Jaguar XF Muskeln in Nadelstreifen

Mit der Limousine XF sollte bei Jaguar eine neue Zeitrechnung beginnen. Der Hersteller will mit dem schnittigen Wagen die deutschen Premium-Autobauer herausfordern. SPIEGEL ONLINE fuhr jetzt die V8-Top-Variante und erlebte Überraschendes.


Immer wieder sind da Fingerabdrücke auf den Seitenscheiben. Wenn man Glück hat und sich dem Auto vorsichtig nähert, kann man manchmal auch die Urheber sehen. Es sind immer Männer, die mit den Händen eine Art Schirm bilden und dann dem Wagen aufs Glas rücken. Sie wollen offenbar mal gucken, wie es drinnen so aussieht. Nun, vielleicht sind sie enttäuscht beim Blick in den Jaguar XF. Klar herrscht im Innenraum der Luxus-Dreiklang Holz-Leder-Aluminium vor, aber allzu viele Details gibt es nicht zu bewundern. Denn die offenbart das Auto erst, wenn der rechtmäßige Besitzer einsteigt.

Es ist immer wieder ein kleines Spektakel, wenn man in den XF schlüpft und den rot pulsierenden Startknopf in der Mittelkonsole drückt. Dann nämlich kommt buchstäblich Leben ins Mobil, das sich bislang rund 1500-mal verkaufte: Die eisblaue Cockpitbeleuchtung schimmert auf, die zuvor geschlossenen Lüftungsdüsen vollführen einen Salto und öffnen sich, und knapp unterhalb des Startknopfs surrt der kreisrunde Regler der Sechsgang-Automatik nach oben. Jaguar-Drive-Selector heißt das Ding offiziell, und wenn es auf "D" gedreht wird, kann's losgehen.

Das tut es dann vehement. Wie auch nicht anders zu erwarten im Top-Modell der XF-Baureihe mit einem 4,2-Liter-V8-Kompressormotor und 416 PS. Das ohnehin schon überbordende Leistungsvermögen lässt sich durch die Drehknopfstellung "S" und den Druck auf die Dynamiktaste, die mit einer kleinen Zielflagge verziert ist, noch steigern. Wenn es ernst wird, sticht das gut 1,8 Tonnen schwere Auto in 5,4 Sekunden auf Tempo 100; und die Höchstgeschwindigkeit wäre wohl deutlich höher, wenn nicht bei 250 km/h die Motorelektronik dazwischenfahren würde.

Der Preis für die luxuriöse Raserei ist allerdings immens. 12,6 Liter gibt Jaguar als Durchschnittsverbrauch an. Erreichen lässt sich der jedoch nur mit kontemplativer Fahrweise bei Richtgeschwindigkeit auf langen Autobahnetappen. Sobald die Kraftreserven wirklich angetastet werden oder das Repräsentationsmobil in der Stadt bewegt wird, kann man das Auto vor der Ampel ausrollen lassen oder untertourig dahinblubbern wie man will – die Verbrauchsanzeige tendiert auf jeden Fall gen zwanzig Liter.

Ein Wünsch-dir-Was für Autofahrer

Verwunderlich ist das nicht angesichts dessen, was der Wagen alles mit sich herumschleppt, um Chauffeur und Passagieren die Fahrt so kommod wie möglich zu machen. Der Tempomat hält automatisch den Sicherheitsabstand zum Vorausfahrenden ein, in den Außenspiegeln sitzen Warnlämpchen, für den Fall, dass sich ein anderes Auto im toten Winkel aufhält, es gibt vorn und hinten Einparksensoren und obendrein eine Rückfahrkamera sowie eine Musikanlage von Bowers & Wilkins mit 440 Watt und 14 Lautsprechern. Dann noch Sitzheizung, Lenkradheizung, berührungslose Lichtschalter und alle aktuellen Sicherheitssysteme.

Auf der einen Seite fällt einem nichts ein, was dem Auto noch fehlen könnte. Auf der anderen Seite aber ist es eine ganze Menge. Die Linienführung der Karosserie beispielsweise folgt der Mode der Coupé-Limousine, die mit dem Mercedes CLS begann, vom VW Passat fortgeführt wurde und die demnächst auch den Porsche Panamera und den Aston Martin Rapide prägen wird. Für die Fondpassagiere bedeutet das, dass sie beim Ein- und Aussteigen den Schädel einziehen müssen und dass drinnen die Kopffreiheit eingeschränkt ist. Das ist der Preis für die elegante, schnittige Form – denn wenn man das Außendesign isoliert betrachtet, ist es ein toller Wurf des Jaguar-Kreativchefs Ian Callum.

Sportlichkeit, die manchmal nervt

Im praktischen Autoalltag nervt die Sportlichkeit des XF auch an anderer Stelle. Die V8-Kompressorvariante trägt nämlich serienmäßig 20-Zoll-Räder mit Niederquerschnitt-Bereifung, was cool aussehen soll, in bewegtem Zustand jedoch den Abrollkomfort rapide senkt. Das passt einfach nicht zu einem feudalen Gefährt für mindestens 80.820 Euro, das eben kein Sportwagen ist, sondern trotz aller muskulöser Attribute eine Limousine. Und in dieser Fahrzeuggattung sollte das gepflegte Vorwärtskommen an oberster Stelle stehen.

Das lässt sich gewiss auch im XF realisieren. Nur eben nicht im Achtzylinder-Kracher, sondern zum Beispiel im neuen Top-Dieselmotor mit 3 Liter Hubraum und 275 PS Leistung, der ab April den bisherigen Selbstzünder (2,7 Liter, 207 PS) ersetzen wird. Die frische Maschine tritt laut Jaguar mit dem enormen Drehmoment von 600 Nm, einem Sprintwert von 6,4 Sekunden und einem Durchschnittsverbrauch von 6,8 Litern an. Der Grundpreis für den Wagen wird 54.500 Euro betragen.

So motorisiert wird der Jaguar XF vermutlich überzeugender zu dem Auto, das er so gerne sein möchte: Eine rasante Limousine im knappen Gewand, die ebenso durchtrainiert wie rassig aussieht, trotzdem aber gelassen und souverän zu bewegen ist. Und der XF wird dann endgültig zum kompetenten Herausforderer der dicken Modelle des deutschen Dreigestirns Audi, BMW und Mercedes. Stilistisch ist das der Wagen nämlich allemal.



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