu ist die Limousine X-Type, die beim Genfer Automobilsalon (1. bis 11. März) Weltpremiere feiert.


Üblicherweise streben Autohersteller nach Modellen mit größtmöglicher Exklusivität. VW zum Beispiel, auf dem Markt der kleinen und mittelgroßen Fahrzeuge tonangebend, möchte unbedingt auch im Konzert der Edelkarossen mitspielen.

Jaguar X-Type: Ab Juni im Handel
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Jaguar X-Type: Ab Juni im Handel

Das Produkt dazu trägt bislang noch den Namen D1 und soll im kommenden Jahr präsentiert werden. Jaguar ist, verglichen mit dieser Strategie, ein Geisterfahrer: Die Briten, allseits bekannt als Hersteller sportlicher und luxuriöser Fahrzeuge für Menschen mit großem Investitionspotenzial, wollen endlich große Kasse machen - mit Masse.

Natürlich sollen die Autos dennoch möglichst fein und edel bleiben, doch das eigentliche Ziel ist, in Großbritannien zum führenden Autohersteller aufzusteigen (derzeit hält Nissan diese Position) und Fahrzeuge für ein breiteres Publikum zu fabrizieren.

Wie etwa den X-Type, auch bekannt unter dem Kosenamen "Baby-Jag". In Genf feiert der bislang kleinste Jaguar seine Weltpremiere, ab 1. Juni wird er verkauft. Genaue Preisauskünfte gibt es zwar noch nicht, doch dürften rund 60.000 Mark für das Basismodell ein guter Richtwert sein. Mit dem Auto möchte Jaguar im Revier von Mercedes C-Klasse, BMW 3er und Audi A4 wildern. Marketing-Direktor Phil Cazaly sagt: "Wir erwarten, dass der X-Type eine beträchtliche Zahl neuer, vorwiegend jüngerer Kunden anziehen wird, die einen Jaguar bislang für ein unerschwingliches oder nicht zu ihrem aktiven Lebensstil passendes Fahrzeug hielten."

Im Visier haben die Verkaufsstrategen vor allem "Frauen und Firmenwagenkunden". Es gelte, heißt es bei Jaguar, "vorhandene Denkmuster in Verbindung mit Jaguar aufzubrechen". Das wird zwangsläufig der Fall sein, denn im Grunde basiert der Wagen auf dem Ford Mondeo. 20 Prozent der Teile beider Fahrzeuge sind identisch - für Jaguar bedeutet dies eine kleine Revolution. Denn natürlich soll auf keinen Fall der Eindruck entstehen, es handle sich beim X-Type um eine Art Ford im Dreiteiler.

Also gibt es die volle Breitseite an Hightech in dieser Klasse: Grundsätzlich ist der "Baby-Jag" mit Allradantrieb (40 Prozent Front-, 60 Prozent Hinterachse) ausgestattet, grundsätzlich ist er nur mit V6-Motoren zu haben. Der kleinere der beiden Sechszylinder hat 2,5 Liter Hubraum, leistet 196 PS (144 kW) und schluckt nach Werksangaben im Schnitt 9,6 Liter je 100 Kilometer. Das größere 3-Liter-Triebwerk leistet 231 PS (169 kW) und verbraucht im Durchschnitt 10,3 Liter Superbenzin je 100 Kilometer. Die Höchstgeschwindigkeit gibt Jaguar mit 224 und 234 km/h an, bei den Versionen mit Fünfgang-Automatik (aufpreispflichtig) liegen das Toptempo geringfügig niedriger und der Verbrauch etwas höher.

Der 4,67 Meter lange Wagen ist durchaus klassisch designt und auf den ersten Blick als Jaguar erkennbar. Vor allem die Frontpartie mit den vier Scheinwerfer-Ellipsen und dem breitgezogenen, zweiteiligen Kühlergrill sieht aus, als sei die Zeit seit Entstehen der XJ-Serie stehen geblieben. Die Formen wurden nur behutsam modernisiert, auch im Innenraum herrscht das gewohnte Ambiente mit Vogelaugenahorn-Applikationen, gedeckten Stoffen oder Leder.

Neben der Basisausstattung gibt es auch die üppiger bestückte Version Executive und eine Sport-Variante mit 17-Zoll-Rädern (sonst 16 Zoll), straffer abgestimmten Fahrwerk und allerlei Sportlichkeit heißenden Details. Wer mag, kann sich den X-Type zum "Multimedia-Auto" hochrüsten. Dann wird ein groß dimensionierter Touchscreen in die Mitte des Armaturenbretts eingepflanzt, über den sich die 120-Watt-Audioanlage (serienmäßig), die Klimaautomatik (serienmäßig) und Extras wie Navigationssystem, Autotelefon oder Bordfernsehen steuern lassen.

Wer sich seine Sicherheit ein wenig extra kosten lassen möchte, kann das sogenannte Jaguar-Net ordern: Dabei handelt es sich um ein System, das im Falle einer Airbag-Auslösung automatisch einen Notruf absetzt, durch den Polizei, Feuerwehr und Notarzt alarmiert werden.

Dass die Entwickler auch an die Alltagstauglichkeit des Fahrzeugs gedacht haben, zeigt der 452 Liter fassende Kofferraum. So groß war noch nie ein Jaguar-Gepäckabteil. Und dass die Rücksitzlehne asymmetrisch geteilt ist und geklappt werden kann, spricht auch für die Ernsthaftigkeit des Unterfangens, einen Jaguar für "Ein-bisschen-Besserverdienende" zu bauen. 100.000 X-Type-Exemplare sollen pro Jahr im aufwendig modernisierten Werk in Halewood gebaut werden. Für die Marketing-Experten gibt es also noch eine Menge Arbeit.



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