Autogramm: EV6 Wie Kia aus der Kiste

Spannende Elektroautos aus Asien? Gab es in Europa lange kaum. Doch plötzlich stellt auch Kia einen bemerkenswerten Wagen vor. Der Preis könnte Stammkunden allerdings erschrecken.
Der neue Kia EV6 bietet ein futuristisches Fahrgefühl und ein 800-Volt-Hochspannungsbordnetz

Der neue Kia EV6 bietet ein futuristisches Fahrgefühl und ein 800-Volt-Hochspannungsbordnetz

Foto: Thorsten Weigl / KIA

Der erste Eindruck: Das Heck mit der mächtigen Abrisskante ist eine Schau. Doch anders als vergleichbare SUV wie VW ID.4 oder BMW iX wirkt der EV6 dennoch schnittig. Das Design dient auch der Abgrenzung zum Schwestermodell Hyundai Ioniq 5.

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Kia EV6: Aufbruch Richtung Premium

Foto: Thorsten Weigl / KIA

Das sagt der Hersteller: Kia erfindet sich gerade neu, will raus aus der Ecke der gesichtslosen Massenhersteller. Deshalb gibt es ein anderes Markenzeichen, dazu soll eine neue Formensprache etabliert werden. So soll sich Kia auch von der Konzernschwestermarke Hyundai emanzipieren, die bisher meist die Meriten für Errungenschaften wie Brennstoffzelle oder das elektrische Fahren erntete. »Dieses Auto markiert für uns den Neuanfang«, sagt Produktmanager Ioannis Roussis. Es soll als Erstes von mehr als einem halben Dutzend Batterieautos helfen, Kia als Treiber der E-Mobilität zu etablieren. Roussis rühmt die Plattform des EV6 als Erste, die bei einem Massenhersteller mit 800 Volt arbeitet. Die Technik ist sonst eher von Porsche, Pininfarina und Co. bekannt. Selbst Mercedes und BMW begnügen sich mit der halben Spannung – diese Autos laden also langsamer Strom.

Kia klettert allerdings in Preisregionen, bei denen Bestandskunden Schnappatmung bekommen könnten. 60.000 Euro und mehr für ein Auto, das waren Kia-Kunden bislang nicht gewohnt. Aber Roussis will mit dem EV6 ja vor allem »neue Kunden erobern«.

Das ist uns aufgefallen: Wählte Kia bisher einen fast klassischen Stil für die Cockpits, fühlt sich der Fahrer im EV6 wie im Raumschiff. So haben die Kia-Designer zwei gekrümmte Bildschirme im sanften Bogen hinter dem Lenkrad drapiert. Auf die Frontscheibe werden Grafiken projiziert, die sich mit Augmented-Reality-Technik der Umgebung anpassen. Klimaanlage und viele andere Funktionen werden fast nur noch über Screens und Sensorflächen gesteuert.

Das Fahren verstärkt das Raumschiffgefühl. Lautlos und energisch gleitet der EV6 über die Straße. Auch dabei gibt es einen Unterschied zum Hyundai-Schwestermodell: Der Kia soll ein Sportler unter den Stromern sein. Fahrwerk und Lenkung sind spürbar strammer eingestellt als beim Ioniq 5.

Was beide teilen, das ist die gelungene Rekuperation. Zu den üblichen Stufen, die wahlweise kilometerweites Segeln oder starke Verzögerung auch ohne Nutzung der mechanischen Bremse erlauben, gibt es einen Automatikmodus. Der entscheidet mithilfe von Abstandsregelung und Navigationsdaten, wie stark das Auto verzögert, wenn der Fahrer den Fuß vom Gas lupft. So lässt es sich oft und einfach mit einem Pedal fahren.

Auffällig ist, wie viel Platz der Wagen innen bietet. Vorn sitzt man sogar besser als im großen Kia-SUV Sorento, und hinten gibt es bei 2,90 Metern Radstand mehr Beinfreiheit als in jedem anderen Modell der Marke. Fürs Gepäck gibt es zusätzlich zu den 530 bis 1300 Litern Kofferraum im Heck noch einen »Frunk« im Bug, wie bei Tesla. Selbst wenn der bei den Allradmodellen wegen des zweiten Motors nur 20 statt wie sonst üblich 52 Liter bietet, ist er groß genug für Ladekabel und Pannenset.

Allerdings ist im EV6 keine verschiebbare Rückbank vorhanden. Im Weg ist die wuchtige Konsole zwischen den vorderen Sitzen. Die war den Kia-Entwicklern wichtig, weil sich in ihr viel Kram verstauen lässt und sie dem schmucken Fahrregler eine Bühne gibt.

Ansonsten gönnt Kia dem Auto reichlich Ausstattung bis hin zu einem ziemlich autonom agierenden Highway-Piloten. Zudem soll der EV6 bei der Materialauswahl nachhaltig sein. Für den Innenraum eines Fahrzeugs werden laut Hersteller mehr als 100 Plastikflaschen recycelt.

Das muss man wissen: Der EV6 nutzt, wie der Ioniq 5, die E-GMP-Plattform des koreanischen Großkonzerns und startet im Herbst in mehreren Varianten. Es gibt zwei Batteriegrößen mit 58 oder 77,4 kWh, die WLTP-Reichweiten von bis zu 528 Kilometern ermöglichen, und anfangs drei Motorvarianten. Das Basismodell hat einen 125-kW-Motor an der Hinterachse, und die sogenannte GT-Line kommt als Hecktriebler auf 168 oder als Allradler mit zweitem Motor auf 239 kW. Damit sind dann bis zu 185 km/h möglich – ein Hauch mehr als in den MEB-Modellen des VW-Konzerns, aber weniger als bei Tesla. Vorerst zumindest. Später folgt ein EV6 GT, der mit 430 kW in 3,5 Sekunden auf Tempo 100 kommt und erst bei 260 km/h abgeregelt wird. Die Preise beginnen bei 44.990 Euro und liegen damit nicht nur über VW und Co., sondern auch 3000 Euro über dem Ioniq 5.

Schnell will der Kia auch an der Steckdose sein. Das Auto lädt sowohl an 400- als auch an 800-Volt-Stationen, kommt dort im besten Fall in 18 Minuten von 10 auf 80 Prozent Akkuladestand. Damit benötigt er lediglich viereinhalb Minuten, um Energie für 100 Kilometer Fahrstrecke zu fassen. Das ist schneller als manches sehr viel teurere E-Auto wie der Mercedes EQS. Dennoch gibt es für den Boxenstopp ein nettes Gimmick: Auf Knopfdruck werden die Sitze zu bequemen Liegen. Dass das Laden in der Praxis meist länger dauert als in der Theorie , tut dann gleich nur noch halb so weh.

Das werden wir nicht vergessen: Den Adapter, mit dem sich die Batterie anzapfen lässt. Wer das Gerät in die Buchse unter der Tankklappe steckt, kann nicht nur seinen Elektrorasenmäher einstöpseln, die Musikanlage für die Party am Baggersee oder den E-Bike-Akku. Sondern er kann sogar anderen Elektroautos Starthilfe geben.

Hersteller:

Kia

Typ:

EV6

Karosserie:

Limousine

Motor:

Zwei Elektromotoren

Leistung:

239 kW / 325 PS

Drehmoment:

605 Nm

Getriebe:

Eingang-Automatik

Antrieb:

Allradantrieb

Von 0 auf 100:

5,2 s

Höchstgeschwindigkeit:

185 km/h

Verbrauch:

17,2 kWh/100 km

Kraftstoff

Strom

Batteriekapazität

77,4 kW/h

Reichweite

506 km

CO2-Ausstoß:

0/km

Gewicht:

2080 kg

Länge/ Breite/ Höhe (in mm):

4695 / 1890 / 1550

Kofferraumvolumen:

530 - 1300 Liter

Preis:

ca. 57.000 €

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