Jaguar XKR-S Der Verführer aus dem Königreich

Bildschönes Äußeres, bestens trainiert, stilsichere Eleganz: Der Jaguar XK braucht den Vergleich mit den meisten Sportwagen nicht zu scheuen. Nur auf langen Geraden konnte der Brite bislang nicht mithalten. Der neue XKR-S wetzt diese Scharte jetzt gründlich aus.


Russ Varney sieht zufrieden aus. Der freundliche Brite ist "Chief Programme Engineer" des Jaguar XK und damit so etwas wie der Vater eines der schönsten aktuellen Sportwagen. Das Lob dafür strichen bislang allerdings meist andere Protagonisten der Marke ein: Designchef Ian Callum zum Beispiel für die atemberaubende Optik oder Fahrwerks-Entwickler Mike Cross für die saubere Abstimmung von Coupé und Cabrio. Varney - vom Typ eher Versicherungsvertreter als Vollgas-Fanatiker - stand eher nicht im Mittelpunkt. Was möglicherweise daran lag, dass die Fahrleistungen des Jaguar XK bislang nicht wirklich überragend waren.

Die Konkurrenz bot in dieser Hinsicht meist mehr. Denn trotz bis zu 510 PS Motorleistung im XK war noch bis vor kurzem bei maximal 250 km/h die Höchstgeschwindigkeit erreicht. Das ändert sich jetzt, denn zu einem Preis von mindestens 129.900 Euro tritt der XKR-S an. "Das Auto ist unsere Eintrittskarte in den exklusiven Tempo-300-Club", sagt Varney. Exakt 300 km/h schnell ist nämlich der ab September lieferbare Jaguar XKR-S - und damit zugleich das schnellste Serienmodell in der Geschichte der britischen Nobelmarke. Zumindest, bis in zwei Jahren der Hybrid-Sportwagen C-X75 mit maximal 325 km/h an ihm vorbei ziehen wird.

Für die Jagd auf Maserati Gran Tourismo, Mercedes SLS oder Porsche 911 erhält der Jaguar eine nochmals nachgeschärfte Version des fünf Liter großen Kompressor-Motors. Ohne dass sich am ohnehin schon stattlichen und in der Praxis trotzdem nicht zu erreichenden Normverbrauch etwas ändern würde, legt der V8-Direkteinspritzer dank einer neuen Steuerelektronik um knapp zehn Prozent zu und bringt es nun auf 550 PS. Während der Sound aus dem mit speziellen Klappen gesteuerten Sportauspuff von einem tiefen Donnergrollen in ein wütendes Brüllen wechselt und der Zeiger des Drehzahlmesser nach oben schnellt, werfen bis zu 680 Nm den Wagen vehement voran. Tief in die weich gepolsterten Sitze gedrückt, nimmt man beinahe atemlos wahr, wie das Coupé in 4,4 Sekunden auf Tempo 100 stürmt.

Das schlechte Verkehrsgewissen fährt fast immer mit

Überholmanöver erscheinen so simpel wie der Slalom auf dem Parkplatz, mit dem Varney zu Beginn der Testfahrt die Agilität des immerhin 1,8 Tonnen schweren Engländers unter Beweis stellen wollte. Jede Gerade wird zum Lackmustest für die eigene Verkehrsmoral - schließlich braucht das Auto für den Zwischenspurt von 100 auf 180 km/h nur 7,6 Sekunden und gerät auch weit jenseits von 200 km/h noch lange nicht außer Puste. Der XKR-S beschleunigt so mühelos, dass man eigentlich permanent ein schlechtes Gewissen hat und in Gedanken schon die Zeit ohne Führerschein plant.

Der Reiz des Rasens fußt allerdings nicht nur auf der Geschwindigkeit. Was den XKR-S ausmacht, ist das faszinierende Fahrverhalten: Selbst im etwas freizügigeren Track-Modus, in dem das ESP das Heck durchaus mal ein wenig tänzeln lässt, die sechsstufige Automatik später hoch- und früher herunterschaltet und die Elektronik dem Auspuff regelmäßig das verführerische Schlürfen und Schlagen künstlicher Fehlzündungen entlockt, bleibt der Wagen leicht beherrschbar. Dank eines strammer abgestimmten Fahrwerks und der um zehn Millimeter tiefer gelegten Karosserie kann man auf der Rennstrecke um die Bestzeit ringen, sich immer näher an die Ideallinie heran tasten ohne das die dabei real existierende Gefahr wirklich fühlbar würde.

Gebaut wird das Auto nur auf Bestellung

"Das ist aber nur eines von zwei Gesichtern unseres Spitzensportlers", sagt Varney und bemüht das alte Bild vom Gentleman-Driver. "Der will nicht nur auf der Rennstrecke, sondern auch auf dem Heimweg seinen Spaß haben." Deshalb ist der XKR-S eben kein kompromisslos harter und aufs Wesentliche reduzierter Karftmeier. Sondern er bleibt ein Luxusliner, der genauso gut zum exklusiven Dahingleiten taugt und einem dank der Komfortreserven des Fahrwerks auch nach mehreren Stunden die Fahrerei nicht verleidet. Selbst der Kofferraum ist mit 330 Litern Fassungsvermögen fast auf dem Niveau eines VW Golf und damit durchaus alltagstauglich.

Allerdings muss man eines wissen, wenn man sich für dieses Auto interessiert: Wer mit dem schnellsten Jaguar aller Zeiten von dann stürmen möchte, darf es nicht eilig haben. Anders als sonst bei Sonderserien üblich, ist Stückzahl der XKR-S zwar nicht limitiert, der GT wird aber nur auf Bestellung gebaut. Das bedeutet, dass von der Unterschrift bis zur ersten Ausfahrt mindestens drei Monate vergehen.

Mehr zum Thema


© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.